Überraschende Tradition: Warum Gäste in diesem Land massenweise Toilettenpapier zur Party anschleppen
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Toilettenpapier als Geschenk? Was bei uns als schlechter Scherz gilt, hat in diesem Land eine tiefe Bedeutung
Stand: 11.07.2026, 11:00 Uhr
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Toilettenpapier als Gastgeschenk gilt in Deutschland als Fauxpas. Doch dieser Brauch aus Südkorea steckt voller Bedeutung.
Wer in Deutschland zu einer Einweihungsparty eingeladen wird, greift in der Regel zu einer Flasche Wein, einem Blumenstrauß oder einer dekorativen Kleinigkeit für das neue Zuhause. Wer traditionell sein möchte, bringt Brot und Salz mit. In Südkorea hingegen wird man am Einzugstag mit Paketen voll Toilettenpapier und Waschmittel empfangen – und das ist keineswegs als Scherz gemeint. Der Brauch namens Jipdeuri, der koreanische Begriff für eine Einweihungsfeier, blickt auf eine jahrhundertealte Geschichte zurück und verbindet praktischen Nutzen mit tief verwurzelter Symbolik.

Was auf den ersten Blick befremdlich wirkt, entpuppt sich bei genauerer Betrachtung als durchdachte und herzliche Geste: die „Jipdeuri“-Tradition. Das Wort „Jipdeuri“ setzt sich aus den koreanischen Begriffen „Haus“ und „eintreten“ zusammen. Ursprünglich bezeichnete es ein rituelles Fest, das am Abend des Einzugstages stattfand: Gebete wurden gesprochen, um gute Geister in das neue Heim einzuladen, böse fernzuhalten und die Götter um Schutz vor Feuer und Überschwemmung zu bitten. Familie und Freunde versammelten sich anschließend zu einem gemeinsamen Mahl, um den Neubeginn zu feiern.
Von Kerzen zum Toilettenpapier: Die Vorgeschichte der „Jipdeuri“-Tradition
In den Jahrzehnten ohne gesicherte Stromversorgung waren Kerzen und Streichhölzer die klassischen Gastgeschenke beim Jipdeuri: symbolisch, um das neue Heim mit Glück und Freude zu „erleuchten“. Besonders wohlhabende Familien trugen zuweilen glühende Kohlen aus dem alten Kamin in die neue Wohnung, um den Wohlstand der vergangenen Jahre nahtlos in das nächste Kapitel zu überführen.
In den 1960er- und 1970er-Jahren begannen Streichhölzer und Kerzen allmählich einem moderneren Gabenrepertoire zu weichen: Waschmittel und Toilettenpapier hielten als neue Symbole für Reinheit und Wohlstand Einzug in die koreanische Schenkkultur. Damals galten beide Artikel als Luxusgüter, die nicht in jedem Haushalt selbstverständlich waren – ein Geschenk davon war demnach eine aufrichtige Geste der Fürsorge.
Der symbolische Gehalt dieser Gaben ist bis heute erhalten geblieben, auch wenn Toilettenpapier und Waschmittel längst Alltagsartikel sind. Das Toilettenpapier, das sich reibungslos und ohne Unterbrechung von der Rolle abrollt, steht für einen langen, bruchlosen Weg des Wohlstands – Glück, das sich unaufhörlich entfaltet. Das schäumende Waschmittel wiederum symbolisiert überschäumenden Reichtum: Die runden, glänzenden Blasen stehen in der koreanischen Volksüberlieferung für Geld und Wachstum, die in den Haushalt einziehen sollen.
Was Gäste mitbringen – und was beim „Jipdeuri“ strikt vermieden wird
Neben Toilettenpapier und Waschmittel gehören weitere Reinigungsprodukte – etwa Spülmittel oder Küchentücher – sowie bestimmte Zimmerpflanzen zu den geschätzten Gastgeschenken. Sie gelten je nach Pflanze als Symbol für unkompliziertes Glück, für Resilienz und beständigen Wohlstand. Enge Freunde oder Verwandte überreichen mitunter auch einen Geldumschlag.
Was hingegen nicht mitgebracht werden sollte, ist ebenso klar definiert: Messer und Scheren gelten als unheilvolle Geschenke, da sie symbolisch für das Durchschneiden von Beziehungen stehen. Rote Tinte auf Karten und Beilagen wird ebenfalls gemieden, da sie in der koreanischen Kultur mit dem Tod assoziiert wird.
Die Pflichten beim Jipdeuri ruhen nicht allein auf den Schultern der Gäste. Als Gastgeber ist man verpflichtet, ein vollständiges, aufwendiges Mahl zu bereiten. Snacks und Getränke allein würden dem Anlass nicht gerecht. Die Logik dahinter ist klar: Die Gäste bringen nützliche Sachgeschenke mit; die Gastgeber revanchieren sich mit einem reichhaltigen Festessen. Es ist ein ausbalanciertes, gegenseitiges System, das den Gemeinschaftssinn in der koreanischen Kultur widerspiegelt.
Bemerkenswert ist, dass der Brauch des Toilettenpapier-Schenkens in Südkorea weit über den Kontext von Einweihungsfeiern hinausreicht. So ist es nicht unüblich, dass Bauleiter vor dem Beginn lauter oder störender Bauarbeiten die Anwohner mit Paketen aus Küchenpapier und Reinigungsprodukten aufsuchen. Auch zur Eröffnung eines neuen Geschäfts werden Toilettenpapier und Waschmittel überreicht, stets mit demselben symbolischen Wunsch: Möge der Erfolg unablässig sprudeln und sich ohne Unterbrechung entfalten. Wer sich für Fernsehserien aus Südkorea interessiert, findet hier eine spannende, aktuelle Empfehlung.