Antisemitismus: Ist Bildung wirklich das beste Gegenmittel?

Gegen antisemitische Vorurteile hilft Bildung – das wird von der Antisemitismusforschung nicht grundsätzlich bestritten. Tatsächlich sinkt die Zustimmung zu antisemitischen Einstellungen in entsprechenden Umfra...

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Antisemitismus: Ist Bildung wirklich das beste Gegenmittel?

Gegen antisemitische Vorurteile hilft Bildung – das wird von der Antisemitismusforschung nicht grundsätzlich bestritten. Tatsächlich sinkt die Zustimmung zu antisemitischen Einstellungen in entsprechenden Umfragen mit dem Bildungsgrad der Befragten. Auch stellt der Antisemitismus unter Studenten zwar ein relevantes Problem dar, wie kürzlich eine aktuelle Studie der Universität Konstanz zeigte, insgesamt tritt er dort aber seltener auf als in der Gesamtgesellschaft.

Dennoch haben die Soziologen Grund zum Misstrauen. Qualitative und experimentelle Studien zum „gebildeten Antisemitismus“ verraten nämlich eine „empirische Spannung“ in diesem Forschungsfeld: Sie zeigen, dass antisemitische Einstellungen unter den Gebildeten durchaus vorkommen, sie würden nur anders kommuniziert. Die Gebildeten wüssten ihren Antisemitismus einfach besser zu verstecken, weil sie eben auch gelernt hätten, in Umfragen ihre tatsächlichen Einstellungen gegenüber Juden zu verschweigen und stattdessen die sozial gewünschte Antworten gäben.

Judenfeindlichkeit im begrifflichen Flecktarn

Könnte es also sein, dass der Bildungseffekt auf den Antisemitismus systematisch überschätzt wird? Die hinter dieser Annahme stehende „Theorie der Kommunikationslatenz“ unterscheidet zwischen offenen und „camouflierten Modi“ antisemitischer Artikulation. Nur wie ließe sich dieser versteckte Antisemitismus doch noch enttarnen?

Heiko Beyer und Carina Schulz von der Universität Düsseldorf sowie Lars Rensmann von der Universität Passau sind dieser Frage in einer Studie mit 1300 Personen ab 16 Jahren in Nordrhein-Westfalen nachgegangen. Sie gingen davon aus, dass man den „camouflierten“ Antisemitismus der Gebildeten mit einem Experiment enttarnen könnte, und simulierten dazu eine private Gesprächssituation, in der sich der Erwartung nach gebildete und weniger gebildete Teilnehmer der Studie ähnlich antisemitisch äußern würden. Bildung hätte demnach keine direkte vorurteilsmindernde Wirkung, sondern ziele auf das Kommunikationsverhalten.

Anti-Antisemitismus ist eben eine Kommunikationsnorm

Die Befunde der Studie bestätigten zunächst den in der Forschung vielfach bestätigten negativen Zusammenhang zwischen Bildung und Antisemitismus. Doch dieser erwartete Zusammenhang würde durch die „Aktivierung einer privaten Bezugsgruppennorm“ neutralisiert. Soll heißen: In solchen sozialen Kontexten, in denen man privat kommuniziert (was hier experimentell simuliert wurde), erschienen offen antisemitische Aussagen kommunizierbar. Weil sich Hochgebildete der öffentlichen Kommunikationsnorm des „Anti-Antisemitismus“ am stärksten bewusst seien, tendierten gerade sie dazu, in Befragungen aus Gründen der sozialen Erwünschtheit judenfeindlichen Aussagen weniger stark zuzustimmen, als sie die in privaten Situationen tun würden. Der Effekt sei milieuspezifisch: Er fände sich vornehmlich bei Befragten, die sich politisch der Mitte oder Linken zuordneten, sowie bei der oberen Mittelschicht.

Der so häufig beobachtete Bildungseffekt sei also zumindest teilweise ein Forschungsartefakt. Außerdem zeigt die Studie auch, dass Muslime weniger sozial erwünscht antworteten. Der Befund, dass in dieser Gruppe antisemitische Einstellungen stärker ausgeprägt seien, könnte also zumindest teilweise auf unterschiedliche Kommunikationsnormen zurückzuführen sein. Kurz: Die Muslime wären dann nicht antisemitischer als die übrige Bevölkerung, sie würden ihren Antisemitismus nur weniger verbergen. Was die Studie auch zeige: Israelbezogener Antisemitismus, egal ob er sich direkt auf Juden beziehe oder dieses Wort vermeide, scheint bei den Befragten generell weniger stark tabuisiert.

Was wären nun die Konsequenzen aus diesen Befunden? Sie zeigten, so die Autoren, dass es besonders herausfordernd ist, auch gegenüber versteckten und camouflierten Formen des Antisemitismus zu intervenieren. Und sie stellten die Erwartung, Bildung sei ein „Allheilmittel“ gegen Antisemitismus, zumindest infrage.

Man kann das auch deutlicher formulieren: Bildung allein reiche auf keinen Fall, so die Autoren. Ziele die Bildungspraxis nicht auf die kognitive und emotionale Durchdringung von Narrativen und Logiken des Antisemitismus, bewirke Bildung einfach nur die „Disziplinierung“ der Kommunikation. Sie vermittle dann in erster Linie die Fähigkeit, auf sehr gebildete Weise den eigenen Antisemitismus zu verbergen. Es sei grundsätzlich nichts dagegen einzuwenden, dass Schule und politische Erwachsenenbildung zur Bekämpfung von Antisemitismus vor allem auf die Vermittlung von Faktenwissen setzten. Es sollten jedoch auch „kognitiv-emotionale Kompetenzen“ wie Empathie vermittelt werden. Wenn die Bildungsarbeit die Gefühlsdimension hier nicht ausreichend berücksichtige, dann seien ihre Erfolgsaussichten insbesondere in der Antisemitismusprävention stark begrenzt.