Hochhausboom nach 9/11: In Frankfurt entstanden 50 neue Türme

Die Terroranschläge vom 11. September 2001 haben den Hochhausbau in Frankfurt nicht zum Erliegen gebracht. Im Gegenteil: In den 25 Jahren danach wurden mehr Türme gebaut als zuvor. Doch sie haben sich verändert.

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Hochhausboom nach 9/11: In Frankfurt entstanden 50 neue Türme

In der ersten Hälfte des Jahres 2001 war die Welt noch in Ordnung. Das Büro des Frankfurter Architekten Jürgen Engel gewann im Februar den Wettbewerb für ein rund 200 Meter hohes Hochhaus, das an der Neuen Mainzer Straße im Frankfurter Bankenviertel entstehen sollte. Am 12. und 13. Mai strömten beim dritten Wolkenkratzerfestival rund 800.000 Menschen in die Frankfurter Hochhäuser. Vier Monate später schlugen zwei Flugzeuge in das World Trade Center in New York ein. Die Welt war eine andere.

Was der 9/11-Schock für den Hochhausbau bedeuten würde, war umstritten. Über die Frage wurde besonders intensiv in Frankfurt diskutiert, der Stadt, die sich wegen ihrer Skyline New York immer besonders nahe fühlte. Es gab Pessimisten, die damit rechneten, dass niemand mehr in einem Hochhaus würde arbeiten wollen. Tatsächlich wurden einige Projekte in Frankfurt auf Eis gelegt, darunter der Turm an der Neuen Mainzer Straße und der von der Deutschen Bank geplante, bis zu 230 Meter hohe Max an der Großen Gallusstraße. Andere wie das ursprünglich für die Dresdner Bank entwickelte Hochhaus Gallileo an der Gallusanlage und die Zentrale der IG Metall an der Wilhelm-Leuschner-Straße waren schon in Bau.

Es gab aber auch Optimisten, die weiter an das Streben nach Höhe glaubten und keinen Einbruch im Hochhausbau befürchteten. Sie sollten Recht behalten. Schon wenige Wochen nach den Anschlägen verständigte sich die Frankfurter Kommunalpolitik darauf, auf dem Grundstück der Zürich-Versicherung am Opernplatz den Bau eines 170 Meter hohen Hochhauses zuzulassen. An das Projekt wagte sich dann ausgerechnet ein amerikanisches Unternehmen: der Entwickler Tishman Speyer, der in Frankfurt bereits Erfahrungen mit dem Messeturm gesammelt hatte, stellte den Opernturm 2010 fertig.

50 neue Türme in 25 Jahren

Es war nicht das einzige Projekt, das in den Jahren nach dem Terrorangriff begonnen wurde. Von den rund 130 Gebäuden in Frankfurt, die mindestens 50 Meter hoch sind, wurden 50 in den 25 Jahren nach 2001 fertiggestellt. Im Schnitt sind also nach den Anschlägen in jedem Jahr zwei Hochhäuser entstanden; in den 25 Jahren von 1976 bis 2001 lag die durchschnittliche Jahresbauleistung nur bei 1,5 Gebäuden mit mehr als 50 Metern.

Noch deutlicher wird die Entwicklung bei Türmen mit mehr als 100 Metern: Von den 42 Hochhäusern in dieser Kategorie sind 22 in den 25 Jahren nach 2001 gebaut worden. Ohne die Finanzkrise der Jahre nach 2008 und die Corona-Pandemie wären es möglicherweise noch mehr geworden, die Nachfrage nach modernen Büroflächen in zentral gelegenen Hochhäusern ist weiterhin hoch.

Das ist angesichts der Bilder kollabierender Bürotürme, die auch 25 Jahre später noch jeder im Kopf hat, keineswegs selbstverständlich. „Die Anschläge haben mich im Innersten berührt“, erinnert sich der Bauingenieur Manfred Grohmann, Mitgründer des Frankfurter Ingenieurbüros Bollinger + Grohmann, das zu den international führenden Tragwerksplanern zählt. Er hat sich damals intensiv mit dem Einsturz der beiden Türme und den konstruktiven Details befasst, hat die Untersuchungsberichte gelesen und die Erkenntnisse für seine Vorlesungen an der Universität Kassel aufbereitet. „Es waren unglaublich stabile Gebäude“, sagt er. Die Fluchttreppenhäuser hätten funktioniert, mehr als 10.000 Menschen hätten die Türme verlassen können. Er hat aber auch Schwachpunkte ausgemacht, etwa bei der Befestigung der Decken in den Hochhäusern – Erkenntnisse, die bei neuen Projekten berücksichtigt werden konnten.

War nach den Anschlägen geschlossen: Aussichtsplattform auf dem Main-Tower der Helaba im Frankfurter Bankenviertel
War nach den Anschlägen geschlossen: Aussichtsplattform auf dem Main-Tower der Helaba im Frankfurter BankenviertelWonge Bergmann

„Es wurde viel darüber diskutiert, wie man Hochhäuser sicherer machen kann“, sagt Peter Cachola Schmal, der Direktor des Deutschen Architekturmuseums in Frankfurt, das alle zwei Jahre an der Verleihung des Internationalen Hochhauspreises beteiligt ist. Der auf dem Grundstück der zerstörten Twin Towers entstandene Freedom Tower sollte nach Worten des Architekten David Childs ein „bombensicheres Gebäude“ werden.

In Frankfurt machte sich die Furcht vor Anschlägen zunächst vor allem an einer eingeschränkten Zugänglichkeit bemerkbar. Der Main-Tower, der als einziges Frankfurter Hochhaus über eine Aussichtsplattform verfügt, war nach dem 11. September monatelang gesperrt, bis eine Sicherheitsschleuse installiert wurde. Die Tiefgarage unter dem Turm blieb auf Dauer für die Öffentlichkeit geschlossen.

Eine Abkehr vom Hochhaus war nicht zu erkennen – auch nicht bei Institutionen mit besonderen Sicherheitsanforderungen. Die Europäische Zentralbank zum Beispiel einigte sich wenige Wochen nach den Terroranschlägen mit der Stadt Frankfurt über den Kauf der Großmarkthalle, um auf dem Gelände im Ostend ihre neue Zentrale als Hochhaus zu errichten. Über Risiken wurde dennoch viel diskutiert. „Wegen der Konstruktion in Form von zwei miteinander verschränkten Türme gilt das EZB-Hochhaus als besonders sicher“, sagt Schmal. Zudem hat die EZB ihre Zentrale durch zahlreiche Sperren auf dem weitläufigen Gelände rund um die frühere Großmarkthalle zu einer Festung gemacht.

Festung im Ostend: Die Sicherheitsvorkehrungen rund um den Doppelturm der EZB sind nicht immer auf den ersten Blick erkennbar.
Festung im Ostend: Die Sicherheitsvorkehrungen rund um den Doppelturm der EZB sind nicht immer auf den ersten Blick erkennbar.Emil Eichinger

Jürgen Engels Architekturbüro KSP hat sich in den Jahren nach den Terroranschlägen zusammen mit Partnern im Auftrag des Bauunternehmens Hochtief Gedanken darüber gemacht, wie gerade Hochhäuser sicherer werden können. Herausgekommen ist ein patentiertes System mit einem besonders standsicheren Tragwerk aus Fachwerkelementen. Sogenannte Trümmerdecken in jedem fünften Stockwerk sollen verhindern, dass der Turm schnell kollabiert, wenn einzelne Decken versagen. Die Außenhülle ist federnd gelagert und gibt bei einer Detonation außerhalb des Gebäudes nach, ohne dass Scheiben herausfallen.

Auch über Fluchtwege haben sich die Planer Gedanken gemacht. Überdrucksysteme, die garantieren, dass Treppenhäuser im Brandfall rauchfrei bleiben, waren vorher schon Standard. Noch mehr Sicherheit bieten gerade bei höheren Türmen abgeschottete Panikgeschosse, die es ermöglichen, den Rettungsweg im Gebäude zu wechseln. Einzelne der damals entwickelten Elemente seien im Lauf der Jahre in verschiedenen Hochhäusern zum Einsatz gekommen, sagt Engel.

Die Bedrohungslage hat sich geändert

Der Trend, Hochhäuser öffentlich zugänglich zu machen und sie damit besser in die Umgebung zu integrieren, wurde durch die Anschläge zunächst einmal gestoppt. So ließ sich etwa im 2011 fertiggestellten Tower 185 an der Friedrich-Ebert-Anlage der Wunsch nach einem Restaurant mit Skylineblick im obersten Geschoss wegen Sicherheitsbedenken nicht erfüllen. Erst in den in jüngerer Zeit errichteten Türmen wurde öffentliche Nutzung wieder üblich. Das Hochhaus One an der Messe zum Beispiel hat eine Bar im obersten Geschoss, die Türme des Hochhausquartiers Four in der Innenstadt zeichnen sich durch eine Mischnutzung aus.

Bietet die höchsten Büros Deutschlands: das Ensemble Four. Im Turm T1 kann man auf 228 Meter arbeiten.
Bietet die höchsten Büros Deutschlands: das Ensemble Four. Im Turm T1 kann man auf 228 Meter arbeiten.Emil Eichinger

Für die Projekte, die nach dem 11. September in der Schublade verschwanden, ist die richtige Zeit mittlerweile gekommen. Das einstige Hochhaus Max ist als Turm T1 jetzt Teil des Hochhausensembles Four und zu 96 Prozent vermietet. Und auch der 2001 prämierte Entwurf von Jürgen Engel wird derzeit realisiert: Für den Central Business Tower im Bankenviertel wird im Januar das Richtfest gefeiert. An dem Entwurf, die noch vor den Terroranschlägen entstanden ist, habe im Grundsatz nichts geändert werden müssen, sagt der Architekt. „Der Central Business Tower war von Anfang an gut durchdacht, was die Sicherheitsaspekte betrifft.“

Dabei hat sich die Bedrohungslage im Vergleich zu 2001 verändert. Terroristen brauchen nicht unbedingt Flugzeuge, um Angst und Schrecken zu verbreiten. „Heute kann jeder eine Drohne steuern“, sagt Schmal. Nach Einschätzung Grohmanns ist die Gefahr eher gering. Ein kleines Fluggerät könne allenfalls einen punktuellen Schaden an einem Hochhaus anrichten, es aber nicht zum Einsturz bringen. Dem Einschlag einer großen Maschine aber könne keine Hochhauskonstruktion auf Dauer standhalten. Denn ein dadurch verursachtes Feuer erreiche wegen der großen Mengen an Treibstoff Temperaturen von mehr als 1000 Grad. Wesentliche Bauteile seien zwar so ausgelegt, dass sie einem Brand zwei Stunden standhalten können. Doch gehe man dabei nur von einer Temperatur von 500 Grad aus.

Keine Höhenrekorde in Frankfurt zu erwarten

Dennoch ist von einer Skepsis gegenüber Hochhäusern nichts zu spüren. „Das Hochhaus hat immer mit Prestige zu tun, es fasziniert und spiegelt die Abenteuerlust der Menschen wider“, sagt Engel. „Es ist auch eine sehr wirtschaftliche Lösung und fördert die Kommunikation. Die Menschen können sich auf kurzen Wegen begegnen.“ Im Frankfurter Hochhausentwicklungsplan von 2024 sind 14 neue Standorte ausgewiesen. Die Anforderungen haben sich aber im Vergleich zu 2001 verändert: Statt reiner Bürotürme wünscht sich die Stadt eine Mischnutzung und eine Öffnung zur Umgebung. Planungsdezernent Marcus Gwechenberger (SPD) formuliert es so: Die Hochhäuser sollen „gute Nachbarn“ sein.

Das Streben nach Höhenrekorden scheint erst einmal beendet zu sein – zumindest in Deutschland. Während in Saudi-Arabien gerade an einem Turm gebaut wird, der die 1000-Meter-Marke überschreitet, bleibt man in Frankfurt bescheiden. Zwar wurde jüngst ein neuer Rekord erreicht. Im Turm T1 des Hochhausquartiers Four befindet sich die höchste Etage auf 228 Meter – weiter oben kann man in Deutschland keine Büros mieten. Der benachbarte Commerzbank-Tower ist zwar insgesamt höher, doch befindet sich in den obersten Geschossen ausschließlich Technik.

Pläne für einen höheren Turm gibt es in Frankfurt. Am östlichen Rand des Europaviertels besteht Baurecht für einen rund 370 Meter hohen Turm, der unter dem Namen Millennium-Tower bekannt ist. Mittlerweile hat der Entwickler CA Immo die Höhe auf 288 Meter reduziert. Ob und wann der Entwurf des Frankfurter Architekten Ferdinand Heide gebaut wird, ist allerdings offen.

Museumsdirektor Peter Cachola Schmal glaubt trotz der anhaltenden Begeisterung für den Hochhausbau nicht an neue Höhensprünge. „Das ist in Frankfurt nicht wirtschaftlich.“ Und der Architekt Jürgen Engel sieht es so: „International steht Frankfurt nicht im Fokus. Es wird deshalb in absehbarer Zeit keine Nachfrage für einen 400-Meter-Turm geben.“