TV-Kritik zu Talkshows nach AfD-Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt

Gleich nach den Talkshows gab es noch die Phoenix-Wahlrunde. Da wurde eine neue Lesart vom fröhlichen Siegmund geprobt. Kurz gesagt: „fröhlich“ im Zusammenhang mit Ulrich Siegmund zu sagen, das war bislang abwe...

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TV-Kritik zu Talkshows nach AfD-Wahlerfolg in Sachsen-Anhalt

Gleich nach den Talkshows gab es noch die Phoenix-Wahlrunde. Da wurde eine neue Lesart vom fröhlichen Siegmund geprobt. Kurz gesagt: „fröhlich“ im Zusammenhang mit Ulrich Siegmund zu sagen, das war bislang abwertend gemeint. Nach dem Motto: Seht, wie dieser dauerlächelnde, Selfies schießende Parfümverkäufer das Politische als Oberflächenphänomen verkauft, überall in Sachsen-Anhalt auf Spaß macht und damit die Wähler in seine Partei, die AfD, hineintäuscht, ohne sich groß mit Inhalten, mit politischer Substanz, mit Versprechen aus dem Wahlprogramm abgeben zu müssen. Ja, so ging die garstige Siegmund-Saga bis zum Wahlabend unterm Stichwort „fröhlich“: Der Mann ist ein gefährlich-spaßender Seelenfänger, mit allen Wassern faschisierender Rosstäuscherei gewaschen, auch wenn er maximal vom Denkzettel spricht, den es den Systemparteien zu verpassen gelte, als gehe es um ein Knöllchen fürs Falschparken und nicht um einen Systemwechsel.

Nun also der semantische Wechsel von „fröhlich“. Weg von einer abwertenden, hin zu einer aufwertenden Vokabel. Es sei ein sehr lauter, aber auch ein sehr fröhlicher Wahlkampf gewesen, bilanzierte Sabine Adler vom Deutschlandfunk. Man habe Menschen gesehen, so setzte die profilierte Journalistin den neuen Ton in der Phönix-Runde, „die Lust auf diese Partei hatten. Das mag uns nicht gefallen, aber so war das. Dieser positive Wahlkampf, dieser Spaß-Wahlkampf, dieser ewig lächelnde Spitzenkandidat, der alle umarmte, der alle lieb hatte und den auch alle lieb haben – das ist wirklich eine große Fähigkeit gewesen.“

Da war ein Verkäufer in der Fläche präsent

Keine andere Partei habe einen solchen Kandidaten aufzubieten gehabt – wahrlich nicht, dachte man sich, und warum nicht auch mal einen Perspektivwechsel auf diesen Siegmund wagen? Warum nicht mal seinen Fleiß hervorkehren, mit dem er, wie es verschiedentlich an diesem Wahlabend hieß, überall im Bundesland „in der Fläche“ (Sachsen-Anhalt ist sehr flächig) unterwegs war? Warum nicht mal anerkennend seine Verkäufer-Qualitäten hervorkehren, wenn es ihm gelingt, mit einer derartigen Resonanz rechtsradikale Politik an eine Wählerschaft zu verkaufen, die mehrheitlich nicht rechtsradikal ist? Ach, so der Tenor der neuen Tonart, ach hätten doch die anderen Parteien auch ihren Siegmund gehabt, wieviel besser wäre es dann ums Politische geschehen! So kam es, dass man lernte, sich vor dem Fernseher gleich mehrfach die Augen zu reiben, erst übers Wahlergebnis selbst, dann aber eben auch über den Bedeutungswechsel von „fröhlich“, wie dieser da einfach über die Bühne ging, ohne explizit mit der Verhunzung des Politischen in Verbindung gebracht worden zu sein.

Die Talkshows an diesem Abend, Miosga und Illner, kamen vergleichsweise bräsig daher. Das war natürlich auch dem Umstand geschuldet, dass man in eine politische Schwebe hinein zu reden hatte, in der sich die Dinge minütlich entwickelten, nicht nur das genaue Wahlergebnis betreffend, mit „haushoch gewonnen“ war über die AfD zunächst ja genug gesagt, sondern eben auch die dynamische Konstellation im Ganzen, in der sich mit unterschiedlichem Realitätsgehalt Szenarien für Siegmund abzeichneten, von obskuren Überlaufmandaten anderer Parteien bis hin zur BSW-Karte, die aus dem Ärmel zu ziehen den Raum des Möglichen besetzte, egal was zuvor Gegenteiliges verlautbart wurde. In dieser unabsehbaren Situation lag es für Thomas de Maizière und Giovanni di Lorenzo nahe, sich insgesamt abwartend zu äußern und den „Sinneswandel“ (Caren Miosga), was die absolute Mehrheit als k.o.-Argument Siegmunds angeht, zunächst mit frei schwebender Aufmerksamkeit zu registrieren.

Bei der Migration den Schuss nicht gehört

Tino Chrupalla machte zugeschaltet auf einmal auf Kompromiss, den Politik ja immer bedeute und gab den Conferencier fürs Miteinanderreden. Am nächsten dran an der Empirie in Sachsen-Anhalt zeigte sich die RND-Journalistin Vera Wolfkämpf. Statt ihrerseits Siegmunds Fröhlichkeit als Verkaufsschlager zu bewerten, beschränkte sie sich auf die Wiedergabe von Gesprächen, die sie über eine längere Zeit mit AfD-Anhängern geführt hat, Siegmunds charismatische Wirkung dort einfach nur zitierend. Di Lorenzo bestand auf dem Punkt, bei der Migration sei „der Schuss nicht gehört worden“, das gelte zumal bei Abschiebe-Pannen von Kriminellen bis heute, wie gering deren Anteil bei den Migranten auch sei. De Maizière verlegte sich auf Allgemeinplätze der Art: „Volkspartei ist ein innerer Anspruch und nicht das Ergebnis von Wahlen“, was nach einer solchen Wahl halbierter Volksparteien nicht ohne Krassheitsfaktor sagbar ist. Nicht minder krass sein politischer Traum, wonach die Bürger nun „massenhaft“ in die demokratischen Parteien einträten, die sie am Wahltag noch abgestraft hatten. Darauf musste man auch erst mal kommen.

Der Unions-Fraktionschef Thorsten Frei versuchte bei Illner das Wahlergebnis juristisch zu entschärfen: „Solange kein neuer Ministerpräsident gewählt ist, ist Sven Schulze der Ministerpräsident von Sachsen-Anhalt. Das ist die Verfassungslage.“ Ein in dieser Lage cooler Hinweis, einerseits. Andererseits ein Signal der Unbeeindruckbarkeit, das die AfD-Anhängerschaft in ihrem Wahlentscheid bestätigen mochte. In diese Richtung argumentierte Kerstin Münstermann von der „Rheinischen Post“, als sie die juristische Systemlogik politisch depotenzierte: Sven Schulze habe bei einer derartigen Wahlniederlage als CDU-Ministerpräsident zurückzutreten.

Und Didi Hallervorden? Er wiederholte, zugeschaltet bei Illner, seine Ansicht, der Unvereinbarkeitsbeschluss mit den Linken sei anders als jener mit der AfD „absolut antiquiert“. Für die Kulturbranche sieht Hallervorden unter einem AfD-Regime schwere Zweiten anbrechen, auf sein Wirken bezogen ein Schluss mit lustig. Was Beatrix von Storch dazu ankündigte, mochte Hallervordens „tiefe Traurigkeit“ nicht aufhellen: „Es müssen sich alle Sorgen machen, die mit Steuergeldern finanziert werden, und irgendwelche nicht produktiven Dinge tun, die alle nur links, woke, grün und sonst was sind.“ Der deutsche Kulturbetrieb sei „staatlich finanziert und links“. Niemand in der Runde wollte da von fröhlichen Aussichten sprechen.