Arthur Ashe Stadium der US Open: Eine Tennisarena auf Steroiden

Die einfachste Art, die US Open in New York zu erreichen, ist, die Linie 7 der U-Bahn zu nehmen. So muss man sich nicht im Stau durch die Metropole quälen. Man steigt zum Beispiel am Times Square in Manhattan e...

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Arthur Ashe Stadium der US Open: Eine Tennisarena auf Steroiden

Die einfachste Art, die US Open in New York zu erreichen, ist, die Linie 7 der U-Bahn zu nehmen. So muss man sich nicht im Stau durch die Metropole quälen. Man steigt zum Beispiel am Times Square in Manhattan ein und nach 19 Stationen Richtung Osten an der Haltestelle Met-Willets Point im Stadtteil Queens aus. Der Tennisbesucher nimmt den Weg über den renovierungsbedürftigen Passerelle Boardwalk, ein Relikt aus den 1930er-Jahren. Beim Betreten der aus Brettern zusammengeschusterten Fußgängerbrücke lässt sich sofort ein mächtiges Bauwerk erblicken: das Arthur Ashe Stadium, die weltweit größte Tennisarena, ein Monstrum von Konstruktion. 23 771 Zuschauer verschlingt es. Die anderen Grand-Slam-Turniere in Melbourne, Paris und Wimbledon verfügen jeweils nur über Plätze für rund 15 000 Menschen.

Die erste Anmutung ist daher eine völlig andere als etwa bei den French Open mit dem puristisch-futuristischen Außendesign oder beim Centre Court in Wimbledon, der als der heilige Gral im Tennis gilt und ehrfürchtig wie ein Pilgerort behandelt wird. Das Arthur Ashe Stadium mit dem achteckigen Grundriss strahlt keine Eleganz, keine Erhabenheit, keine Demut aus, eher ist es ein architektonisches Armdrücken, ein Spielort auf Steroiden. Die Stahlsäulen, die das Dach tragen, ragen 38 Meter in die Höhe. So wirkt das Ganze wie eine ufoartige Betonschüssel auf Krücken. Es ist zweifellos die Wucht, die Masse, die Rohheit dieses Gebildes, das einem von außen den Atem nimmt. Und innen geht das Spektakel weiter. Denn die Menschen, die dort regelmäßig sitzen, bilden eine wunderbare Symbiose mit der Arena.

US Open im Tennis

:Zverev entdeckt den Tunnelblick

Bloß keine Ablenkung: Alexander Zverev gewinnt in New York Spätschicht um Spätschicht – dass er erneut im Achtelfinale steht, hat er auch einer gewissen psychischen Resilienz zu verdanken.

Der Rasenklassiker in Wimbledon ist auch deshalb so einzigartig, weil es keinen Tennisplatz gibt, auf dem eine derartige Stille herrscht, vor Aufschlägen, bei Ballwechseln. Man kann dort hören, wenn jemand schluckt. Das Arthur Ashe Stadium dagegen ist, auch wenn das klischeehaft klingt, so richtig New York. Hemdsärmelig, schroff, grob, und wenn noch die New Yorker drinsitzen, lärmt, vibriert und dröhnt es in einem fort. Stille ist hier verpönt.

Wer nicht fettig frittierte Chicken-Wings und den Honey Deuce, ein Getränk auf Wodka-Basis, mitnimmt, permanent redet, Selfies an der Balustrade macht und zwischendurch ruft oder grölt, ist nie bei den US Open gewesen. Die USTA, der amerikanische Verband und Veranstalter, will explizit diese Extrovertiertheit. Bei Seitenwechseln werden Zuschauer und VIPs auf den mächtigen Bildschirmen eingeblendet, die dann winken und tanzen. Jeder erhält seine drei Sekunden im Spotlight. Es ist genau dieser Kontrast zu den Spielstätten der anderen drei Grand-Slam-Turniere, der die Profis tatsächlich nicht abschreckt, sondern einnimmt.

Ashe ist wie ein Licht am Ende des Tunnels. Es fühlt sich tatsächlich so an, als würde man auf dem Platz angestrahlt.

Der viermalige US-Open-Sieger Novak Djokovic

„Wenn sie für dich jubeln, ist das das beste Gefühl, das ich je in großen Stadien erlebt habe“, sagte einmal Aryna Sabalenka, die in vergangenen beiden Jahren den Titel in New York gewann und nun nach einem 6:4, 6:3 am Sonntag gegen die US-Amerikanerin Taylor Townsend wieder im Viertelfinale steht. Der viermalige US-Open-Sieger Novak Djokovic sagte den schönen Satz: „Ashe ist wie ein Licht am Ende des Tunnels. Es fühlt sich tatsächlich so an, als würde man auf dem Platz angestrahlt.“

Die neueste ins Arthur Ashe Stadium verliebte Person ist Alexander Zverev. „Wenn das Stadion voll ist, ist es unfassbar laut. Ich habe den Ball beim Auftippen vor dem Aufschlag gar nicht gehört“, sagte der deutsche Weltranglistenzweite, der in New York erstmals als Nummer eins gesetzt ist: „Das ist anders als in Paris oder Wimbledon, wo alle da sind fürs Tennis. Und sie konzentrieren sich alle aufs Tennis. Ich glaube, hier ist es mehr so ein Social-Event. Alle haben ein wenig zu trinken, alle haben Spaß.“ Er finde es aber „trotzdem schön, auf dem Centre Court zu spielen“, was man sich denken konnte. Dreimal hintereinander lief er in der zweiten Partie des Abends auf, auch im Achtelfinale gegen den Italiener Luciano Darderi bekommt der 29-Jährige diese Bühne (in der deutschen Nacht auf Dienstag). Zverev, der im Juni in Paris seinen ersten Grand-Slam-Titel errang, könnte der erste deutsche männliche Sieger im Arthur Ashe Stadium nach Boris Becker werden. Der heute 58-Jährige besiegte 1989 im Finale Ivan Lendl.

Im Arthur Ashe Stadium ist es lauter als in irgendeiner anderen Tennisarena – und der amerikanische Verband und Veranstalter USTA will explizit diese Extrovertiertheit.

Im Arthur Ashe Stadium ist es lauter als in irgendeiner anderen Tennisarena – und der amerikanische Verband und Veranstalter USTA will explizit diese Extrovertiertheit.

Angela Weiss/AFP

Die Geschichte der US Open ist lang und wechselhaft, nach mehreren Standortumzügen und Belagwechsel der Plätze (von Gras auf Sand) landete die Veranstaltung, 1881 erstmals ausgetragen, 1978 in Flushing Meadows. Seitdem wird auf Hartplatz gespielt. 1997 wurde das Arthur Ashe Stadium für 254 Millionen Dollar fertiggestellt, benannt nach dem Sieger der US Open 1968, als erstmals Profis teilnehmen durften. Ashe galt weit über den Tennissport als Ikone, er war der erste schwarze Grand-Slam-Champion und Bürgerrechtsaktivist. 1983 hatte er sich bei einer Herzoperation durch eine Bluttransfusion mit dem HI-Virus infiziert, 1993 starb er im Alter von 49 Jahren an einer Lungenentzündung.

Bis heute darf man sich das Arthur Ashe Stadium als ein Wesen vorstellen, das sich immer wieder der Neuzeit und den Bedürfnissen anpasst. Als es ab 2008 für mehrere Jahre wiederholt zu besonders vielen Unterbrechungen wegen Regens kam, weil noch ein Dach fehlte, investierte der Verband rund 500 Millionen Dollar in ebendieses. Um das Betonstadion zu entlasten, wurde das Dach nicht einfach oben draufgepackt, sondern die Stahlkonstruktion steht auf eigenen Pfeilern. Weltweit gibt es seit 2016 kein größeres einziehbares Dach über einem Tennisplatz.

Aktuell befindet sich die Anlage wieder in einem Renovierungsprozess, 800 Millionen investiert die USTA diesmal. Herzstück soll ein Leistungszentrum für die Profis mit diversen Annehmlichkeiten werden. Im Hauptstadion werden bei dem auf drei Jahre angelegten Projekt auch Veränderungen vorgenommen, die Umlaufbereiche sollen luftiger werden. Auf der Promenade ließen sich dann sicher noch mehr Essens- und Merchandisingstände platzieren. Dazu soll es zwei neue Ebenen speziell für Luxussuiten geben. Bei keinem Tennisstadion steht der Kommerz innerhalb der Arena so sehr im Fokus wie im Arthur Ashe Stadium. Das Tennismatch unten auf dem Platz? Dürfte dann noch mehr nur eines von vielen Erlebnissen an diesem Ort werden. Der neue Turnierchef Craig Tiley kündigte an, er wolle ein „Tennis-Disneyland“ bauen.