Was von Orbáns Fidesz-Partei noch übrig ist

Drei Monate nach dem Machtverlust wirkt Orbáns Partei immer noch orientierungslos. Während der abgewählte Premier bei der WM in den USA weilte, zogen sich immer mehr einst hochrangige Fidesz-Politiker zurück.

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Was von Orbáns Fidesz-Partei noch übrig ist

Am Sonntag wird in Ungarn neu gewählt – schon wieder. Allerdings nur im Wahlkreis 7 der ostungarischen, 50.000-Einwohner-Grenzstadt Békéscsaba. Der Sitz des Parlamentsabgeordneten muss neu besetzt werden, lediglich ein paar Tausend Ungarn sind stimmberechtigt. Mitte August folgen vier weitere Nachwahlen in ebenso vielen Kleinstädten.

Auf den ersten Blick sind diese Urnengänge kaum von nationaler Bedeutung. Und doch haben sie Symbolkraft. Denn in keiner der Städte, darunter einstige Hochburgen der 16 Jahre lang regierenden Fidesz, stellt die Partei überhaupt noch einen Kandidaten auf.

Es ist ein weiteres Zeichen dafür, wie tief die nationalistisch-konservative Partei des abgewählten Ministerpräsidenten Viktor Orbáns nach ihrer Niederlage in der Krise steckt. Der erfolgreichsten Parteineugründung Ungarns seit dem Ende des Staatssozialismus droht das, was politische Beobachter bereits unmittelbar nach dem Erdrutschsieg der Tisza-Partei von Péter Magyar im April vorhergesagt hatten: dass ihr die Erneuerung nicht gelingt.

Aktuelle Umfragen nach noch nicht ganz drei Monaten Magyar-Regierung stützen diese Einschätzung: Dem Institut Závecz Research gegenüber gaben vergangene Woche 58 Prozent der Befragten an, mit der Regierungspartei zufrieden zu sein; die Zustimmung zur Fidesz betrug lediglich 16 Prozent.

„Operation Fegefeuer“

Das liegt nicht allein an den bisherigen Erfolgen der neuen Regierung: Der konservativ-liberale Magyar nutzt die Zwei-Drittel-Mehrheit im Parlament, um wie im Wahlkampf versprochen das System Orbáns tiefgreifend ab- und umzubauen – die jüngst eingeleiteten Korruptionsermittlungen gegen die Fidesz-Partei nennt erOperation Fegefeuer“. Die Regierung verabschiedete eine Verfassungsänderung zur Absetzung des Orbán-loyalen Präsidenten Tamás Sulyok und des Präsidenten des Verfassungsgerichts, drehte Fidesz-nahen Stiftungen und Denkfabriken wie dem Mathias Corvinus Collegium den Geldhahn zu und löste das umstrittene Amt für den Schutz der Souveränität auf, das vorwiegend die ausländische Finanzierung von NGOs und Personen außerhalb Orbáns Dunstkreis verfolgte. 

Andere Maßnahmen waren vor allem symbolischer Natur; für viele, von den Orbán-Jahren frustrierte Ungarn zählen sie trotzdem: etwa die vorübergehende Absetzung des öffentlich-rechtlichen Rundfunks inklusive einer öffentlichen Entschuldigung des Senders für die jahrelange Verbreitung von „Lügen“ und „Propaganda“, oder die Öffnung des Karmeliterklosters am Budapester Burgberg, das Orbán als Amtssitz und Residenz genutzt hatte. Die Budapest Pride durfte erstmals seit Jahren problemlos wieder stattfinden, auch wenn Magyar selbst diese, um seine konservative Wählerschaft nicht zu verprellen, mehr tolerierte als sie aktiv zu begrüßen. Das Wochenende verbrachte er lieber in Istanbul und in Vorfreude auf den NATO-Gipfel in Ankara.

31st Budapest Pride March

Die Budapester Pride Parade am 27. Juni 2026.

Lieber bei WM als in Ungarn

Der teils freiwillige, teils erzwungene Rückzug von Fidesz-Loyalisten aus dem Staatsapparat und vor allem der Verlust des Zugriffs auf die Staatskasse schmerzen die Fidesz-Partei. Schwerer als jede Entscheidung der neuen Regierung wiegt jedoch, dass sie bislang keine eigene Zukunftsvision gefunden hat. Der abgewählte Orbán hat weiter den Parteivorsitz inne, eine Debatte um eine personelle Neuaufstellung gab es nach der Niederlage keine – entgegen der angekündigten „Erneuerung“ als vorrangige Aufgabe. Seit seiner Abwahl ist der 63-Jährige in Ungarn öffentlich kaum noch in Erscheinung getreten.

Über die sozialen Medien rief er zum „nationalen Widerstand“ gegen die „Tisza-Diktatur“ auf, an einer Demo in Budapest nahm er nicht teil. Stattdessen verfolgte er die Fußball-Weltmeisterschaft in den USA und wurde anschließend im Weißen Haus sowie im US-Außenministerium gesehen. Seine engen Verbindungen zum konservativen Flügel der Republikanischen Partei pflegt Orbán seit Jahren. Möglich, dass er in einer Republikaner-nahen Denkfabrik auch eine zukünftige Stelle anstrebt.

Seinen ersten größeren öffentlichen Auftritt seit der Wahlniederlage absolviert Orbán am Sonntag im rumänischen Siebenbürgen. Dort hält er vor der ungarischen, überwiegend Fidesz-freundlich gesinnten Bevölkerung Bevölkerung seine traditionelle Grundsatzrede. Unter seiner Regierung flossen Hunderte Millionen Euro in die Region. Es ist ein Auftritt vor wohlgesinntem Publikum – und einer ohne großes politisches Risiko. 

Außenminister wechselt zu BYD

Seine Partei hat Orbán stets sehr hierarchisch, auf ihn zentriert geführt, mögliche Konkurrenten hielt er klein. Nach der Wahlniederlage zog sich ein Großteil der prominenten Parteiführung rasch aus der Politik zurück. Der ehemalige, langjährige Außenminister Péter Szijjártó, der Chinas Großinvestitionen in Ungarn den Weg bereitet hatte, wechselte zum chinesischen Elektroautokonzern BYD. Magyar hat daraufhin Untersuchungen angekündigt. Der ehemalige Verkehrsminister János Lázár sitzt offiziell im Parlament, taucht jedoch nur selten auf. Gergely Gulyás, einst Leiter der Staatskanzlei und zu Magyars Fidesz-Zeiten dessen politischer und privater Wegbegleiter, hat die Führung der Fidesz-Fraktion übernommen und nach drei Monaten wieder aufgegeben. Sie alle galten einst als potenzielle Nachfolger Orbáns. Heute wirkt die Partei, als fehle ihr nicht nur eine Führungspersönlichkeit, sondern auch der Glaube an eine Auferstehung.

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Der damalige ungarische Außen- und Handelsminister Péter Szijjártó und der chinesische Außenminister Wang Yi  am 11. Februar 2026 in Budapest.

Die Tisza-Regierung verkleinert den Spielraum der Opposition weiter: Die jüngste Verfassungsänderung begrenzt Parlamentsmandate künftig auf drei Amtsperioden, also zwölf Jahre. Für die zahlreichen, langjährigen Fidesz-Abgeordneten ist damit eine Kandidatur bei der nächsten Wahl 2030 nicht mehr möglich. Der Weg für neue Gesichter wäre frei. Nur fehlen die in der Fidesz derzeit weit und breit.

kurier.at, cfer  |  25.07.2026, 5:30