Wahlkampf in Gambia: Der „Auserwählte“ und die Täter der Jammeh-Diktatur
In Gambia stockt die Aufarbeitung der Gräueltaten der Diktatur Jammehs. Das liegt auch an dessen Nachfolger, dem Präsidenten des Landes, Adama Barrow. Ganz in Weiß gekleidet, die Hand zum Gruß gehoben, winkt P...
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In Gambia stockt die Aufarbeitung der Gräueltaten der Diktatur Jammehs. Das liegt auch an dessen Nachfolger, dem Präsidenten des Landes, Adama Barrow.
Ganz in Weiß gekleidet, die Hand zum Gruß gehoben, winkt Präsident Adama Barrows Antlitz vom Dach eines mehrstöckigen Apartmenthauses auf eine der zentralen Kreuzungen von Gambias Hauptstadt Banjul herunter. Das Wahlplakat ist gigantisch, der Schriftzug ebenso: „Der Auserwählte“, prangt dort in großen Lettern neben dem Gesicht des Präsidenten.
Die Inszenierung des winkenden Barrow, noch dazu aus einem offenen Wagen heraus, hat etwas Päpstliches. Dabei ist Barrow Muslim, genauso wie etwa 95 Prozent der Bevölkerung Gambias. Göttlicher Beistand – ganz gleich welcher Konfession – dürfte jedoch spätestens im Dezember willkommen sein. Dann wählt Gambia einen neuen Präsidenten.
Während die Opposition zersplittert ist und nur mühsam ihre politischen Bündnisse auslotet, ist Barrow schon längst im Wahlkampf angekommen. Es ist das dritte Mal, dass der Politiker der National People’s Party (NPP) sich um das Amt an der Staatsspitze bewirbt. Unterstützt wird er dabei unter anderem ausgerechnet von der APRC, der Partei von Ex-Diktator Yahya Jammeh.
Im Dezember 2016 hatte Barrow überraschend gegen Jammeh gewonnen. Dessen 22-jährige Schreckensherrschaft war geprägt von schweren Menschenrechtsverletzungen, darunter Verschleppungen, sexuelle Gewalt, außergerichtliche Tötungen und willkürliche Inhaftierungen. Nach seiner Wahlniederlage flüchtete sich Jammeh im Januar 2017 ins Exil nach Äquatorialguinea, wo er bis heute lebt.
Ein Taekwondo-Gürtel, ein Ausweis und ein Hut
Gut fünf Jahre lang, von 2017 bis 2021, arbeitete eine Kommission für Wahrheit, Versöhnung und Wiedergutmachung (TRRC) die Verbrechen der Jammeh-Ära auf. Doch fast zehn Jahre nach seinem Sturz ist der Ex-Diktator noch immer nicht vor Gericht gestellt worden – unter anderem weil Äquatorialguinea seine Auslieferung verweigert. Mit der Ernennung des britischen Rechtsanwalt Martin Hackett zum Sonderstaatsanwalt für Gambias Sondertribunal im Mai 2026 ist zwar ein weiterer Stein ins Rollen gebracht worden, doch die Aufarbeitung schreitet insgesamt nur langsam voran, während die Geduld der betroffenen Familien strapaziert wird.
„Die Täter altern, einige von ihnen sind bereits gestorben. Das bedeutet, dass sie sich niemals der Justiz stellen werden. Das ist für die Opfer, die auf Antworten warten, sehr schmerzhaft. Aber Gambia muss zunächst die entsprechenden Strukturen aufbauen“, sagt Sirra Ndow. Es gehe voran, wenn auch nur langsam, sagt die Landesdirektorin des Afrikanischen Netzwerks gegen außergerichtliche Tötungen und erzwungene Verschleppungen (Aneked): „Vermutlich gibt es keine einzige Familie in Gambia, die nicht in irgendeiner Art und Weise von den unter Jammeh verübten Verbrechen betroffen ist“.
Damit die Gräueltaten der Vergangenheit nicht in Vergessenheit geraten, betreibt Aeneked ein Museum. An einer ungeteerten Seitenstraße von Serekunda, nur eine kurze Fahrt von Banjul entfernt, liegt das Memory House. „Uns geht es darum, die Sicht der Opfer darzustellen. Es soll anerkannt und festgehalten werden, was während der Herrschaft von Jammeh geschehen ist. Auch für künftige Generationen, damit sich so etwas nie wieder wiederholen kann“, erklärt Ndow, während sie durch den Erinnerungsort führt.
Hinter einem Schaukasten, sicher verschlossen und säuberlich aufgereiht, liegen ein Taekwondo-Gürtel, ein Ausweis und ein Hut. Es sind Besitztümer von Menschen, die umgebracht wurden. „Nachfolgende Generationen sollen auch lernen, dass sie ein Recht auf Wahrheit und Aufklärung haben“, sagt sie.
Auswirkungen des Jammeh-Regimes bis heute spürbar
Hinter ihr an der Wand reihen sich unzählige Fotos. Jedes einzelne Bild zeigt einen vermissten Menschen und deren persönliche Geschichten. „22 Jahre sind eine lange Zeit. Die Auswirkungen des Jammeh-Regimes sind bis heute spürbar“, sagt sie. Das eine seien die offensichtlichen Folgen, zum Beispiel Menschen, die gefoltert wurden und die fortlaufend medizinische Versorgung benötigten. Das andere seien die Systeme und Strukturen, wie Justiz, Bildungssystem und der Sicherheitssektor, die bis heute von der autokratischen Gesetzgebung der Jammeh-Zeit geprägt seien.
Ähnlich sieht es auch der gambische Menschenrechtler Madi Jobarteh: „Seit 2017 ist der öffentliche Raum sehr viel sicherer geworden – für Journalisten, für die Zivilgesellschaft und auch für politische Akteure. Aber auch zehn Jahre nach dem Ende der Diktatur steht unsere Regierung immer noch an einem Scheideweg.“
Als Gründer des Edward Francis Small Centre for Rights and Justice (EFSCRJ) setzt er sich für Menschenrechte, Gleichheit und Rechenschaftspflicht ein. „Die Gräueltaten der Vergangenheit mögen ein Ende gefunden haben und landesweit hat sich die Infrastruktur verbessert. Aber das schlägt sich nicht in einem höheren Lebensstandard oder in besseren Chancen für die Menschen nieder“, sagt Jobarteh. Das Land sei immer noch von Korruption durchtränkt und die Menschen von Armut geplagt.
„Barrow hat außerdem viele der wichtigen Mitstreiter des früheren Regimes wieder ins Amt geholt. Nehmen wir zum Beispiel den Präsidenten unserer Nationalversammlung, Fabakary Tombong Jatta, oder Muhammad B. S. Jallow, den Vizepräsidenten“, kritisiert Jobarteh. Männer, die auch unter Jammeh politische Spitzenpositionen besetzten und den Fortbestand des Regimes, inklusive seiner Menschenrechtsverbrechen, mitgetragen hatten. „Daraus lese ich kein Interesse an einer echten Übergangsjustiz“, sagt Jobarteh.
Ewiger Machterhalt
Zu beobachten sei außerdem, wie die Taktiken des früheren Regimes auch heute noch fest verankert seien: „Nehmen wir zum Beispiel diese Kultur der ewigen Machterhaltung“, gibt Jobarteh ein Beispiel. Barrows Verkündung einer mittlerweile dritten Kandidatur hatte für Unzufriedenheit gesorgt.
2016 war dieser nämlich eigentlich mit dem Versprechen angetreten, nur ein Mal zu kandidieren und eine Amtszeitbegrenzung einzuführen, als Lehre aus der langen und brutalen Herrschaft von Jammeh. Von einer Begrenzung ist mittlerweile nicht mehr die Rede, stattdessen sieht sich Barrow als am besten geeignet, das westafrikanische Küstenland noch weitere fünf Jahre zu führen – und möglicherweise auch darüber hinaus.
Die politische Kultur ist dabei nur eine Seite des Erbes. „Während der Diktatur wurden die Sicherheitskräfte gezielt gegen die Bevölkerung eingesetzt und als repressives Werkzeug missbraucht“, erklärt der Menschenrechtler. Seit 2017 soll eine Sicherheitssektorreform daraus rechtsstaatliche und rechenschaftspflichtige Institutionen machen.
„Ja, klar. Es gibt Fortschritte: Das Militär foltert heute nicht mehr willkürlich. Aber die Polizei wird weiterhin gegen die eigene Bevölkerung eingesetzt. Vor allem dann, wenn sie in der Kritik steht“, sagt Jobarteh mit Hinweis auf Anti-Korruptions-Proteste im Juli 2025, die brutal zerschlagen worden waren. Die Methoden seien direkte Hinterlassenschaften der Diktatur.
Noch immer hat Jammeh Unterstützer
Und dennoch: Bis heute hat der Ex-Diktator nach wie vor einen kleinen, aber hartnäckigen Pool an Unterstützern. „Welcome to Fono Region“, begrüßt ein Schild Autofahrer auf der einzigen Verbindungsstraße, die sich von West nach Ost einmal der Länge nach durch das Land schlängelt. Direkt hinter dem Schild beginnen grüne Fahnen den Straßenrand zu schmücken, es ist die Farbe der Jammeh-Partei APCR.
Die Geburtsregion von Jammeh, vor allem dessen Geburtsort Kanilai, ist auch nach dem Ende der Diktatur ein Ort überzeugter Unterstützer. „Gambia geht unter, nur Jammeh kann uns retten“, heißt es in einem Graffiti auf einer Wellblechhütte in Kanilai.
Das kleine Dorf beherbergt nur ein paar hundert Menschen. Und doch gab es hier einst eine eigene Bankfiliale und ein riesiges Hotel mit Tennisplätzen und Pool. Das Hotel ist nach wie vor in Betrieb, wenn auch eingeschränkt.
„Früher war hier jeden Tag was los“, erzählt der Manager. Regelmäßig lud Jammeh seine Gäste zu opulenten Feiern in seine Privatresidenz direkt nebenan ein, mit Blick auf den eigenen Krokodil-Pool im Garten. Heute ist die Residenz abgeriegelt und vom Militär bewacht. Das Hotel wird manchmal noch für Konferenzen gebucht, ansonsten ist es ruhig geworden im Dorf.
Das verrostete Gerüst der Moschee
Eine Moschee, um die herum noch ein verrostetes Baugerüst steht und deren Grundriss enorme Dimensionen erahnen lässt, ist Zeugnis des überraschenden Endes von Jammehs Regierungszeit. Die Fono-Region war von Jammeh stark ausgebaut und gefördert worden, sodass die Bevölkerung in seiner Geburtsregion schon früh in den Genuss einer guten Strom- und Wasserversorgung sowie geteerter Straßen kam.
Heute ist dies nicht mehr der Fall, die Straße Richtung Kanilai ist durchlöchert wie Schweizer Käse, eine frische Teerdecke hat sie schon lange nicht mehr gesehen.
Für Analyst Sait Matty Jaw ist Jammeh heute nicht viel mehr als das verrostete Gerüst der nie fertiggestellten Moschee: eine Randerscheinung, deren Stern schon längst verblasst ist. Viel wichtiger sei, welche Richtung Präsident Adama Barrow 2027 einschlage.
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