Bleiben oder gehen: Wie Migras und Linke in Magdeburg am Wahlabend reagieren
18 Uhr, Domplatz in Magdeburg, plötzlich Glocken, Sirenen, Rauch. Unter einige Linke haben sich vereinzelte AfD-Sympathisanten gemischt. Derweil startet bei Saaeid Saaeid im LAMSA-Büro der gemeinsame Wahlabend. Eine Reportage
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Schon am Sonntagnachmittag ist die Atmosphäre in Magdeburg merkwürdig. Auf dem Bahnhofsvorplatz tummeln sich Menschen, die unterschiedlicher kaum sein könnten. Dutzende Polizisten, Mannschaftswagen, dazu Journalisten, Kamerateams, Mikrofone und Livestreamer – alle scheinen darauf zu warten, dass irgendetwas passiert.
Dann taucht eine Gruppe linker Demonstrierender auf. Etwa 50 Menschen halten eine Kundgebung ab, gegen Kapitalismus, gegen Faschismus, gegen das System. Plötzlich haben alle, die vorher etwas verloren auf den Platz geblickt haben, einen Fixpunkt. Die Polizisten beobachten die Kundgebung, die Streamer streamen. Irgendwann scheint ihnen langweilig zu werden, einige beginnen, sich gegenseitig zu interviewen.
Wahlabend bei bei LAMSA in der Magdeburger Altstadt
Ein paar Straßen weiter, im Eine-Welt-Haus im Süden der Magdeburger Altstadt, öffnen sich die Türen für den Wahlabend des Landesnetzwerks Migrantenorganisationen Sachsen-Anhalt, kurz LAMSA. Es gibt Kaffee, Tee, Limonade und ein Buffet mit Basmatireis und Huhn, Hackfleischspießen und Auberginen in Sauce. Auch hier wird gewartet.
Saaeid Saaeid hört zu, wie zur Eröffnung versucht wird, einigermaßen Zuversicht und gute Laune zu verbreiten. Ein paar Scherze werden gemacht. Aber die Anspannung lässt sich nicht überspielen.
Saaeeid ist 26 Jahre alt, lebt in Magdeburg und ist Vorsitzender des Syrisch-Deutschen Kulturvereins. Eine Stunde vor der ersten Prognose sagt er: „Wir sind sehr besorgt, wenn wir uns die letzten Umfragen ansehen.“
Nach dem „Migrastreik“
Die Verantwortung für die Stärke der AfD sieht er vor allem bei der Politik. Den Parteien sei es nicht gelungen, Politik für alle Menschen zu machen. Auch unter AfD-Wählern gebe es Sorgen über tatsächliche Probleme, gepaart mit Vorurteilen. Viele Menschen fühlten sich von der Politik nicht mehr gehört. Auch für sie müsse Politik da sein. Bei den regierenden Parteien vermisst er das. „Man kann eine Partei nicht besiegen, wenn man die Sprache dieser Partei übernimmt.“ Saeed sieht trotzdem etwas Positives in den vergangenen Wochen. „Wir haben sehr viel Solidarität erfahren. Aus anderen Städten in Sachsen-Anhalt und darüber hinaus.“
Es blieb nicht bei Solidaritätsbekundungen. Die Sorge vor einer möglichen AfD-Regierung hat zu neuer Organisierung geführt. Ende August fand in Sachsen-Anhalt ein „Migrastreik“ statt, den Saaeeid maßgeblich mitorganisierte. Rund 150 Geschäfte beteiligten sich und schlossen ihre Türen. Eine solche Form der migrantischen Selbstorganisierung habe es in Sachsen-Anhalt bislang nicht gegeben, sagt Saeed. „Jetzt war es möglich, weil die Lage so ernst ist.“ Auch sonst sei in den vergangenen Monaten im Hintergrund viel entstanden: neue Kontakte, Initiativen, Bündnisse.
Was Djamel Amelal aus Halle-Neustadt seit 2025 beobachtet
Djamel Amelal versucht ebenfalls, sich die Zuversicht nicht nehmen zu lassen. Weißes Hemd, Schiebermütze – Amelal ist Vorsitzender der Islamischen Glaubensgemeinschaft in Sachsen-Anhalt und des Islamischen Kulturcenters in Halle-Neustadt. Seit 1990 lebt er in Halle, geboren wurde er 1968 in Algerien.
Seit ungefähr 2015 beobachte er eine kontinuierliche Zunahme von Rassismus: im Alltag, auf dem Wohnungsmarkt, auch im Kontakt mit Behörden. Mit der Aussicht auf eine mögliche AfD-Regierung hätten sich die Sorgen in der muslimischen Community noch einmal zugespitzt. Immer wieder stellten sich Menschen die Frage, ob sie gehen oder bleiben sollten. Amelal will trotzdem seinen Optimismus bewahren. „Wir hoffen sehr, dass die Demokratie am Ende gewinnt.“
Bei LAMSA wollen die Anwesenden gemeinsam die 18-Uhr-Prognose anschauen. Lieber zusammen als allein, so etwas wie das stillschweigende Motto dieses Wahlabends. Vor dem Gebäude steht Polizei.
Magdeburg, Domplatz, 18 Uhr: Sirene, Rauch,Glockengeläut
Gut einen Kilometer Luftlinie weiter nördlich liegt der Domplatz, einer der zentralen Plätze Magdeburgs. Auf seiner Südseite steht ein Flügel, ein Mann spielt darauf. Es ist kurz vor 18 Uhr. Auf dem riesigen Platz haben sich einige Gruppen verteilt. Eine kleine Bühne ist aufgebaut. „Wir bleiben bunt“, steht auf einem Transparent. Hinter den Menschen auf der Bühne: „vielfältig, demokratisch, solidarisch“.
Vielleicht hundert Menschen sind gekommen. Um sie herum fast noch einmal so viele Reporter, Fotografen und Kamerateams. Am Rand stehen kleinere Grüppchen, deren Sympathien offenbar eher der AfD gelten. Einer der Männer trägt eine etwa zwei Meter lange Deutschlandfahne über den Platz.
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Dann beginnen die Glocken des Magdeburger Doms zu schlagen. Die tiefen, schweren Töne legen sich über den Platz und hallen zwischen den Gebäuden nach.
Punkt 18 Uhr beginnt etwas Gespenstisches. Fast alle starren auf die Bildschirme ihrer Smartphones. Aus einer Installation des Zentrums für Politische Schönheit ertönt plötzlich eine laute Sirene, Rauch zieht über den Platz. Für einen Moment entsteht ein unwirkliches Schauspiel aus Glocken, Sirene, Rauch und Menschen, die schweigend auf ihre Telefone blicken.
Ein Mann Mitte 50 setzt sich in das große Herz und beginnt zu weinen
Die ersten Prognosen kommen nach und nach an: Kopfschütteln. Schweigen. Menschen halten die Hände vor den Mund. Es gibt auch Erleichterung darüber, dass SPD und Grüne nach den ersten Zahlen klar über der Fünfprozenthürde liegen. Aber vor allem herrscht Entsetzen über die Stärke der AfD.
Hinter der Bühne wird ein etwa zehn Meter langes rotes Banner entrollt. In großen weißen Buchstaben steht darauf: „Hoffnung organisieren“. Es liegt auf dem Boden. Ein paar Fernsehteams und Fotografen entdecken es sofort. Endlich etwas, das sich gut filmen lässt. Hoffnungsfroh wirken die Gesichter auf dem Domplatz nicht, eher fassungslos.
Ein Mann Mitte 50 setzt sich in das große Herz, das auf dem Domplatz steht. Er beginnt zu weinen. Nur wenige Sekunden später kommen zwei Frauen zu ihm. Sie hören ihm zu, nehmen ihn in den Arm.
Ein Fernsehteam beobachtet die Szene und bittet den Mann anschließend um ein Interview. Danach steht er wieder bei den beiden Frauen. Er heißt Eddy Renard. Das Ergebnis habe ihn einfach überkommen, sagt er. „Ich habe mir die Frage gestellt, woher der ganze Hass kommt.“ Eine Antwort darauf hat er nicht. Gerade jetzt brauche es Solidarität. Zumindest an diesem Abend erfährt er sie.
15.000 demonstrierten tags zuvor für die Demokratie
Eine der Frauen, die zu ihm gekommen sind, ist Angela Mund. Sie setzt sich für freie Kunst und Theater in Sachsen-Anhalt ein. Als die ersten Prognosen eintrafen, habe sie nur gedacht: Was für ein Grusel. Erst einmal müsse man aber die Ergebnisse abwarten. Dann weitermachen. Egal wie es ausgeht: „Der Krimi geht aber jetzt erst so richtig los“, sagt Mund. Sie fürchtet, dass die kommenden Tage kompliziert werden könnten. Vielleicht gebe es Abweichler bei der Union. Vielleicht werde das BSW zum Zünglein an der Waage und arbeite am Ende doch mit der AfD zusammen.
Der Domplatz ist nicht voll. Aber er leert sich zunächst auch nicht. Es wirkt, als wollten die Menschen in ihrem Schock noch eine Weile zusammenbleiben. Immer wieder erinnern die Rednerinnen und Redner auf der Bühne an das Demokratiefestival tags zuvor und an die bis zu 15.000 Menschen, die auf dem Domplatz standen.
Die AfD-Anhänger am Rand sind auch noch da, ebenso die große Deutschlandfahne. Gehalten wird sie von Alexander von Alten Blaskowitz. Grauer Bart, Glatze, kariertes Hemd, eine weiße Strickjacke lässig über die Schultern gelegt. Er ist eigens aus Nürnberg angereist, um das Wochenende in Magdeburg zu verbringen. Ulrich Siegmund sei „ein toller Typ“. Die AfD müsse endlich einmal in einem Bundesland regieren. Warum? „Deutschland zuerst, deshalb bin ich da.“
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Eigentlich wäre er gerne bei der Wahlparty der AfD gewesen. Er sei selbst Parteimitglied. Aber hineinzukommen sei kaum möglich gewesen. Man habe ihm gesagt, die Partei meide aus Sicherheitsgründen die Innenstadt. Um seine eigene Sicherheit macht er sich keine Sorgen. „Ich laufe schon den ganzen Tag mit meiner Fahne herum.“ Die Reaktionen seien fast ausschließlich positiv gewesen, sagt er, „zu 97 Prozent“. Zum Abschied wiederholt er noch einmal: „Deutschland zuerst.“ Deutschland müsse endlich befreit werden – vom „Besatzer USA“.
Auf der anderen Seite des Platzes versuchen sich die Gegner der AfD inzwischen selbst Mut zu machen. „Alerta, alerta, antifascista“, rufen einige. Dann: „Alle zusammen gegen den Faschismus.“
Auf der Straße gegen die AfD
Am Rand des Platzes steht ein kleines Zelt der Revolutionären Linken, einer Abspaltung des Marx21‑Netzwerks. Auf einem Tisch liegt Material zu Lenin und Trotzki. Lisa lebt heute in Stuttgart, kommt aber aus Sachsen-Anhalt. Für den Wahlabend ist sie zurückgekommen. Ihre Gruppe steht für einen klar linken Kurs, sucht an diesem Abend aber den Schulterschluss mit allen, die sich vor der AfD fürchten und gegen sie auf die Straße gehen. „Wir werden die AfD nicht stoppen, wenn wir nur vom Rand aus zuschauen.“ Von parlamentarischen Bündnissen hält sie wenig. Der Kampf in den Parlamenten sei eine Sackgasse. Entscheidend seien gesellschaftliche Auseinandersetzungen – auf der Straße, bei der sozialen Frage, bei Krieg und Aufrüstung.
Ein paar Meter weiter hat sich Eddy Renard inzwischen wieder gefangen. Er verabschiedet sich von den Frauen, die ihn vorhin in den Arm genommen haben. Angela Mund schaut über den Platz. Noch immer stehen Menschen auf der kleinen Bühne und versuchen, Zuversicht zu verbreiten. Wie nimmt sie die Stimmung wahr? „Verzweiflung und Wut“, sagt sie.
Die Hoffnung nach dem Wahlabend bei LAMSA
Verzweiflung, weil so viele Menschen über Wochen und Monate daran gearbeitet hätten, den weiteren Aufstieg der AfD zu verhindern – und es offensichtlich nicht gelungen sei. Aber auch Wut auf die eigenen Leute – auf Nachbarn, auf die eigene ostdeutsche Community. „Wie kann man trotz der vielen schlechten Erfahrungen nach der Wende einer solchen Partei die Stimme geben?“, fragt sie sich. Und trotzdem versucht auch Mund, in dieser Stunde etwas zu finden, das über die Niederlage hinausweist. „Politisch ist das eine Zäsur, was wir hier erleben.“
Aber all das, was in den vergangenen Monaten entstanden sei – Aktionen, Vernetzungen, Festivals, Bündnisse, Initiativen –, werde hoffentlich bleiben. Auch die ungewöhnlich große mediale Aufmerksamkeit für die Zivilgesellschaft in Sachsen-Anhalt habe viele Aktive bestärkt. „Jetzt muss es darum gehen, dass die Aufmerksamkeit bleibt.“
Der gemeinsame Wahlabend bei LAMSA ist zu diesem Zeitpunkt bereits beendet. Saaeid Saaeid ist am Telefon. Alle seien erschüttert, sagt er. Ein schlechter Tag für Sachsen-Anhalt. Die Angst vor einer AfD-Regierung sei groß. Doch die Hoffnung sei noch da, dass die Menschen, die in den vergangenen Monaten begonnen hätten, sich für Demokratie und Menschenwürde einzusetzen, jetzt nicht wieder damit aufhörten.
Der Linke Mustafa Groener gewinnt in Magdeburg ein Direktmandat – nicht nur er
Immer wieder wird in diesen Tagen darüber gesprochen, ob Menschen Sachsen-Anhalt verlassen werden. Saaeid weist darauf hin, dass manche diese Entscheidung überhaupt nicht treffen können. Menschen im Asylverfahren dürfen ihren Wohnort nicht ohne Weiteres wechseln. Bei ihm mischt sich die Wut über das Ergebnis mit Trotz.
Auf dem Domplatz wird es inzwischen leerer. Auch die AfD-Anhänger verschwinden nach und nach. Dafür tauchen mehr junge Rechte auf, die durch die Innenstadt ziehen. Von der Bühne kommen die letzten Durchhalteparolen.
Später am Abend erreichen die Menschen auf dem Platz noch Nachrichten, die zumindest für die Linke Anlass zur Freude bieten. In Halle gewinnen Gitta Hartenstein-Wiermann und Jannis-Loris Balint ihre Direktmandate, in Magdeburg II Mustafa Groener. Kleine rote Flecken auf einer ansonsten für viele hier düsteren Wahlkarte. Die Mehrheitsverhältnisse dagegen sind noch lange nicht geklärt. Vielleicht wird es Tage dauern, womöglich länger. Saaeid sagt am Telefon: „Wir werden bleiben.“ Dann fügt er hinzu: „Aber wir werden angewiesen sein auf Unterstützung – aus anderen Bundesländern und aus dem Bund.“ Auf dem Domplatz liegt hinter der Bühne noch immer das große rote Banner „Hoffnung organisieren“.