„Alles Sahara“: Pilzsucher im Landkreis Ebersberg verzweifeln an der Trockenheit

StartseiteLokalesEbersbergStand: 07.09.2026, 09:06 UhrKommentareUns auf Google folgenWo normalerweise 40 verschiedene Pilzsorten wachsen, herrscht vor allem Dürre im Wald. Der fehlende Regen stresst die Bäume –...

  • 4 min read
„Alles Sahara“: Pilzsucher im Landkreis Ebersberg verzweifeln an der Trockenheit

Stand: 07.09.2026, 09:06 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Wo normalerweise 40 verschiedene Pilzsorten wachsen, herrscht vor allem Dürre im Wald. Der fehlende Regen stresst die Bäume – und das Ökosystem darunter.

Landkreis – In seiner abgewetzten Jeans kniet Günter Baumgartner auf dem Waldboden. Mit der Hand wischt er die Deckschicht aus welken Buchenblättern und braunen Fichtennadeln beiseite, schnauft laut aus und schüttelt den Kopf: „Alles Sahara“, sagt er über das ausgetrocknete Erdreich darunter. Baumgartner, 68, ist der Schwammerl-Papst vom Landkreis Ebersberg. Der Grafinger, seit Jahrzehnten Naturschutzwächter und Pilzkundler, kennt sich aus wie sonst nicht leicht einer. Aber bei der diesjährigen Trockenheit ist sogar ein Hundling wie er chanchenlos.

Schwammerlsuche mit Günter Baumgartner an der Sauschütt.

Ausgetrocknet ist das Erdreich unter der Laub- und Nadeldeckschicht, demonstriert der Schwammerlsucher an der Sauschütt. © Johannes Dziemballa

An diesem Tag ist er unweit der Hohenlindener Sauschütt im Ebersberger Forst unterwegs. Ob Birkenröhrling oder Fichtensteinpilz: Manchmal deutet schon der Name auf die alte Sammlerweisheit hin, dass sich ein Schwammerlsucher mit Bäumen auskennen sollte. „Ich muss schauen, was da wächst, dann weiß ich, was ich finde“, sagt Baumgartner und patscht mit der Hand gegen einen bemoosten Buchenstamm. „Eigentlich ist das hier ein wunderschöner Reherl-Platz.“ Doch von Pfifferlingen ist an diesem warmen Septembermorgen mal wieder keine Spur. Und auch Maronen-Röhrlinge, die sich unter der klimawandelbedingt als Auslaufmodell gescholtenen Fichte wohlfühlen, findet der Grafinger nicht. „Eigentlich ist das der Brotschwammerl vom Landkreis.“

„Wenn es den Bäumen scheiße geht, geht’s auch den Mykorrhizen scheiße“, sagt Baumgartner in einer mühelosen Mischung aus ungeschminktem Oberbairisch und altgriechischem Fachchinesisch. Mykorrhizen, das sind jene Pilze, die in einer Symbiose mit den sie umgebenden Bäumen leben, also mit diesen Nährstoffe austauschen. Und im Forst, wo die Trockenheit gerade die Hälfte der Neuanpflanzungen dahingerafft hat, geht es den Bäumen halt zurzeit eher sch…lecht.

Trockenstress für Bäume: Pilzen fehlt die Nahrung

Normalerweise, wenn Baumgartner seine Schwammerlwanderung für angehende Pilzesucher veranstaltet, findet er auf dem kurzen Rundweg an der Hohenlindener Sauschütt an die 40 verschiedene Sorten. Von der gschmackigen Krausen Glucke über den ungenießbaren Wildschweinkot-Zärtling bis hin zum Flockenstieligen Hexenröhrling, den der Volksmund seiner Buntheit wegen hartnäckig „Zigeuner“ nennt: Baumgartner kennt sie so gut wie alle, auch ohne Bestimmungsbuch im Körberl. 500 bis 600 Pilzsorten kommen insgesamt im Ebersberger Forst vor, schätzt er, viele davon essbar. Heute aber sagt er: „Es ist tote Hose.“

Schwammerlsuche mit Günter Baumgartner an der Sauschütt.

Wenn es doch nur wieder richtig regnen würde: Günter Baumgartner, Naturschützer und Pilz-Spezialist im ausgetrockneten Ebersberger Forst. Für Schwammerlsucher ist in den Wäldern im Landkreis Ebersberg zurzeit nichts zu holen. © J.Dziemballa

Die Pilzsporen im Boden sind im Wartezustand, erklärt der Kenner, der auf eine Notblüte hofft. Sollte es in den kommenden Wochen noch ein paar Regenfälle geben, die ergiebig genug sind, um Blätterdach und Bodendeckschicht zu durchdringen, legen sie los und die Pilze schießen, nun ja, wie Pilze aus dem Boden. Doch momentan macht dem versierten Naturschützer die Dürre einfach nur Sorgen, auch weil es nicht die erste ist, sondern von den vergangenen zehn Jahren gut die Hälfte zu trocken war. Heuer fehlen ihm daheim in Grafing schon 250 Liter Niederschlag für ein Durchschnittsjahr. „25 Zehn-Liter-Kübel pro Quadratmeter!“, ruft er in den Wald und ringt die Hände.

Wir erleben hier den Zusammenbruch einer ganzen Nahrungskette.

„Die Schwammerl sind nur ein Symptom“, sagt Günter Baumgartner auch. Er schaut den Anglern dabei zu, wie sie mehr damit beschäftigt sind, Fische aus austrocknenden Tümpeln hinüberzuretten, als zu angeln. Den Landwirten, denen das Futtergetreide auf dem Feld vertrocknet. Und wie in den Kleingewässern im zweiten Trockenjahr in Folge die Bestände an Kröten, Fröschen, Molchen, Feuersalamandern wegbrechen, weil sie weder Nässe zum Laichen noch Mücken zum Vertilgen finden. „Wir erleben hier den Zusammenbruch einer ganzen Nahrungskette“, sagt der 68-Jährige, den das weiß-blaue Rautenwappen an der braunen Weste als ehrenamtlichen Naturschutzwächter ausweist. Es braucht ein ganz neues Wassermanagement, eine sparsamere Bevorratung, findet er.

Schwammerlsuche mit Günter Baumgartner an der Sauschütt.

Ein Schwammerl macht noch keine Suppe. Besonders beliebt ist der zwar seltene Buchen-Schleimrübling als Speisepilz ohnehin nicht. © Johannes Dziemballa

Fündig wird der Schwammerlsucher an diesem Tag nur auf Totholz, wo die Destruenten gedeihen, die Vertilgerpilze, die gewissermaßen den Gegenentwurf zur Lebensweise der Mykorrhizen bilden. An einem im Unterholz verrottenden Buchenstamm hat er aus einem halben Dutzend fahlweißer Buchen-Schleimrüblinge einen herausgebrockt. Fasst man auf die Kappe, erklärt sich der appetitliche Name von selbst. Essbar wäre er nur so halbwegs, ist aber zudem ziemlich selten. Deshalb lässt der Nautschutzwächter den Rest stehen. „Die machen das nicht, damit wir eine Schwammerlsuppe haben“, sagt Baumgartner und greift mühelos eine Handvoll durchgemorschtes Holz aus dem Stamm. „Darum machen die das“, sagt er, als es ihm wie vertrockneter Marmorkuchen durch die Finger bröselt.

Ein paar Zunderschwämme, die früher auch als Lederersatz dienten, knorrige Trameten und ein rehbrauner Dachpilz (Baumgartner: „Essbar, schmeckt aber greislig.“): Bei dieser ungenießbaren Ausbeute fällt das abendliche Schwammerlfestessen aus. Ein paar Wiesenchampignons oder Nelkenschwindlinge, denen ein paar Regentropfen auf der Wiese reichen, sind im Horrorpilzjahr 2026 bisher oft die einzige Ausbeute der Schwammerlsucher. Sie und der Wald warten auf Regen.