Gar nicht so weltfremd: Seit 135 Jahren mischen sich Päpste in Wirtschaftsfragen ein

Von der Arbeiterfrage zur künstlichen Intelligenz: Was die Päpste zum Kapitalismus zu sagen habenSeit über einem Jahrhundert kommentieren Päpste die wirtschaftlichen Umbrüche ihrer Zeit. Papst Leo XIV. widmet s...

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Gar nicht so weltfremd: Seit 135 Jahren mischen sich Päpste in Wirtschaftsfragen ein

Von der Arbeiterfrage zur künstlichen Intelligenz: Was die Päpste zum Kapitalismus zu sagen haben

Seit über einem Jahrhundert kommentieren Päpste die wirtschaftlichen Umbrüche ihrer Zeit. Papst Leo XIV. widmet sich dem Silicon Valley. Mit einem kritischen «Ja, aber».

25.07.2026, 05.30 Uhr

7 Leseminuten


Ein Vogel fliegt an der Kuppel des Petersdoms vorbei, während am 7. Mai 2025 im Vatikan das Konklave zur Wahl des nächsten Papstes beginnt.

Ein Vogel fliegt an der Kuppel des Petersdoms vorbei, während am 7. Mai 2025 im Vatikan das Konklave zur Wahl des nächsten Papstes beginnt.

Guglielmo Mangiapane / Reuters

Der katholischen Kirche wird oft vorgeworfen, sie sei weltfremd und habe sich von den Lebensrealitäten der Bevölkerung entfernt. Diesem Aussenbild stellt sich Papst Leo XIV. entgegen. Rund ein Jahr nach der Wahl zum Pontifex hat er diesen Mai in seiner ersten Enzyklika ein Thema aufgegriffen, das zeitgemässer nicht sein könnte: die künstliche Intelligenz (KI).

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Im Beisein weltlicher Experten wie Christopher Olah, Mitgründer des KI-Unternehmens Anthropic, präsentierte der Papst seine Schrift: Er warnte vor der wachsenden Macht der Techkonzerne und forderte, dass die neue Technologie in den Dienst des Gemeinwohls gestellt werde. Die KI müsse «entwaffnet» werden – befreit von Logiken, die sie zu einem «Instrument der Herrschaft, des Ausschlusses oder des Todes» machen.

Kirchenoberhaupt mit Smartwatch

Papst Leo XIV. widmete seine erste Enzyklika der künstlichen Intelligenz.

Papst Leo XIV. widmete seine erste Enzyklika der künstlichen Intelligenz.

Yara Nardi / Reuters

Viele waren überrascht, dass der Papst sein erstes Lehrschreiben ausgerechnet dem Silicon Valley widmete, dem Zentrum neuer Technologien, Innovationen und Selfmade-Milliardäre. Doch gar so unerwartet kam der Schritt nicht, denn Päpste nutzen ihre Enzykliken seit je, um wirtschaftliche Trends aufzugreifen und diese einzuordnen. Dass dies auch Leo XIV. tun würde, legten zwei Besonderheiten nahe.

Erstens ist der erste Amerikaner, der je auf den Heiligen Stuhl gewählt wurde, nicht nur ein studierter Mathematiker, sondern auch sehr technologieaffin. So trägt der mit 70 Jahren noch vergleichsweise junge Papst eine Apple-Watch und übt Fremdsprachen mithilfe digitaler Apps. Er scheint den technischen Fortschritt unkompliziert in sein Leben zu integrieren.

Zweitens zeigte schon seine Namenswahl, dass er sich in der Tradition von Leo XIII. sieht, der 1891 mit der Enzyklika «Rerum novarum» (Neuerungen) die kirchliche Soziallehre begründete. Diese stellt einen wertebasierten Kompass zur Gestaltung von Gesellschaft, Wirtschaft und Politik dar und ist in den vergangenen 135 Jahren von den meisten Päpsten mit eigenen Reflexionen angereichert worden.

Wie hat sich das katholische Denken zu Geld und Gott in dieser langen Zeit entwickelt? Und inwiefern sticht das jüngste Engagement von Leo XIV. hervor aus den Überlegungen seiner Vorgänger?

Leo XIII. und die Arbeiterfrage

Leo XIII. war Papst von 1878 bis 1903.

Leo XIII. war Papst von 1878 bis 1903.

Library of Congress

Dass sich mit Leo XIII. (1810–1903) erstmals ein Papst systematisch mit wirtschaftlichen Grundsatzfragen beschäftigte, war eine Reaktion auf die sozialen Verwerfungen der Industrialisierung. So führte die damalige Mechanisierung der Wirtschaft nicht nur zu Reichtum, sondern auch zu Armut und Ausbeutung.

Leo XIII. nahm die Arbeiterfrage in der genannten Enzyklika auf und löste die Kirche aus ihrer selbstgewählten Isolation gegenüber Alltagsthemen. Dabei beschränkte er sich nicht darauf, die sozialen Missstände bloss festzustellen. Vielmehr betonte er die Würde der Arbeit und forderte «gerechte Löhne». Der Mensch als Abbild Gottes habe mehr Wert als Kapital und Profit, lautete sein Credo.

Dies machte aus dem «Arbeiterpapst» aber keinen Sozialisten. Vielmehr verteidigte er das Privateigentum als Grundrecht. Er wehrte sich gegen die Forderung nach Verstaatlichungen und war überzeugt, dass eine Ausbreitung des Staates den Arbeitern mehr schadet als nützt. Der Logik des Klassenkampfes stellte er das Eintreten für Arbeiterrechte und Arbeitnehmervertretungen entgegen. Heute würde man ihn als Verfechter einer engen Sozialpartnerschaft bezeichnen.

Pius XI. und die Subsidiarität

Pius XI. war  Papst von 1922 bis 1939.

Pius XI. war  Papst von 1922 bis 1939.

Imago

Zum 40. Jahrestag von «Rerum novarum» ging Pius XI. (1857–1939) im Jahr 1931 einen Schritt weiter. Seine Enzyklika «Quadragesimo anno» ist geprägt von der Weltwirtschaftskrise und blickt nicht mehr nur auf die Arbeiterfrage, sondern auf das grosse Ganze: die wirtschaftliche Ordnung. Ungerechtigkeit und Armut erscheinen in einem strukturellen Kontext. Inmitten der Grossen Depression fällt das päpstliche Urteil zum Finanzkapitalismus harsch aus.

Trotz aller Kritik an den Exzessen der Börse: Auch Pius XI. war immun gegenüber kollektivistischen Versprechen und betonte die soziale Funktion des Eigentums. Er wehrte sich gegen einen übergriffigen Staat und begründete dies mit dem Subsidiaritätsprinzip. Dieses hält fest, dass alles, was Einzelpersonen, Familien oder lokale Gemeinschaften erledigen können, nicht von übergeordneten Instanzen übernommen werden soll. Diese urliberale Idee bildet seither ein zentrales Prinzip der Soziallehre, neben dem Gemeinwohl und der Solidarität.

Johannes XXIII. und die grosse Welt

Johannes XXIII. war Papst von 1958 bis 1963.

Johannes XXIII. war Papst von 1958 bis 1963.

Keystone

Im Zweiten Weltkrieg wurde die Soziallehre nur punktuell weiterentwickelt. Auch tat sich der damalige Papst Pius XII. (1876–1958) schwer, die Greueltaten der Nazis klar und deutlich zu verurteilen, was bis heute für Kontroversen sorgt. Erst unter Johannes XXIII. (1881–1963) begann eine neue Etappe. Während seines Pontifikats fand das Zweite Vatikanische Konzil statt, mit dem Ziel, die Zeichen der Zeit zu erkennen und sich stärker mit lebensnahen Fragen wie Ehe und Familie, aber auch Krieg und Frieden zu beschäftigen.

Der reformfreudige Papst betrachtete die Wirtschaft aus einer globalen Sicht. Vor dem Hintergrund des Nachkriegsbooms Europas rückte die wachsende Ungleichheit zwischen reichen und armen Ländern ins Zentrum. Die «soziale Frage» bezog sich nun nicht mehr nur auf das Verhältnis zwischen Fabrikherr und Arbeiter, sondern auch auf die notleidenden Völker ausserhalb Europas. In der 1961 veröffentlichten Enzyklika «Mater et magistra» werden die «Überschussländer» dazu aufgefordert, sie sollen «den Mangelgebieten zu Hilfe kommen».

Paul VI. und die Entwicklungsländer

Paul VI. war Papst von 1963 bis 1978.

Paul VI. war Papst von 1963 bis 1978.

Terry Fincher / Hulton / Getty

Unterentwicklung und globale Verflechtung waren damals Neuland für den Vatikan. Unter Papst Paul VI. (1897–1978) wurden diese Themen vertieft. Für ihn war Entwicklung «der neue Name für Frieden», da sie die Wurzel von Kriegen beseitige. Er plädierte für Entwicklungshilfe, appellierte aber auch an die Eigenverantwortung und schrieb: «Mit Verstand und freiem Willen begabt, ist der Mensch für seinen Fortschritt ebenso verantwortlich wie für sein Heil.» Er fügte hinzu, jeder sei seines Glückes Schmied, seines Versagens Ursache, «wie immer auch die Einflüsse sind, die auf ihn wirken».

Paul VI. teilte den Fortschrittsoptimismus seines Vorgängers nur beschränkt. Er blickte in den frühen 1970er Jahren auf die postindustrielle Gesellschaft und sah vor allem Probleme: Verstädterung, Vereinsamung, Wohnungsnot, missliche Verhältnisse von Gastarbeitern. Als erster Papst griff er auch die Umweltzerstörung auf – rund ein Jahr bevor dies der Club of Rome mit dem Bericht «Die Grenzen des Wachstums» tat.

Johannes Paul II. und die Marktwirtschaft

Johannes Paul II. war Papst von 1978 bis 2005.

Johannes Paul II. war Papst von 1978 bis 2005.

Imago

Die katholische Soziallehre wurde im Kalten Krieg oft als «Dritter Weg» zwischen Kapitalismus und Sozialismus interpretiert. Mit Johannes Paul II. (1920–2005) stand der Kirche ab 1978 aber ein Papst vor, der den Sozialismus aus eigener Erfahrung kannte. Der Pole wollte nichts wissen von einem «Dritten Weg». Seine 1991, zwei Jahre nach dem Mauerfall, verfasste Enzyklika «Centesimus annus» lobte den Kapitalismus deutlicher als jedes kirchliche Dokument zuvor. Wobei auch er für den Kapitalismus einen verlässlichen staatlichen Ordnungsrahmen einforderte.

Der Antikommunismus des Papstes war ein Katalysator für den politischen Umbruch in Osteuropa. Anders als die meisten seiner Vorgänger betonte er auch die Gefahren staatlicher Umverteilung. Er sah im Wohlfahrtsstaat nicht zuletzt auch ein Konstrukt, das die Gesellschaft ihrer Verantwortung beraube und zu einem Aufblähen der Staatsapparate führe, «die mehr von bürokratischer Logik als von dem Bemühen beherrscht werden, den Empfängern zu dienen».

Benedikt XVI. und die Finanzkrise

Benedikt XVI. war Papst von 2005 bis 2013.

Benedikt XVI. war Papst von 2005 bis 2013.

Osservatore Romano / Reuters

Dieser staatskritische Blick wurde vom ersten deutschen Papst nur teilweise geteilt. Das hatte auch mit der Finanzkrise zu tun, die zwei Jahre nach der Wahl von Papst Benedikt XVI. (1927–2022) über die Welt hereinbrach. In seiner 2009 veröffentlichten Enzyklika «Caritas in veritate» geisselte der Papst die moralischen Defizite der Spekulanten und Finanzmakler. Diese müssten die ethische Grundlage ihrer Tätigkeit wiederentdecken, «um nicht jene hoch entwickelten Instrumente zu missbrauchen, die dazu dienen können, die Sparer zu betrügen». Damit nahm er Bezug auf jene komplex verschachtelten Finanzprodukte, deren Wertverlust in der Finanzkrise auch die Realwirtschaft in Mitleidenschaft zog.

Weniger klar fällt Benedikts Urteil zur sich beschleunigenden Globalisierung aus. Diese sei weder gut noch schlecht, meinte er. «Sie wird das sein, was die Menschen aus ihr machen.» Denkbar sei eine Neuverteilung des Reichtums, aber auch mehr Armut. Ähnlich wie Leo XIV. beim Blick auf KI sah auch Benedikt XVI. in einer globalisierten Welt die Möglichkeiten des Staates schwinden, noch lenkend auf die Wirtschaft Einfluss zu nehmen.

Franziskus und die Wirtschaft, die tötet

Franziskus war Papst von 2013 bis 2025.

Franziskus war Papst von 2013 bis 2025.

Yara Nardi / Reuters

War Johannes Paul II. ein klarer Befürworter der Marktwirtschaft, kann Papst Franziskus (1936–2025) als deren schärfster Kritiker bezeichnet werden. «Diese Wirtschaft tötet», schrieb der Argentinier 2013 und fand in seinem Schreiben «Evangelii gaudium» kein gutes Wort für die moderne Wirtschaft. Anders als sein Vorgänger, der um eine differenzierte und fast wissenschaftliche Analyse bemüht war, schrieb Franziskus Sätze wie: «Es ist unglaublich, dass es kein Aufsehen erregt, wenn ein alter Mann, der gezwungen ist, auf der Strasse zu leben, erfriert, während eine Baisse um zwei Punkte an der Börse Schlagzeilen macht.»

Der Argentinier wetterte gegen den «zügellosen Konsumismus», die «neue Vergötterung des Geldes», die «absolute Autonomie der Märkte». Für Franziskus, dessen Name an den Bettelmönch erinnern sollte, war das Wirtschaftssystem «an der Wurzel ungerecht». Seine Hinwendung zu den Ärmsten verschaffte ihm zwar vielerorts grosse Anerkennung. Mit seiner Fundamentalkritik zog er aber auch den Vorwurf der Einseitigkeit auf sich. So liess er ungesagt, dass die Zuwendung zur Marktwirtschaft auch Millionen Menschen aus der Armut befreit hat.

Eine Haltung des «Ja, aber»

Der Überblick zeigt: Ein in sich geschlossenes Gebilde ist die Soziallehre nicht. Ein jeder Papst steuerte Beiträge bei, meist aufbauend auf dem Vorangegangenen, bisweilen aber auch im Widerspruch dazu. Was deutlich wird: Die Päpste sind aufmerksame Kommentatoren der ökonomischen Umbrüche und griffen diese zeitnah auf: von der Arbeiterfrage über die Weltwirtschaftskrise, den Systemwettbewerb, die Globalisierung bis hin zur Finanzkrise.

Zwar liegen Welten zwischen der Marktnähe eines Johannes Paul II. und der Kapitalismuskritik von Franziskus. Dennoch bewegte sich die Soziallehre stets zwischen den Extremen. Sie neigte weder zu einem (atheistischen) Kommunismus noch zu einem ungezügelten Kapitalismus. Der Ökonom und Wirtschaftsethiker Peter Koslowski sprach von einer Haltung des «Ja, aber». Ein Ja zum Markt, verbunden mit dem Aber, dass die Wirtschaft ein moralisches Fundament braucht.

Papst Leo XIV. reiht sich ein in diese Tradition. Er greift mit der KI eine drängende Gegenwartsfrage auf, ebenfalls mit einem «Ja, aber»: Er verteufelt die KI nicht, fordert aber, dass ihr Einsatz kontrolliert wird, «insbesondere wenn es um öffentliche Güter und Grundrechte geht». Mit seiner Analyse will Leo XIV. auch die Kirche zu einer wichtigen Stimme in der weltwirtschaftlichen Debatte machen. Ob sie im Silicon Valley auch Gehör findet, steht derweil auf einem anderen Blatt.

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