"Auf Arbeit nennen sie mich Flummi"

Die meisten Berliner wohnen außerhalb des Rings. Zwei rbb|24-Reporter sprechen dort Leute am Späti an und fragen, was sie umtreibt. Heute: ein Koch, der im Altenheim arbeitet, weil er dort nicht nur mehr verdient.

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"Auf Arbeit nennen sie mich Flummi"

Am Späti in Marienfelde

“Auf Arbeit nennen sie mich Flummi”

Illustration: Koch "Am Späti". (Quelle: rbb)
Illustration: Koch "Am Späti". (Quelle: rbb)

Icon Kommentar

rbb|24 will mit den Gesprächsprotokollen, die "Am Späti" entstanden sind, Einblicke in verschiedene Gedankenwelten geben und Sichtweisen dokumentieren, ohne diese zu bewerten oder einzuordnen. Sie geben die Meinungen der Gesprächspartner wieder.

Wer: Koch im Altenheim
Alter: 40 Jahre
Uhrzeit: 17:30 Uhr
Gekauft: Feierabendbier
Woher: von der Arbeit
Wohin: Gassi gehen mit dem Hund
Späti: Lottoladen mit Blick auf Plattenbauten, direkt daneben mehrere leere Ladenzeilen, nachmittags viele Stammkunden

Ich wohne seit elf Jahren hier. Vorher habe ich am Mehringdamm gewohnt, Kreuzberg. Aber als die Kinder kamen, wollte ich aus dem Ghetto dort raus. Das ist keine gute Erziehung dort. Hier ist es sehr familiär, überall Kinder, Spielplätze, Grundschule, Oberschule dahinten. Für meinen Hund ist es auch perfekt.

Er ruft ihn. "Hier is alles grün, wa' Diggi?", er krault ihn. Der Hund ist nicht angeleint. Während des Gesprächs strolcht er um uns herum, spielt mit einem Ball.

Dahinten ist ein großes Feld. Da kannst du mit den Kindern Drachen steigen lassen, Fahrradfahren.

Ich arbeite als Koch im Altenheim in der Spichernstraße. 36 Minuten Fahrt von hier, das geht. Davor war ich Kitakoch, davor im À-la-carte-Bereich und ganz am Anfang habe ich Tischler gelernt. Aber als ich fertig war, gab es nur Ikea. Schränke zusammenschrauben wollte ich nicht. Dafür habe ich keinen Tischler gelernt. Privat mache ich noch was, aber den Beruf kann sich heute kaum einer leisten.

Kochen habe ich über eine Umschulung gelernt. Was andere in drei Jahren lernen, musste ich in zwei Jahren lernen. Wenn du ein bisschen Grips hast, ist das easy.

Im Altenheim ist die Stimmung super. Die alten Leute wollen Hausmannskost. Schweinebraten, Rouladen, Rotkohl, Kartoffeln mit Soße, Sauerkraut. In der Kita war es genau andersrum. Nudeln mit Tomatensoße, Fischstäbchen, Milchreis, Pizza. Da hätten die Kinder eine Woche lang nur Nudeln und Grießbrei essen können und wären glücklich gewesen.

À la carte, also im Restaurant, würde ich nie wieder machen. Sechs Tage die Woche, 13 oder 14 Stunden und kriegst dafür 1.500 Euro Gehalt. Dann sagen sie dir, du kriegst ja auch noch Trinkgeld. Das ist für mich keine Bezahlung. Im Altenheim verdiene ich mehr, die Wertschätzung ist besser und ich habe mehr vom Leben.

Er begrüßt einen Freund per Handschlag, sie reden kurz auf Arabisch miteinander. Der Freund zeigt skeptisch auf das Aufnahmegerät, sie reden kurz, dann spielt er erstmal mit dem Hund, wir reden weiter.

Hier kennen alle meinen Hund. Sam ist eine Rottweiler-Schäferhund-Mischung. Bellen und beißen kennt er nicht. Der will nur schmusen, Ball spielen, Frisbee spielen.

Ein weiterer Freund kommt, sie reden auf Polnisch.

Ich kann Polnisch, Türkisch, Arabisch, bisschen Spanisch, bisschen Italienisch. Ich höre zu und irgendwann rede ich mit den Leuten in ihrer Sprache. Viele sagen zu mir: Du siehst aus wie ein Deutscher. Ich sage: Ja, darf ich deswegen kein Türkisch reden? Kein Arabisch? Für mich ist das kein Problem. Das war aber auch mein eigener Wille.

Auf Arbeit nennen sie mich Flummi. Ich bin überall und helfe jedem.

Plötzlich donnert's, es nieselt leicht.

Alle Politiker müssten eigentlich weg. Wirklich alle weg. Es kümmert sich doch von denen keiner um die Menschen. Alles wird teurer. Aber wo bleiben wir Arbeitnehmer? Küchenpersonal hat keine Gewerkschaft. Küchenhelfer arbeiten schwer und kriegen Mindestlohn. Davon sollst du Miete bezahlen, Essen kaufen und wenn du rauchst, auch noch Zigaretten? Das ist ungerecht.

Wenn ich für eine Gurke fast zwei Euro bezahle – die besteht doch zu 99 Prozent aus Wasser. Entschuldige, aber das ist doch zu viel. Ich bin Koch, ich weiß das doch.

Er und der eine Freund wollen jetzt spazieren gehen, Feierabendbierchen trinken. Vorher nimmt der Freund meine Hand, ich will sie wegziehen, er nimmt sie fester und drückt einen Kuss drauf. Sein Bart piekst. Der Koch entschuldigt sich für seinen Freund, dann gehen sie.

Sendung: rbb|24, 23.07.2026, 17:45 Uhr
Audio: rbb|24, 23.07.2026, Yasser Speck im Gespräch mit Jonas Wintermantel und Anna Bordel

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