„Sind hier nicht in Russland!“ Selenskyj schasst populären Fedorow – böse Vermutungen kursieren
wa.dePolitik„Wir sind hier nicht in Russland!“ Selenskyj schasst im Krieg den Verteidigungsminister – und erntet ZornStand: 16.07.2026, 18:49 UhrKommentareUns auf Google folgenWolodymyr Selenskyj schasst seinen...
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„Wir sind hier nicht in Russland!“ Selenskyj schasst im Krieg den Verteidigungsminister – und erntet Zorn
Stand: 16.07.2026, 18:49 Uhr
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Wolodymyr Selenskyj schasst seinen beliebten Verteidigungsminister – und hat sich offenbar verkalkuliert. Reportage aus der Ukraine.
Kyjiw – Wut, Ungläubigkeit und Entschlossenheit – diese Stimmung dominierte am Donnerstag vor dem Iwan-Franko-Theater in Kyjiw. Fast genau ein Jahr nach den letzten großen Demonstrationen hat die überraschende Entlassung von Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow erneut Hunderte Menschen zu Protesten auf die Straße gebracht. Unweit des Präsidentenpalastes machen die „Menschen mit den Pappschildern“, wie sich die Protestbewegung selbst nennt, ihrem Ärger Luft. Ihre zentrale Botschaft ist unmissverständlich: „Bringt ihn zurück.“

Präsident Wolodymyr Selenskyj hatte Anfang der Woche überraschend Ministerpräsidentin Julija Swyrydenko entlassen. Am Mittwochabend folgte dann die Bestätigung: Auch Fedorow muss seinen Posten nur sechs Monate nach seinem Amtsantritt räumen. Für viele Ukrainer ist die Personalentscheidung die umstrittenste des Präsidenten seit Beginn der russischen Vollinvasion.
„Tiefes Verständnis für den Krieg“: Selenskyj schasst populären Minister – Ukraine in Aufruhr
Kurz nach Bekanntgabe rollte eine erste Protestwelle durch die sozialen Medien. Soldaten, Freiwillige und Personen des öffentlichen Lebens äußerten Ungläubigkeit, Unverständnis und Sorgen über die Zukunft des Landes. Allen voran jedoch viel Zuspruch für den abgesägten Verteidigungsminister, seine Erfolge und die begonnenen Reformen. Als Grund nannte Selenskyj, dass er nicht zwischen dem 60-jährigen Oberbefehlshaber der Streitkräfte der Ukraine, Oleksandr Syrskyj, und dem Verteidigungsminister wählen könne. Zudem habe Fedorow die Mobilisierungsreformen versäumt. Schon länger war bekannt, dass Syrskyj und Fedorow sich über die nötigen Reformen innerhalb der Streitkräfte uneinig waren.
Fedorow, der in Verteidigungskreisen einfach „Mischa” genannt wird, veröffentlichte kurz darauf selbst eine Liste der Reformen und Projekte, die er in sechs Monaten umgesetzt hatte, darunter die Abschaltung von Starlink auf russischer Seite, die der Ukraine Anfang des Jahres zu einem wesentlichen Frontvorteil verholfen hatte. Aber auch der Ausbau des Drohnensektors, die Kooperationen mit Partnern und erfolgreichen Kampagnen der Mid- und Deepstrikes, die der Ukraine erst zu ihrem derzeitigen Erfolg verholfen haben. Eine weitgehende logistische Isolation der für Russland strategisch wichtigen Halbinsel Krim war nur so möglich.
Nikita Kozachinsky, Junior Sergeant der 128. Brigade „Wild Field” erklärte auf Facebook, etwas könne nicht stimmen, „wenn sich die Russen und die Feinde der Ukraine offen über die Personalentscheidung freuen, unseren Verteidigungsminister zu entlassen“. Das sei ein „objektiver Indikator, unabhängig von Emotionen oder persönlichen Ansichten. Eine kompetente Person abzulösen – ganz ohne Raketenschläge oder Tötungen – ist ein Erfolg.“ Fedorow habe „ein tiefes Verständnis für den Krieg und erkannte – anders als viele seiner Vorgänger – schon 2022 die Bedeutung der ‚Spielzeugkriegsführung’. Die neuen Verträge haben mir zwar nicht gefallen, aber alles andere, was er geleistet hat, war durchaus beachtlich“, lautet Kozachinskys Fazit.
Kritik an Selenskyj – Der Präsident habe sich wieder einmal verschätzt
Vor dem Theater steht Yuriy, 36, mit seiner dreieinhalbjährigen Tochter Stacy auf den Schultern. „Anfangs hatte ich meine Bedenken zu Fedorow. Aber nach einem halben Jahr sah ich, dass wir mit ihm wirklich gute Erfolge erzielen. Und jetzt will Selenskyj ihn absägen, weil er merkt, dass Fedorow beliebter als er wird.“ Der Vater arbeitet im Projektmanagement und ist außerdem Freiwilliger bei der Initiative „3D-Army“, die Drohnenteile für Soldaten von zu Hause druckt. „Er hat keine konkrete Kritik zu Fedorows Arbeit, sondern ihn einfach entlassen. Wir brauchen klare Erklärungen zu diesen wichtigen Entscheidungen.“
Für eine Umsetzung der Mobilisierungsreformen habe der Minister kaum ausreichend Zeit gehabt, meinte Yuriy. „Wenn wir jetzt jemanden Neuen in der Position besetzen, wird es auch wieder Monate in Anspruch nehmen, um mit den Reformen zu starten.“ Yuriy ist wütend, sagt er. „Diese Entscheidungen Selenskyjs sind falsch – er sollte Fedorow wieder zurückholen“, meint er. „Wir sind hier nicht in Russland – wir sind laut, wenn uns etwas nicht gefällt.“ Der Präsident habe sich wieder einmal verschätzt, was sein Volk betrifft. „Selya, Schluss mit dem Blödsinn!“ steht auf seinem Schild.
Andere halten Schilder hoch, auf denen sie Fedorow danken, etwa für die staatliche Plattform für Verteidigungsinnovationen, Brave 1. „Drohnen sollten kämpfen, nicht Menschen” steht auf einem anderen Schild, das auf Fedorows erfolgreichen Ausbau des Drohnensektors und die beschleunigte Beschaffung anspielt.
Veteran Oleksandr, 66, freut sich über die vielen jungen Teilnehmer. „Wenn ich mich umschaue, sehe ich viele Leute, die können sich kaum an den Maidan erinnern.“ Er selbst hat noch 2022 in Lyssytschansk und Sewerodonezk gekämpft, bis er verwundet wurde. Jetzt ist er da, um sein Unverständnis zum Ausdruck zu bringen. „Wir sind hier vor dem Theater, um diesen Zirkus zu beenden“, steht auf seinem Schild. „So eine junge, kluge Person zu kündigen – wenn alle in der Regierung wie er wären, das wäre mein Traum. Aber aus irgendeinem Grund sieht unser Präsident diese talentierten Menschen nicht, die für ihre Arbeit brennen.“ Fedorow habe er als Zeichen gesehen, dass sich im Land tatsächlich etwas ändert.
Warum feuert Selenskyj Fedorow? Unter den Protestierenden kursieren böse Vermutungen
Für Myroslawa, 20, geht es nicht allein um Fedorows Rauswurf. „Es geht um die Zukunft unseres Landes und die Art, wie Entscheidungen getroffen werden. Wir wollen faire Entscheidungen und das hier ist unsere Verantwortung – wir müssen hier präsent sein und für faire Entscheidungen in unserem Land kämpfen.“ Ein Jahr zuvor habe sie genau hier auf dem Platz gestanden. „Die Macht in unserem Land haben die Menschen.“ Fedorow habe viel für die Streitkräfte getan. „Wenn diejenigen mit der Sowjet-Einstellung in der Regierung gewinnen, wird unser Land zurückfallen und wieder zu einem Sowjetregime. Das wollen wir nicht.“
Mittendrin steht auch Softwareentwickler Stas, 32, und hält mit beiden Armen ein unsichtbares Schild hoch. Das stehe für die validen Gründe, Fedorow zu entlassen. „Ich bin hier wegen der sehr unfairen Entscheidung, unseren Verteidigungsminister zu entlassen.” Er hoffe nicht nur, dass Fedorow wieder ins Amt zurückberufen wird. „Realistisch gesehen hoffe ich, dass durch diesen Schritt alles ans Licht kommt, was im Verteidigungsministerium falsch läuft. In jedem Fall hoffe ich, dass etwas Gutes daraus entsteht.“

Die Mobilisierungsreform bewege sich vielleicht zu langsam, „aber wenigstens bewegt sich überhaupt etwas – das gab es vorher nicht.“ In sechs Monaten habe der Minister viel erreicht. „Die Russen hassen Federow.” Als Grund für die Absetzung vermutet Stas, dass Federow sich auch gegen Korruption im Ministerium einsetzte. „Einige haben dadurch viel Geld verloren. Zumindest lauten so die Gerüchte.” Die echten Gründe kenne nur der Präsident und sein Büro.
Lehrer Yehor, 23, hatte große Hoffnungen in den 35-jährigen Verteidigungsminister. „Fedorow hat gezeigt, dass er unabhängig arbeiten kann von diesem System – wir alle wissen, dass das System korrupt ist. Und wir müssen gemeinsam dagegen kämpfen.” Der gemeinsame Gegner aber sei Russland. „All diese Kämpfe innerhalb der Regierung lenken uns vom Kampf gegen den eigentlichen Gegner ab – und das wiederum hilft Russland nur.“
Fedorow geht auf Konfrontation: Hat sich Selenskyj nun einen echten Herausforderer geschaffen?
Während In Kyjiw, Odesa, Lviv, Kharkiv und andernorts die Proteste laufen, reichen erste Militärs ihre Kündigung im Zusammenhang mit Fedorovs Amtsende ein: Der Vizekommander der Luftwaffe, Colonel Pawlo Yelisarow, warnte in seinem Kündigungsschreiben, dass die Absetzung Fedorows, zu dessen Hauptaufgaben die Reform der Luftabwehr galt, zu mehr Opfern und Zerstörung durch russische Raketen- und Drohnenangriffe führen würde. Er bezeichnete die Entscheidung als „ein großes Übel“ für die Verteidigung der Ukraine – er bisher deutlichste öffentliche Protest aus dem ukrainischen Militär.
Wie brenzlig die Situation noch für den Präsidenten werden könnte, erklärte der Abgeordnete der Rada, Oleg Dunda: „Das könnte eine sehr interessante Situation werden. Wenn es Fedorows Gegnern nicht gelingt, im Parlament genügend Stimmen zu sichern, und die (dem Präsidenten nahe, Anm.d.Red.) Gruppe um Arachamija und Getmanzew sich weigert, für Fedorow zu stimmen, stehen wir möglicherweise eine Zeit lang ohne Verteidigungsminister da.“
Noch am Nachmittag zieht sich der von Selenskyj vorgeschlagene Kandidat, Innenminister Ihor Klymenko freiwillig aus dem Rennen zurück. Dunda sagt, Fedorow hätte eine Chance gehabt, diesen „Krieg“ innerhalb des Ministeriums zu gewinnen – wenn er denn „politisch freie Hand gehabt hätte, die gesamte Struktur der Streitkräfte grundlegend umzugestalten, und wenn er über einen Plan für eine sofortige Reform innerhalb der ersten zwei Monate verfügt hätte. Doch er hatte weder das eine noch das andere.“

Im Laufe des Tages legte Fedorow nach: In einem Presseauftritt gab er zu, dass er vom Präsidenten „drastische personelle Entscheidungen“ gefordert hatte, etwa die Absetzung von Syrskyj und dem Chef des Generalstabs, Andrii Hnatow, die vor allem von Jüngeren wegen eines veralteten, dem Sowjetsystem ähnlichen, Führungsstils kritisiert werden. „Wir haben keine andere Wahl, wenn wir den Feind asymmetrisch, bei minimalen Verlusten, besiegen wollen.“ Fedorow sagte zudem, dass er einer der letzten, „oder wahrscheinlich der einzige“ im inneren Kreis der Präsidenten gewesen sei, der „ihn schätzte, nie enttäuschte und nie Intrigen gegen ihn“ gesponnen habe.
Es ist das erste Mal, dass ein Mitglied aus seinem Kabinett auf offenen Konfrontationskurs mit Selenskyj geht – noch dazu jemand, der diesem Kabinett seit 2019 angehört. Ein Schritt, der als Herausforderung Selenskyjs gelesen werden kann. Am Nachmittag lässt der Präsident aus seinem Büro verlauten, dass er die Menschen gehört habe. Eine Entscheidung ließ er aber offen. Fedorow erklärte, ein Angebot des Präsidenten, weiterhin als Berater für ihn tätig zu sein, lehne er ab.
Nicht nur hat Selenskyj zum zweiten Mal die Bereitschaft seines Volkes unterschätzt, für seine Zukunft auf die Straße zu gehen und zu kämpfen. Dieses Mal scheint er sich auch in der Beliebtheit und dem Rückhalt für Fedorow verschätzt zu haben – und möglicherweise seinem direkten Herausforderer sogar die Tür geöffnet zu haben. (Quellen: Vor-Ort-Recherche in Kyjiw, Facebook)