11. September 2001: Ex-Pentagon-Chef Chuck Hagel zieht Bilanz

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11. September 2001: Ex-Pentagon-Chef Chuck Hagel zieht Bilanz

25 Jahre 9/11: „Die Welt ist fragmentierter und gefährlicher“

Der frühere US-Verteidigungsminister Chuck Hagel erinnert sich an die Anschläge vom 11. September 2001 – und zieht eine Bilanz der amerikanischen Außenpolitik.

Feuerwehrmänner bei den Aufräumarbeiten nach den Anschlägen. (Archivbild) Foto: AP Photo/Mark Lennihan

WirtschaftsWoche: Secretary Hagel, die Anschläge des 11. September 2001 liegen 25 Jahre zurück. Wie haben Sie diesen Tag damals erlebt?
Chuck Hagel: Ich war damals noch Senator für den Bundesstaat Nebraska. An diesem Dienstagmorgen hatte ich einen Termin im Monocle, einem Restaurant in der Nähe des Kapitols. Ein Spenderfrühstück. Während ich sprach, flüsterte mir mein Kommunikationsdirektor zu, dass einer der Zwillingstürme von einem Flugzeug getroffen worden sei. Ich machte weiter, weil wir zunächst nicht wussten, was da passiert ist. Aber Minuten später sagte er mir, auch der zweite Turm sei getroffen worden. Da war klar, dass es kein Unfall sein konnte. Ich informierte die Gäste und bat sie, das Restaurant zu verlassen und so schnell wie möglich in ihre Büros zurückzukehren.

Da wussten Sie noch nicht, dass zwei weitere Flugzeuge auf dem Weg nach Washington waren.
Nein. Deshalb ging ich zu meinem Büro im Russell Senate Office Building. Dort verfolgte ich zunächst das Geschehen mit meinen Mitarbeitern am Fernseher – und dann wurde das Pentagon getroffen. Die Polizei hat das Gebäude dann schnell geräumt und brachte uns alle in einen nahegelegenen Park. Dort stand ich dann mit meinen Kollegen Joe Biden und Pete Domenici zusammen.

Wie kann man sich die Szene in diesem Park vorstellen?
Wir warteten dort etwa eine Stunde und bemühten uns, irgendwie an Informationen zu kommen. Und wie alle anderen auch versuchte ich, meine Familie zu erreichen. Mein Sohn und meine Tochter waren mit meiner Frau in Virginia. Wegen der gesperrten Straßen kamen sie dort aber nur schwer voran. Irgendwann ging ich dann mit Domenici zu seinem Stadthaus in der Nähe. Und später am Tag versammelten die Senatsführer beider Parteien, Tom Daschle und Trent Lott, die Senatoren im Hauptquartier der Capitol-Polizei.

Chuck Hagel war von 2013 bis 2015 US-Verteidigungsminister. Foto: Bloomberg

Zur Person

Chuck Hagel diente von 2013 bis 2015 als Verteidigungsminister im Kabinett von US-Präsident Barack Obama. Zuvor hatte der Republikaner von 1997 bis 2009 den US-Bundesstaat Nebraska im US-Senat vertreten. Er kämpfte im Vietnam-Krieg und wurde dort zweimal verwundet.

Wann war für Sie klar, dass sich Amerika im Krieg befand?
Sehr früh. Der Leiter des Washingtoner Büros des Omaha World-Herald stand zufällig mit mir im Park und fragte, was geschehe. Ich sagte: „Amerika ist im Krieg.“ Das war dann am nächsten Tag die Schlagzeile – mit einem Bild der brennenden Zwillingstürme. Ich habe ihm diesen Satz gesagt, bevor wir etwas von dem Flugzeug wussten, das in Pennsylvania abgestürzt war. Aber es war ja offensichtlich: Jemand oder eine Gruppe hat die Vereinigten Staaten angegriffen. Auch wenn wir zu diesem Zeitpunkt noch nicht wussten, wer verantwortlich war.

Recht bald hatten Sie zumindest in diesem Punkt Klarheit: Die Terrororganisation Al-Qaida hatte die Anschläge von Afghanistan aus orchestriert. Sie stimmten zunächst für den Krieg, wurden aber später zu einem deutlichen Kritiker der US-Operation in dem Land. Wie kam es zu dieser Wandlung?
Das hing vor allem mit dem Irak-Krieg zusammen. Auch in diesem Fall hatte ich zunächst der Resolution zugestimmt, die die Regierung von George W. Bush dazu autorisierte, mit Gewalt gegen das Regime von Saddam Hussein vorzugehen. Ich hatte diese Zustimmung allerdings davon abhängig gemacht, dass der Präsident – wie sein Vater vor ihm – zu den Vereinten Nationen geht und die Welt hinter uns versammelt. Stattdessen behauptete er fälschlicherweise, der Irak verfüge über Massenvernichtungswaffen. Dafür gab es aber nie Beweise. Das habe ich damals auch in Anhörungen gesagt! Und ich habe in Ausschusssitzungen sehr genau nachgefragt. So wurde ich zum Kritiker zunächst des Irak-Kriegs und stellte mich damit gegen meine eigene Partei.

Vor 25 Jahren verübten Terroristen den Anschlag auf das World Trade Center in New York. Foto: imago

Wie muss man sich diese Befragungen vorstellen?
Ich fragte mich von Anfang an: Wohin führen diese Kriege? Was ist ihr Ziel? Wie beenden wir sie? In einen Krieg hineinzugehen, ist leicht, aus einem Krieg herauszukommen dagegen sehr schwierig. Die Regierung hatte keine Antworten. Ich hatte selbst in Vietnam gedient und kannte das Muster: mehr Soldaten, mehr Geld. Genau das taten wir später erneut in Afghanistan. Ich lehnte die Politik ab, weil es keine klare Strategie gab. Das Ergebnis sehen wir jetzt. Wir waren zwanzig Jahre in Afghanistan. Im Irak waren und sind amerikanische Truppen heute noch präsent. Ich hatte damals gewarnt: Wenn man in den Irak einmarschiert, verändert man das Gesicht des gesamten Nahen Ostens. Jede Nation der Region wird in diesen Krieg hineingezogen. Das ist für die Zukunft sehr gefährlich. Und so ist es auch gekommen.

Welche Lehre hätte Washington daraus ziehen müssen?
Man muss über das Militärische hinausdenken und fragen: Wohin führt das? Was geschieht als Nächstes? Man braucht immer eine klare Strategie und eine Vorstellung davon, wie man einen Konflikt beendet. Dieses Muster wiederholte sich in Vietnam, Afghanistan und im Irak. Entscheidend ist, was man politisch erreichen will und welche Folgen die Entscheidung für die Region hat.

Feuerwehrmänner in den Trümmern. Foto: imago

Zwei Jahrzehnte später steckt Amerika erneut in einem Krieg im Mittleren Osten. Man scheint nicht auf Sie gehört zu haben.
Der Angriff auf den Iran war ein großer Fehler von Präsident Trump und seiner Regierung. Wieder gibt es keine Strategie. Außer Israel unterstützen uns keine Verbündeten. Und wir gingen wieder höchst arrogant vor. Genau das waren die Ansätze in Vietnam, Afghanistan und im Irak: Arroganz, Ignoranz und keine Strategie. Es fehlt schlicht an einem Konzept!

Woran zeigt sich das?
Es fängt ja bereits bei der Zustandsbeschreibung an! Präsident und Vizepräsident sagen, es sei kein Krieg. Aber natürlich ist es einer. Wir haben Tomahawks und Patriot-Raketen eingesetzt, Flugzeugträger in die Region geschickt und Tausende weitere Soldaten verlegt. Und die Auswirkungen des Konflikts sind enorm. Die Staaten der Region sind zu Zielen Irans geworden: Kuwait, Bahrain, Katar und die Vereinigten Arabischen Emirate. Auch das Rote Meer und die Straße von Hormus sind betroffen. Es scheint, als hätte sich niemand in der Regierung die entscheidende Frage gestellt: Was geschieht als Nächstes?

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Welchen anderen Weg hätte Washington einschlagen können?
Die klügste Lösung war der Ansatz von Präsident Obama aus dem Jahr 2015. Das Atomabkommen hatte seine Schwächen. Aber es hat funktioniert. Es hätte den Iran nicht in ein oder zwei Jahren verändert. Aber es bewegte sich in die grundsätzlich richtige Richtung. Denn: Die jungen Iraner wollen etwas Besseres als das, was die Ayatollahs ihnen anbieten. Man muss die nächste Generation einbeziehen. Obamas Ansatz war nicht perfekt, aber der richtige Weg: ohne Blutvergießen und ohne den gesamten Nahen Osten in ein Schlachtfeld zu verwandeln.

Trotzdem: Hatten Sie erwartet, dass sich Amerika 25 Jahre nach dem 11. September 2001 wieder in einem Krieg im Mittleren Osten befinden würde?
Die Erfahrung seit dem 11. September hat Gesellschaft und politische Debatte verändert. Wir denken anders über militärische Einsätze, Verantwortung und das amerikanische Engagement in der Welt. Gleichzeitig erleben wir jetzt einen Präsidenten, der mit dem Versprechen angetreten ist, die Vereinigten Staaten aus den endlosen Kriegen herauszuhalten, und der das Land wieder in einen solchen Krieg geführt hat.

Was sagt uns das?
Es zeigt die systematische Auflösung der Weltordnung nach dem Zweiten Weltkrieg. Unsere Freunde und Partner, in der Nato ebenso wie in Asien, ziehen sich zurück, weil wir uns selbst isolieren. Botschafter sagen mir, sie könnten den Vereinigten Staaten nicht mehr vertrauen und müssten andere Beziehungen suchen. Das ist fatal. Die Nachkriegsordnung war nicht perfekt. Aber sie hat einen Dritten Weltkrieg und einen nuklearen Austausch verhindert und dazu beigetragen, dass mehr Menschen frei und gebildet sind als je zuvor. Schwächen muss man korrigieren. Aber kollektive Sicherheit bleibt enorm wichtig.

Sehen die Amerikaner das auch noch so? Donald Trump hat in seinen Wahlkämpfen ja keinen Hehl daraus gemacht, was er außenpolitisch vorhat.
Natürlich hat die Enttäuschung in der Bevölkerung über die langen Kriege Trump genutzt. Viele Menschen wollten keine weiteren militärischen Verflechtungen. Das erklärt aber nicht automatisch eine Politik, die Bündnisse aufgibt und die Nachkriegsordnung zerstört. Zwischen dem Wunsch, Kriege zu beenden, und dem Rückzug aus sicherheitsstiftenden Beziehungen besteht ein großer Unterschied.

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Viele Beziehungen wurden in den vergangenen Jahren erheblich strapaziert. Gibt es einen Weg zurück?
Vertrauen ist die Währung jeder Beziehung – in persönlichen Beziehungen ebenso wie in der Diplomatie. Wenn man dieses Band zerstört, ist es sehr schwer, es wiederherzustellen. Ein Teil der Schäden kann korrigiert werden, aber nicht alles. Andere Länder können nicht darauf setzen, dass sich nach dieser Präsidentschaft alles wieder verändert. Sie müssen mit den jetzt geschaffenen Realitäten umgehen. Besonders deutlich wird das bei der Nato, der erfolgreichsten Institution kollektiver Sicherheit in der Geschichte der Menschheit. Die baltischen Staaten, Polen, Rumänien und andere fragen sich, ob die Vereinigten Staaten ihnen zu Hilfe kommen würden. Diese Zweifel verschwinden nicht innerhalb von ein oder zwei Jahren, nur weil ein neuer Präsident gewählt wird.

Was für Konsequenzen drohen daraus?
Wir dürfen nicht übersehen, dass manche Staaten Alternativen haben. China hat wirtschaftliche Beziehungen in weiten Teilen der Welt aufgebaut. Es tritt dort vor allem mit finanzieller Hilfe und langfristigen Verträgen auf. Einige traditionelle Partner der Vereinigten Staaten nehmen das durchaus wahr. Deshalb glaube ich nicht, dass sich alles einfach zurückdrehen lässt, wenn Präsident Trump einmal nicht mehr im Amt ist. Ein Teil der Beziehungen kann sicher repariert werden, aber nicht alle Schäden. Wenn der wichtigste Staat der freien Welt sich von einer Ordnung abwendet, die er selbst mit aufgebaut und lange angeführt hat, zerfällt diese Ordnung. Die Welt wird fragmentierter und gefährlicher. Das hat langfristige Folgen – für die Vereinigten Staaten und für die ganze Welt.

Noch einmal zurück zum 11. September: Al-Qaida hatte das Ziel, Amerika langfristig zu schwächen. Wenn man Ihrer Analyse folgt: Hat Osama bin Laden sein Ziel erreicht?
Diese Sicht kann man vertreten. Die Vereinigten Staaten stehen isoliert da, in einem verheerenden Krieg im Iran und mit beschädigten Beziehungen zu ihren Verbündeten. Je stärker wir uns isolieren, desto mehr Freundschaften und Geschäftsbeziehungen zerstören wir.

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