Anna Rosenwasser: Die einflussreichste Hinterbänklerin

Im Parlament fällt Anna Rosenwasser kaum auf. Auf Instagram und Telegram erreicht sie Zehntausende. Treffen mit einer Politikerin, die 2027 noch einmal antritt – und mit dem linken Milieu hadert, wenn es um ihre jüdischen Wurzeln geht.

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Anna Rosenwasser: Die einflussreichste Hinterbänklerin

SP-Nationalrätin Anna Rosenwasser

Die einflussreichste Hinterbänklerin der Schweiz

Im Parlament fällt Anna Rosenwasser kaum auf. Auf Instagram und Telegram erreicht sie Zehntausende. Treffen mit einer Politikerin, die 2027 noch einmal antritt – und mit dem linken Milieu hadert, wenn es um ihre jüdischen Wurzeln geht.

Publiziert: 17:51 Uhr

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Aktualisiert: 17:56 Uhr

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Reza RafiChefredaktor SonntagsBlick

Dieses Mal ging es um smaragdgrüne Plateauschuhe. In ihrer neusten Kolumne in der «Republik» schreibt Anna Rosenwasser, wie sie sich im Internet ein Paar ersteigert habe. Und findet dann aus dem vermeintlich unpolitischen Detail der Alltagskultur einen gesellschaftspolitischen Dreh. «Eine Pracht, aber auch ein Problem», fabuliert sie weiter; «warum es wichtig ist, als Frau die eigene Kleidung wählen zu dürfen». Das Sujet indes bildet in ihrer Kolumne die Ausnahme – meistens verhandelt Rosenwasser dort handfestere politische Themen. Der Kauf wird zur identitätspolitischen Erörterung und zur Frage, ob sie sie wieder zurückgeben soll. Und das im links-urbanen Magazin, also auf dem Zielgruppenkanal mit dem geringsten Streuverlust, wie Marketingleute sagen würden.

Anna Rosenwasser (36) vertritt seit zweieinhalb Jahren die Zürcher SP im Nationalrat. Gewählt wurde sie von einem hinteren Listenplatz aus, ihre Wahl war sozusagen ein Betriebsunfall, und eineinhalb Tage hatte sie mit sich gerungen, auch öffentlich, ehe sie ihr Mandat annahm. Wir treffen sie im Zürcher Café Gleis im Kreis 5, wo sich Hipster, Paradiesvögel und Expats zum Flat White mit Haferdrink treffen und ein Awareness-Konzept vor Ausgrenzung schützen soll («Im Gleis tolerieren wir keine Gewalt oder Diskriminierung»).

Ihr steiler Aufstieg erzeugt auch Neid

Einen herkömmlichen Wahlkampf im Mehrzweckzelt und mit dem Verteilen von Gipfeli vor der lokalen Migros-Filiale hatte Rosenwasser ebenso ausgelassen wie eine mühselige Pöstlikarriere innerhalb ihrer Partei. Rosenwasser mobilisierte von aussen, in ihrem eigenen Biotop in den sozialen Medien. So wurde sie in die höchste Legislative des Landes katapultiert – ohne den klassischen Kontakt zum Nährboden der Parteibasis, was ihr mitunter den Neid mancher Genossen einbrachte.

Rosenwasser, die Hors-sol-Politikerin? Das Label wird ihr nicht gerecht. Vielleicht hat Anna Rosenwasser sogar mehr Kontakt mit ihren Wählerinnen und Wählern als die meisten Mitglieder des Bundesparlaments. In ihrer Kolumne nennt sie sich «Autorin, Influencerin und Zürcher SP-Nationalrätin», in ihrem Wikipedia-Profil steht «Journalistin, Kolumnistin und LGBTQ-Aktivistin», auf der Parlaments-Website heisst es zusätzlich «Autor/in» und «Schriftsteller/in». Sie hat zwei politische Sachbücher verfasst. Vor ihrer Nationalratszeit war sie zudem Geschäftsführerin der Lesbenorganisation Schweiz (LOS) und dort massgeblich an zwei Abstimmungskämpfen beteiligt.

Sie erreicht auf ihren Accounts 7500 Menschen

Die Frau trägt also etliche Hüte; typisch für eine Politikerin ist einzig ihr Sendungsbewusstsein. Mit ihren Whatsapp- und Telegram-Kanälen erreicht sie nach eigenen Angaben rund 7500 Menschen. Anders als Lifestyle- oder Promi-Accounts betreibt sie auf Instagram seit Jahren politische Bildungsarbeit, wie sie es ausdrückt: Abstimmungserklärungen, Erläuterungen zu komplexen Vorlagen, Aufrufe zur Partizipation. Sie hält Lesungen und Referate – in den letzten zwölf Monaten waren alle restlos ausverkauft, wie sie betont. An einem Anlass an der Uni Bern seien tausend Leute gekommen – «wtf», bemerkt sie. «What the fuck.»

Im Parlament gilt sie als umgänglich, unauffällig gar, nicht als Alphatier oder Strippenzieherin. Dass sie mit den Abläufen im Bundeshaus zunächst fremdelte, liess sie ihre Fans offenherzig wissen. Die Sachthemen mit der grossen Wasserverdrängung im Parlament scheinen weniger ihr Ding zu sein. Begriffsmonster wie «kostendeckende Einspeisevergütung», «Überobligatorium beim Umwandlungssatz» oder «regulatorisches Eigenkapital» gehören nicht zu Rosenwassers Kanon.

Der Follower löst den Citoyen ab

Die Fraktion hat ihr einen Platz in der Kommission für Wissenschaft, Bildung und Kultur (WBK) zugewiesen. Dort engagiert sie sich zum Beispiel für ein Importverbot von Stopfleber. Es ist ein typischer Fall Rosenwasser: Im politischen Establishment löst das Thema vielleicht bestenfalls herablassende Zustimmung aus; in der Bevölkerung hingegen trifft es einen viel grösseren Nerv. Politik ist nicht nur ein Spiegel der Gesellschaft; sie ist auch ein eigenes Ökosystem. So gesehen ist Rosenwasser eine Hinterbänklerin – vielleicht aber die einflussreichste Hinterbänklerin des Parlaments, die, anders als die Vorderbänkler, ein eigenes soziales Netz mit aufgebaut hat, eine Welt, in dem der Follower den Citoyen abgelöst hat.

Rosenwasser sieht ihre Rolle als Vermittlerin zwischen Politik und jungen, progressiven Menschen. Was ihr Kritiker wie Anhängerinnen unisono attestieren: Sie mobilisiert neue Wählerschichten. In den vergangenen zwölf Monaten besuchten, so berichtet sie, 6000 Leute ihre Lesungen und Referate. Seit ihrer Wahl hat sie 15 Führungen für Bürgerinnen und Bürger durchs Bundeshaus durchgeführt, «Bundesbüsi» nennt sie das. Und mit ihrer Berner Fraktionskollegin Tamara Funiciello (36) hat sie neun Sessionsrückblicke durchgeführt – alle restlos ausgebucht.

«Ich werde 2027 noch einmal antreten»

Ihr grosses Thema ist ihr Kampf für Grundrechte und Menschenrechte und die Rechte der sogenannten LGBTQ-Gemeinschaft – in einer SP, in der es noch die traditionellen Gewerkschaftsmilieus gibt, wo man das Wort Queerfeminismus nicht einmal zwingend buchstabieren kann, ist Rosenwasser so etwas wie ein lila Farbtupfer auf einem gerahmten Ölgemälde; sie vertritt eine progressive Linke, in der Pride-Parade und Regenbogenflagge dem 1. Mai und seinem marxistischen Unterbau ebenbürtig sind.

Dass sie diese Rolle auch in der kommenden Legislatur spielen möchte, hat sie nach einem langen inneren Prozess entschieden. «Ich werde 2027 noch einmal zur Wahl antreten», sagt sie zu Blick. «Ich merke, dass ich vielen Menschen Hoffnung gebe. Die werde ich nicht alle erfüllen können, aber ich möchte diese Verantwortung weitertragen, wenn die Bevölkerung mir dieses Mandat wieder gibt.»

Die Davidstern-Kette trägt sie heute seltener

Nur bei einem Thema macht sich ein Anflug von Hadern mit dem eigenen politischen Lager bemerkbar: bei ihren jüdischen Wurzeln, die auf ihre Herkunft väterlicherseits zurückgehen. Nein, sie ist kein gläubiger Mensch, und als Sozialdemokratin liegt sie im Nahostkonflikt weissgott nicht auf der Linie der israelischen Rechtsregierung von Benjamin Netanyahu (76). Sie äussert sich kaum je öffentlich dazu – doch ist es in Teilen des linken Milieus unmöglich für sie, nicht mit dem Thema Israel in Verbindung gebracht zu werden. Dass am 1.-Mai-Fest in der Zürcher Kasernenwiese Arafat-Schals und Palästinaflaggen wehen, ist das eine. Dass sie allein schon beim Versuch einer etwas differenzierten Betrachtung des Gazakriegs von Einzelnen als «Genozid-Verharmloserin» beschimpft wird, das andere. «Ich trage meine Davidstern-Kette heute viel seltener», sagt sie.

In ihrer «Republik»-Kolumne gräbt sie tief in ihren Erfahrungen mit Damenschuhen und Frauenmode. «Ich ärgerte mich immer wieder darüber, wie unpraktisch feminin konnotierte Kleidung ist», schreibt sie. «In vielen hyperweiblichen Outfits ist es schwieriger, ausgiebig zu tanzen, entspannt zu spazieren – oder vor jemandem wegzurennen.» Die Vorstellung einer Schweiz, in der Anna Rosenwasser vor jemandem fliehen muss, ist unangenehm. Sie kämpft dagegen. Es ist, sagt sie, eine Frage der Selbstbestimmung – nicht der Mode. Die smaragdgrünen Plateauschuhe hat sie behalten.