TV-Doku über Volksparteien im Osten: Als Lafontaine mit seinem Privatkoch kam

Die neue ARD-Dokumentation „Volkparteien ohne Volk“ sucht nach Gründen, warum SPD und CDU im Osten gescheitert sind. Die Entfremdung hat schon 1990 angefangen, dann ging es weiter bergab

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TV-Doku über Volksparteien im Osten: Als Lafontaine mit seinem Privatkoch kam

Die neue ARD-Dokumentation „Volkparteien ohne Volk“ sucht nach Gründen, warum SPD und CDU im Osten gescheitert sind. Die Entfremdung hat schon 1990 angefangen, dann ging es weiter bergab

Maxi Leinkauf

Von

24.07.2026

Der Widerstand gegen die Schließung des Kaliwerks Bischofferode 1993 wurde zum Symbol der Treuhandpolitik

Foto: Jan-Peter Kasper/ rbb/ picture alliance/ ZB

Gerade kam eine neue Hiobsbotschaft für die SPD. In einer aktuellen Umfrage kracht sie in Sachsen-Anhalt auf 5 Prozent, muss also um den Wiedereinzug in den Landtag kämpfen. Passendes Timing für die ARD-Doku, die sich mit dem Absturz der einstigen Volksparteien beschäftigt, so bitter das ist.

Der Film beginnt mit Angela Merkels Auftritt in Finsterwalde, wo sie im September 2017 niedergeschrien wurde. Die Journalistin Jana Hensel ist damals dabei gewesen und erinnert sich. Sie hatte Merkel danach einen offenen Brief geschrieben. Ach nee, denkt man kurz, nicht wieder diese Szene. Weiß man doch alles. Aber dann geht die Dokumentation Volksparteien ohne Volk – Im Osten gescheitert? noch viel weiter zurück. Jan N. Lorenzen und Ann-Marie Amthor beschäftigt die Frage: Warum sind die Parteien gescheitert?

Für die Ost-SPD war es ein Aufbruch

1990 wurden am CDU-Wahlkampfstand Fußballübersichten für die WM verteilt. Und auch die ostdeutsche SPD war für viele ein Hoffnungsträger. „Wahlkämpfe waren wie Volksfeste.“ Diese Bilder wirken wie eine Zeitreise. Bis zu 70 Prozent der ostdeutschen Wähler stimmten in den 90er Jahren für CDU oder SPD. So war es einmal. Als es noch Volksparteien gab. Zuletzt waren es nicht mal mehr 30 Prozent.

Stefan Hilsberg tritt auf, ein Gründungsmitglied der neuen ostdeutschen Partei, die sich 1988 in der DDR gegründet hat, noch SDP hieß und sich dann schnell in SPD umbenannt hat. Es sollte ein Aufbruch sein.

Lafontaine, der Bonvivant, kam nicht gut an im Osten

Auf dem Parteitag 1990 war dann Oskar Lafontaine in Leipzig und hat eine Rede gehalten. Der saarländische Ministerpräsident und künftige Kanzlerkandidat wollte keine Wiedervereinigung. Er habe damit viele vor den Kopf gestoßen, weil sie das Gefühl hatten: „Er braucht uns nicht.“ Lafontaine kam nicht an in Sachsen. „Wir hassen ihn alle hier, weil er die Schnauze zu voll nimmt“, sagt eine Frau im Jahr 1990. Auch sein Lebensstil war verpönt. Der Bonvivant.

Er hatte extra seinen Lieblingskoch aus Saarbrücken mitgebracht. „Wir mussten sehen, wie wir das Kaputtgegangene wieder in Ordnung bringen. Und er macht sich Gedanken, wer ihn bekocht“, sagt Bergbauingenieur Gunter Weißgerber, auch ein Ost-SPD-Gründer. Er habe Lafontaine dann geschrieben. „Lassen Sie sich einen 1–2-wöchigen Aufenthalt in der Gegend der DDR organisieren (ohne Ihren Chefkoch), wo es am meisten stinkt, im wörtlichen und im übertragenen Sinne.“

Bischofferode? Kaum ein Politiker hörte den Arbeitern zu

Die Arbeiterpartei ist im Osten damals schon eine Partei ohne Arbeiter. Die großen Parteien waren westdeutsch dominiert und interessierten sich kaum für die Ostdeutschen. Eine Gebietsreform in Sachsen und Thüringen wurde zum „Fiasko der jungen Demokratie“. Es wurden Bürgerbefragungen durchgeführt, aber das Ergebnis gefiel der Politik nicht. Dann wurde etwas anderes entschieden. „Das war eine große Enttäuschung“, sagt der Historiker Jonas Roch.

Beim Hungerstreik der Kumpel in Bischofferode, im thüringischen Eichsfeld, war kaum ein Politiker da, keiner hat sich Zeit genommen, weder von der SPD noch von der CDU. Ein FDP-Landtagsabgeordneter sagte: „Ich hab’ aber nur ’ne Viertelstunde.“ Wo war die Solidarität? Wo die Nähe zu den Leuten? Das Kaliwerk musste dichtmachen. Weil Kohl es so wollte. Und die Arbeiterpartei SPD machte das mit.

Regine Hildebrandt: „Sagt mal, Westler, mögt ihr die Ostler?“

Die sehr stark westdeutschen Parteien haben sich zu wenig darauf eingelassen, welche Lebensrealität durch die Transformation der Neunzigerjahre, durch Abwanderung, entstanden ist, sagt Jana Hensel. Und Ostdeutsche waren in ihren Parteien in der Minderheit.

Der Film lebt auch von gutem Archivmaterial. Ein Highlight ist der Auftritt von Regine Hildebrandt, Brandenburgs SPD-Ikone. Sie rief in einer Rede, Mitte der 90er-Jahre, mit ihrer rauen, empathischen Art: „Meine Frage an die Westler ist: Mögt ihr die Ostler? Falls ihr sie noch nicht so richtig mögt, wo kann’s denn dran liegen? Ich denke, das Erste ist, dass man denjenigen kennen muss, den man denn mögen will.“

Auch SPD-Urgestein Wolfgang Thierse darf natürlich nicht fehlen. Es kommen aber auch überraschendere Zeitzeugen zu Wort, wie der frühere Bürgerrechtler und CDU-Mann Arnold Vaatz, der die Affäre um den Konservativen Steffen Heitmann, der mal Bundespräsident werden sollte, aber von westdeutschen Netzwerken verhindert wurde, kenntnisreich aufdröselt.

Die ostdeutsche Provinz, das ferne Land

Dann die Merkel-Jahre, die überlasteten Kommunen, zunehmender Frust. Sigmar Gabriels Auftritt in Heidenau im August 2015, wo er den rechten Mob als „Pack“ bezeichnet. Am Ende bleibt ein beklemmendes Gefühl: Die ostdeutsche Provinz ist für westdeutsche Politiker ein fernes Land.