Wegen KI: China streicht Job-Ziele
Shanghai. Foto: nataliehora-Freepik.comChina verzichtet im neuen Fünfjahresplan auf feste Beschäftigungsziele, da der beschleunigte Einsatz von KI die Lage auf dem Arbeitsmarkt grundlegend verändert. Durch die ...
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China verzichtet im neuen Fünfjahresplan auf feste Beschäftigungsziele, da der beschleunigte Einsatz von KI die Lage auf dem Arbeitsmarkt grundlegend verändert. Durch die Anpassung seiner langfristigen Planung dokumentiert China, dass es tradierte Beschäftigungsziele aufgibt und auf eine flexiblere Steuerung setzt. Zum ersten Mal seit drei Jahrzehnten enthält der Fünfjahresplan bis 2030 keine feste Vorgabe mehr für neue städtische Arbeitsplätze. Anstelle absoluter Zahlen stellt das Arbeitsministerium lediglich einen beträchtlichen Umfang neuer Stellen in Aussicht, die sich flexibel an der wirtschaftlichen Lage orientieren sollen. Dieser Kurswechsel erfolgt vor dem Hintergrund tiefgreifender Verwerfungen auf dem Arbeitsmarkt, auf dem KI-bedingte Strukturveränderungen, eine anhaltende Jugendarbeitslosigkeit von über 16 Prozent und rund 300 Millionen Beschäftigte in prекären Arbeitsverhältnissen aufeinandertreffen.
China mit neuer Strategie gegen Stellenabbau
Offiziell begründet das Ministerium die Neuerung mit dem Wunsch nach flexibler, jahresbasierter Planung. Allerdings sind wohl eher die „grimmige“ Beschäftigungsrealität im Zuge des Zusammenbruchs des Immobilienmarktes und der damit einhergehenden Deflation, die niedrige Wachstumserwartung, sowie der Jobabbau durch KI der Grund, dass die Behörden vorsichtig damit sind, ein Ziel zu definieren. Hinzu kommt der demographische Faktor, durch den in den nächsten zehn Jahren mehrere hundert Millionen Arbeitskräfte aus dem Erwerbsleben ausscheiden werden.
Stattdessen soll die Arbeitslosenquote auf maximal 5,5 Prozent steigen. Diese Zahl sagt aber wenig über die tatsächliche Zahl der Arbeitslosen aus. Denn in China gilt nur derjenige als arbeitslos und hat damit Anspruch auf Sozialleistungen, der in der Stadt, in der er arbeitet auch sein „Hukou“ hat, also gemeldet ist. Ein Angestellter, der nach seinem Studium in Chengdu einen Job hatte, aber eigentlich aus Ningbo stammt und dort auch noch gemeldet ist, ist statistisch gesehen kein Arbeitsloser, weder in Chengdu, denn dort ist er nicht gemeldet, noch in Ningbo, denn dort hatte er keine sozialversicherungspflichtige Beschäftigung.
Um dieses Ziel zu erreichen, sollen unter anderem 25 Millionen arbeitslose Stadtbewohner in China gezielt bei der Stellenfindung unterstützt werden. Flankiert wird dies von einer Qualifizierungsoffensive, die jährlich 35.000 Postdoktoranden anwerben und 14 Millionen Menschen in den nächsten fünf Jahren zu staatlich geprüften Fachkräften und Technikern weiterbilden soll.
Als direkte Reaktion auf den technologischen Wandel wird zudem ein Überwachungs- und Frühwarnsystem für Beschäftigungsrisiken durch neue Technologien eingerichtet, das insbesondere die Auswirkungen Künstlicher Intelligenz (KI) auf den Jobmarkt mittels Echtzeit-Messung erfassen soll.
Parallel dazu wird das soziale Netz massiv ausgebaut. Während die Beteiligung an der Basisrentenversicherung stabil über 95 Prozent gehalten werden soll, sieht der Plan vor, die Arbeitslosenversicherung auf 255 Millionen und die Unfallversicherung auf 345 Millionen Menschen auszuweiten. Zudem wird ein Wachstum der betrieblichen Rentenfonds auf über 9 Billionen Yuan angestrebt, während bis Ende 2030 rund 90 Prozent der Bevölkerung mit einer digitalen Sozialversicherungskarte ausgestattet sein sollen.
China treibt KI-Initiative voran
Während Peking erstmals auf ein verbindliches Beschäftigungsziel verzichtet, treibt dieselbe Regierung den Einsatz Künstlicher Intelligenz mit hoher Geschwindigkeit voran. Mit der AI+ Initiative soll die Technologie bis 2027 mehr als 70 Prozent der Bevölkerung erreichen, bis 2030 sogar über 90 Prozent. Durch die Überwachung der Auswirkungen der KI auf den Arbeitsmarkt erkennt der Staat erstmals offiziell an, dass die Technologie nicht nur Produktivität schafft, sondern auch bestehende Beschäftigungsstrukturen unter Druck setzt.
Selbst regierungsnahe Ökonomen innerhalb Chinas warnen vor einer Entwicklung, die sich grundlegend von früheren Automatisierungswellen unterscheidet. Der Arbeitsmarktforscher Cai Fang von der Chinesischen Akademie der Sozialwissenschaften bezeichnet KI sogar als einen „Terminator“ des Arbeitsmarktes. Anders als Roboter oder Industrieautomatisierung ersetze sie nicht nur körperliche Tätigkeiten, sondern zunehmend auch geistige Routinearbeit. Nach seiner Einschätzung vernichtet KI zunächst Arbeitsplätze, bevor überhaupt neue Tätigkeiten entstehen. Deshalb fordert er einen deutlich stärkeren Ausbau des Sozialstaats, diskutiert ein Grundeinkommen sowie staatliche Unterstützung für Berufe, deren Wert sich nicht ohne Weiteres automatisieren lässt.
Bestätigt wird diese Einschätzung durch eine Untersuchung der Ökonomen Li Jia von der Singapore Management University und Zhang Dandan, Vizedekanin der Peking University. Für ihre Analyse werteten sie rund 1,6 Millionen Stellenanzeigen der chinesischen Plattform Zhaopin aus und entwickelten daraus einen Index, der das Risiko einzelner Berufe gegenüber großen Sprachmodellen misst. Besonders betroffen sind ausgerechnet typische Einstiegspositionen für Hochschulabsolventen. Texterstellung, Übersetzungen, Kundenservice, juristische Dokumentation, einfache Programmieraufgaben oder Recherchearbeiten zählen zu den Bereichen mit der höchsten KI-Exposition in China. Gleichzeitig steigen dort die Anforderungen der Unternehmen an Berufseinsteiger. Ausgerechnet jene Stellen, über die Absolventen bislang Berufserfahrung sammelten, verschwinden damit als erste oder werden erheblich anspruchsvoller.
Hinzu kommt, dass die Volksrepublik ihre Rolle als verlängerte Werkbank der Welt zunehmend hinter sich lässt und auf Hightech-Industrien, Automatisierung und wissensintensive Produktion setzt. Damit verschwindet ein Teil jener Arbeitsplätze, die früher Millionen Wanderarbeitern und Berufsanfängern den Einstieg offen standen. Die neuen Stellen entstehen überwiegend in Bereichen, deren Qualifikationsanforderungen deutlich höher liegen. Gerade für Hochschulabsolventen, die zwar über einen akademischen Abschluss, aber kaum Berufserfahrung verfügen, verschärft sich dadurch die Konkurrenz um qualifizierte Einstiegspositionen.
Ökonomen warnen vor Marktversagen
Dabei richtet sich die Kritik der chinesischen Ökonomen weniger gegen die Technologie selbst als gegen ihre gesamtwirtschaftlichen Folgen. Jedes Unternehmen profitiert zwar unmittelbar von geringeren Personalkosten, berücksichtigt jedoch nicht, dass entlassene Arbeitnehmer weniger konsumieren und damit die Nachfrage in der gesamten Volkswirtschaft sinkt. Für den einzelnen Betrieb erscheint das zwar wirtschaftlich sinnvoll, erzeugt gesamtwirtschaftlich aber einen gegenteiligen Effekt. Aus diesem Grund sprechen mehrere Forscher inzwischen ausdrücklich von einem Marktversagen.
Dennoch hält die chinesische Führung an ihrem Kurs fest, was mit der demographischen Entwicklung zusammenhängt. Aus Sicht Pekings soll KI deshalb nicht allein Beschäftigte ersetzen, sondern vor allem den Rückgang der Erwerbsbevölkerung in China kompensieren und das Wirtschaftswachstum trotz schrumpfender Arbeitskräfte sichern. Das Arbeitsministerium verweist zudem auf einen Bedarf von mehr als fünf Millionen KI-Fachkräften und hat bereits 42 neue Berufsbilder rund um generative KI offiziell anerkannt.
Während Peking die Einführung von KI möglichst flächendeckend vorantreibt, bereitet sich dieselbe Regierung mit Frühwarnsystemen, erweiterten Sozialleistungen und arbeitsrechtlichen Schutzmaßnahmen auf deren Folgen für den Arbeitsmarkt vor. Wie das konkret aussehen kann hat sich vor zwei Jahren in Wuhan gezeigt, als die Einführung von Robotaxis Proteste unter Taxifahrern auslöste und Behörden die Einführung zeitweise bremsten. Inzwischen reagieren zahlreiche Provinzen mit eigenen Programmen, die den Einsatz von KI ausdrücklich an eine Prüfung der Auswirkungen auf die Beschäftigung koppeln.
Vor diesem Hintergrund erscheint der Verzicht auf ein verbindliches Beschäftigungsziel für China als Eingeständnis einer wachsenden Unsicherheit. Zwar hält Peking unverändert am Anspruch fest, KI zur zentralen Triebkraft des künftigen Wachstums zu machen. Gleichzeitig signalisiert der neue Fünfjahresplan, dass sich die Folgen dieses Kurses für den Arbeitsmarkt inzwischen selbst innerhalb der chinesischen Führung immer schwerer kalkulieren lassen.
Über den RedakteurDói Ennoson
China-Experte
Dói Ennoson schreibt unter einem Pseudonym. Er ist China-Experte und vermittelt tiefgreifende Einblicke in das Reich der Mitte.
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