Tropennächte: Wenn die Nacht keine Abkühlung mehr bringt
27,3 Grad. So warm war es in der Nacht auf den 29. Juni 2026 auf der Jubiläumswarte in Wien – selbst um die kühlste Stunde vor der Morgendämmerung. Ein neuer Österreich-Rekord für die wärmste Nacht, wie die Geo...
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27,3 Grad. So warm war es in der Nacht auf den 29. Juni 2026 auf der Jubiläumswarte in Wien – selbst um die kühlste Stunde vor der Morgendämmerung. Ein neuer Österreich-Rekord für die wärmste Nacht, wie die GeoSphere Austria vermeldet. Der bisherige Höchstwert von 26,9 Grad aus dem August 2017 ist Geschichte. An 94 Wetterstationen im Land fiel die Temperatur in dieser Rekord-Nacht nicht unter 20 Grad. Tropennacht heißt das Phänomen, bei dem der Körper keine Chance zur Abkühlung bekommt. Diese Nächte werden für immer mehr Menschen in Österreich zur belastenden Realität, und es werden immer mehr.
Der Körper braucht die Nacht
„Kern- und Angelpunkt nachhaltiger gesundheitlicher Auswirkungen von Hitzewellen ist die gestörte Nachtruhe“, warnt Umweltmediziner Prof. Dr. Hans-Peter Hutter von der MedUni Wien. Zu wenig und unruhiger Schlaf mit häufigem Aufwachen und vermehrten Schwitzen beeinträchtige die – gerade in Hitzeperioden so wichtige – Erholungsphase des Organismus. Damit starte man bereits geschwächt in den nächsten heißen Tag – mit verminderter Leistungsfähigkeit und geringerer Hitzeresistenz. In einer repräsentativen Befragung des Kuratoriums für Verkehrssicherheit (KFV) gaben rund 60 Prozent von 1.050 befragten Personen an, dass es nachts im Sommer nicht ausreichend abkühlt, sodass sich der Körper im Schlaf erholen kann. Messungen aus Wien zeigen außerdem: Aufgeheizte Schlafräume brauchen oft mehrere Tage, um sich wieder abzukühlen. „In manchen Wohnungen blieb die Temperatur noch mehrere Nächte nach Ende der Hitzewelle deutlich erhöht“, heißt es im KFV-Bericht. „Im extremen Fall war die Temperatur in der Wohnung sogar eine Woche nach Ende der Hitzewelle signifikant höher als die Außentemperatur.“
Die Messungen zeigten eine nächtliche Wärmebelastung von plus fünf bis sechs Grad gegenüber außen. Dennoch gaben 78 Prozent der Befragten an, dass es ihrer Meinung nach während einer Hitzewelle drinnen immer sicherer und kühler ist als draußen. In der Altersgruppe über 60 Jahre waren es sogar fast 90 Prozent. „Die Bevölkerung unterschätzt systematisch das Risiko überhitzter Innenräume – insbesondere in der Nacht“, stellen die Experten fest. Dadurch können gesundheitsrelevante Schutzmaßnahmen wie etwa gezieltes Lüften falsch oder zu spät umgesetzt werden.

Was schlechter Schlaf anrichtet
Schlechter Schlaf schlägt sich darüber hinaus auch auf das Gemüt. Das KFV warnt: „Länger anhaltender schlechter Schlaf fördert Aggression und Unachtsamkeit und trägt so zu einem erhöhten Unfallrisiko in allen Lebensbereichen bei. Eine 2025 in der Zeitschrift Nature Communications veröffentlichte Studie aus China mit 23 Millionen Schlafdatensätzen (Tagen) zeigt: Pro zehn Grad Celsius Temperaturanstieg steigt das Risiko für unzureichenden Schlaf um mehr als 20 Prozent. Die Gesamtschlafdauer sinkt um knapp zehn Minuten, der Tiefschlaf verkürzt sich um fast vier Minuten. Besonders betroffen sind Personen über 45 Jahre, Frauen und Übergewichtige. Prognose der Studie: Bis zum Ende des Jahrhunderts könnte jeder Mensch durch die Klimaerwärmung mehr als 33 Stunden Schlaf pro Jahr verlieren.
Apropos Klima: Eine Klimaanlage ist immer das Mittel der letzten Wahl. Hutter: „Sie kann zwar die Hitze reduzieren. Als erstes gilt, sich hitzeangepasst zu verhalten, also alle passiven Hitzeschutzmaßnahmen tatsächlich auch umzusetzen.“ Das KFV warnt zudem vor Kohlenmonoxid-Rückstau bei gleichzeitiger Nutzung von Gasthermen und mobilen Klimageräten. Viel wichtiger seien bauliche Maßnahmen wie Außenjalousien und sinnvolle Lüftungskonzepte. Das größte Problem aber bleibt die Fehleinschätzung: „Während ein Großteil der Befragten davon ausgeht, dass Innenräume immer, also vor allem auch nachts, während Hitzewellen kühler und sicherer sind, belegen die Messdaten das Gegenteil“, so die Autoren des Berichts. Die Nacht auf den 29. Juni 2026 war nicht nur ein meteorologischer Rekord. Sie war ein Weckruf: Der Klimawandel macht vor Schlafzimmern nicht Halt.
kurier.at, UK | 25.07.2026, 5:45