Vertrauen in die Medien: Ikkimel und was der Journalismus sich so einbildet
Vertrauen in die Medien: Ikkimel und was der Journalismus sich so einbildet Bei einem ZDF-Auftritt der Sängerin Ikkimel waren sich die Medienberichte einig: das Publikum sei verstört gewesen. Aber stimmt...
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Vertrauen in die Medien: Ikkimel und was der Journalismus sich so einbildet
Bei einem ZDF-Auftritt der Sängerin Ikkimel waren sich die Medienberichte einig: das Publikum sei verstört gewesen. Aber stimmt das eigentlich?
Foto: zdf/screenshot
D ie Talkshows des öffentlich-rechtlichen Fernsehens haben Sommerpause, und so musste diese Woche das „Morgenmagazin“ für die Medienberichterstattung herhalten und lieferte auch: den Auftritt der Sängerin Ikkimel.
Dieser wurde vom traditionell auf schmalen Bänken sitzenden Publikum so aufgenommen wie jeder andere Auftritt von Musiker*innen dort auch: etwas bedröppelt, nicht wissend, wohin mit den Händen, angestrengt in die Kamera guckend, irritiert; nicht jeder applaudiert. Ikkimels Performance jedoch wurde medial zu einem Ereignis hochgeschrieben, dass dem Script der Sängerin folgte: Das Boomerpublikum sei mit dem Auftritt „sichtlich überfordert“ (Spiegel), „völlig überfordert“ (SWR 3), „ratlos“ (SZ), „unbewegt“ (radioeins) und in „Schockstarre“ (taz) gewesen.
Woher wussten die Beschreibenden das? Haben sie das Publikum gefragt? Haben sie sich selbst gefragt, warum das ZDF die gefilmten Zuschauer als Zusammenschnitt ins Netz stellte und darin immer wieder auf ein- und denselben Typen zoomte, der unbewegt bis abschätzig guckte und nicht klatschte?
Haben sich die Kollegen Auftritte anderer Bands im „Moma“ angeschaut und die Mimik des Publikums genauso akribisch untersucht? Man schaue sich die ungleich gefälligeren Auftritte von Bands wie Freshground oder Joris in den „Momas“ dieser Woche an: Sind da wirklich Unterschiede zu den (Nicht-)Reaktionen bei Ikkimel zu erkennen oder nicht vielmehr die gleichen bedröppelten, unbewegten, beschämt auf den Boden guckenden, verschüchterten Gesichter und immer mindestens einer oder eine, die demonstrativ nicht klatscht?
Die Gäste im Studio hatten den Text von Ikkimels vorgetragenem Raprant „Fußballmänner“ vielleicht akustisch gar nicht verstanden. Vielleicht fanden sie den Auftritt auch gar nicht so provokant und erinnerten sich an Ina Deter, die 1983 in der ZDF-„Hitparade“ „Neue Männer braucht das Land“ sang, daraufhin Morddrohungen und vom NDR eine Strafanzeige wegen Aufrufs zur Sachbeschädigung („Ich sprüh’s an jede Wand: Neue Männer braucht das Land“) erhielt, von Rundfunkanstalten boykottiert und auf den Index gesetzt wurde.
Verstörender jedenfalls als ein Auftritt von Ikkimel ist, wenn der Journalismus Dinge beschreibt, die er sich einbildet, weil es so schön ins Weltbild passt. In diesem Fall: „Moma“-Publikum spießig, Ikkimel provozierend – da muss es Verstörungen gegeben haben.
Apropos einbilden. Der neue Politikjournalismuspodcast des RND „Wenn Sie wüssten …“ hat sich gleich nach seiner ersten Folge dafür entschuldigen müssen, dass er veröffentlicht hatte, wofür es keine Beweise gab: Döpfner als Steigbügelhalter der AfD drängt den Kanzler zum Abbau der Brandmauer. Mit dieser Glanzleistung lieferten die Kollegen den Rechten noch mehr Material, um das Misstrauen gegen die eigene Branche zu füttern, mit dem nicht nur die AfD, sondern Europas Rechte immer mehr Stimmen gewinnen.
Schließlich dann am Donnerstagabend eine Nachrichteneinblendung der „Tagesthemen“, die mein Bild vom Zustand der eigenen Branche vollendete wie ein Treffer von Messi: „Offenbar mehr Tote während Hitzewelle“.
Ein „offenbar“ vor der Nachricht, und alles ist gut im Sinne einer ausreichend recherchierten Nachrichtengrundlage? Was kommt als Nächstes? „Offenbar wärmer als gedacht“? „Offenbar heißer als sonst so“? „Offenbar grade auf Sendung“?
Entweder gab es mehr Tote während der Hitzewelle 2026 oder nicht. Was anderes ist die Frage danach, ob die Toten Opfer der Hitzewelle wurden. Das aber stand in dem eingeblendeten Satz nicht, sondern war nur die eingebildete Grundlage.
Ich bilde mir ein, dass es uns allen viel besser gehen könnte, würden wir uns weniger einbilden, voll im Bilde zu sein.
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Doris Akrap
Redakteurin
Ressortleiterin | taz zwei + medien Seit 2008 Redakteurin, Autorin und Kolumnistin der taz. Publizistin, Jurorin, Moderatorin, Boardmitglied im Pen Berlin.
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