Schweden und die Nato: Was Martin Pfister in die Schweiz mitnimmt

Sicherheitspolitik in Schweden Martin Pfisters Inspirationsreise in den Norden Nach Jahrhunderten der Neutralität hat sich das Land sicherheitspolitisch neu ...

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Schweden und die Nato: Was Martin Pfister in die Schweiz mitnimmt

Sicherheitspolitik in Schweden Martin Pfisters Inspirationsreise in den Norden

Nach Jahrhunderten der Neutralität hat sich das Land sicherheitspolitisch neu ausgerichtet. Bundesrat Martin Pfister ist beeindruckt.

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11.07.2026, 11:08

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Vor dem Sitz der schwedischen Regierung «Rosenbad» im Zentrum von Stockholm stehen alle bereit für den Staatsgast. Wenige Stunden nach seiner Rückkehr vom Nato-Gipfel in Ankara empfängt der schwedische Verteidigungsminister Pål Jonson seinen Amtskollegen, Bundesrat Martin Pfister, mit militärischen Ehren.

Mehrere Personen in formeller Kleidung stehen auf einem gepflasterten Platz.
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Empfang mit militärischen Ehren vor dem Sitz der schwedischen Regierung in Stockholm.

SRF/Bruno Kaufmann

Dann spielt das Blasorchester der schwedischen Luftwaffe die schweizerische und die schwedische Nationalhymne.

Schweden hat sehr früh gemerkt, insbesondere mit dem Ukraine-Krieg, wie gefährdet die Sicherheit ist.

Für den Schweizer Verteidigungsminister geht es an diesem Tag darum, von einem Land zu lernen, das seine Sicherheitspolitik in den letzten Jahren radikal umgestellt hat: «Schweden hat sehr früh gemerkt, insbesondere mit dem Ukraine-Krieg, wie gefährdet die Sicherheit ist und dass man, wenn man Frieden möchte, eben alles unternehmen muss, dass es zu keinem Krieg kommt», betont Martin Pfister.

400'000 Inseln und die russischen Schiffe

Einen Tag lang treffen sich Pfister, begleitet von Fachleuten aus seinem Department, sowie Ständerätin Franziska Roth (SP/SO) und Nationalrat Piero Marchesi (SVP/TI) mit hohen schwedischen Sicherheitspolitikern und Militärs zu Fragen wie Bedrohungsszenarien, Drohnenkrieg und Wehrpflicht – und merken dabei ganz schnell, dass das zwei Jahrhunderte lang neutrale nordische Land heute ganz anders tickt als die auch weiterhin neutrale Schweiz.

Nach dem russischen Angriff auf die Ukraine wurde sehr deutlich und klar für alle in Finnland und Schweden, dass wir etwas machen müssen.

Der Grund dafür ist ganz einfach, sagt der schwedische Oberbefehlshaber Michael Claesson: «Der heisst Russland und die Entwicklung nach dem Angriff auf die Ukraine wurde sehr deutlich und klar für alle in Finnland und Schweden, dass wir etwas machen müssen, wir müssen uns kollektiv verteidigen.» Neben dem russischen Angriff auf einen europäischen Nachbarstaat sieht der schwedische Militärchef aber auch die Verkehrsgeografie als wichtigen Grund für das schwedische Umdenken.

Im Baltischen Meer gebe es rund 400'000 kleinere und grössere Inseln, sagte er. Täglich führe ein grosser Teil der Schifffahrt durch die Region. «Wir haben die baltische Flotte, die Hälfte der russischen baltischen Flotte hier, wir haben die Exklave Kaliningrad in der Nähe.» Wer die Region militärisch dominieren wolle, müsse deshalb auch die Geografie berücksichtigen, führte er weiter aus. «Alle diese kleinen Inseln spielen eine sehr wichtige Rolle.»

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  • Bild 1 von 2. Der schwedische Oberbefhlshaber Michael Claesson auf dem Kriegsschiff HMS Carlskrona im Hafen von Visby auf der Insel Gotland.

    Bildquelle: SRF/Bruno Kaufmann.

    Person in Militärkleidung steht auf einem Schiff mit Blick auf einen Hafen.
  • Bild 2 von 2. Im Gespräch mit dem Chef des schwedischen Militärs, Michael Claesson auf der HMS Carlskrona.

    Bildquelle: SRF/Bruno Kaufmann.

    Ein Interviewer mit Mikrofon spricht mit einem Mann in Uniform auf einem Schiff.

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Diese Situation hat, so Claesson, einen direkten Einfluss auf die Sicherheit Schwedens: «Hier ist es nicht so kompliziert, Probleme zu schaffen durch einen begrenzten Angriff.» In der Analyse der schwedischen Militärführung, aber auch der Politik und breiten Öffentlichkeit waren nach Beginn des russischen Angriffes auf die Ukraine deshalb die Voraussetzungen für eine Fortführung der Neutralität vor vier Jahren deshalb nicht mehr gegeben.

Nato-Beitritt hat vieles verändert

Zusammen mit dem über Jahrzehnte ebenfalls neutralen östlichen Nachbarn Finnland trat Schweden vor zwei Jahren der Nato bei. Und das hat sehr vieles verändert, sagt Schwedens Oberbefehlshaber Claesson.

«Ich habe jetzt einen Sitz im Militärausschuss der Nato. Wir treffen uns regelmässig, und ich muss sagen, ich bin positiv überrascht von der strategischen Höhe.» Die Mitgliedschaft habe dazu geführt, dass sich sein Land vollständig in die Operationspläne der Allianz integriert habe. Auch in der Nato-Kommandostruktur sei man mittlerweile vertreten. «Wir nehmen Einfluss auf die Vorbereitungen von Entscheidungen im Militärausschuss, aber auch auf die politischen Entscheidungen.»

Militärfahrzeug fährt auf einem grossen, asphaltierten Gelände mit mehreren Gebäuden im Hintergrund.
Legende:

Schweden hat in den letzten Jahren sein Verteidigungsbudget verdoppelt und an vielen Orten, wie auf der Insel Gotland, neue Stützpunkte errichtet.

SRF/Bruno Kaufmann

Schweden trägt die Nato-Integration mit viel Kraft mit: Nach einer ersten Verdoppelung des Verteidigungshaushaltes in den letzten vier Jahren, soll sich das Militärbudget bis zum Jahre 2030 gar verdreifachen. Das nordische Land hat Nato-Führungsaufgaben mit eigenem Personal in Nordfinnland (Rovaniemi), in Lettland, Island und Grönland übernommen.

Was ich der Schweiz empfehlen kann, ist, ständig der Entwicklung von Technologie zu folgen und sich ständig anzupassen, bereit zu sein, sich anzupassen.

Der schwedische Militärchef möchte der Schweiz nur einen Ratschlag mit auf den Weg geben: «Ich habe einen sehr guten Eindruck von der Gesamtverteidigung der Schweiz, und das Einzige, was ich empfehlen kann, ist, ständig der Entwicklung von Technologie zu folgen und sich ständig anzupassen, bereit zu sein, sich anzupassen.»

Personen stehen unter einem Torbogen und blicken auf Fahnen und Gebäude bei sonnigem Wetter.
Legende:

Bundesrat Martin Pfister traf in dieser Woche in Stockholm führende Sicherheitspolitiker und Militärs.

SRF/Bruno Kaufmann

In den Treffen und Briefings vor Ort in Stockholm erhielten Bundesrat Martin Pfister und seine Delegationen einen Einblick, was das heissen kann: So schaut zum Beispiel aktuell die schwedische Armee bei der Anschaffung von Drohnentechnologie immer nur drei Monate in die Zukunft, weil sich die Technologie so rasant ändere.

Pfister strebt gesellschaftlichen Sicherheitskonsens an

Zum Abschluss seiner Inspirationsreise in den hohen Norden zeigte sich der Schweizer Verteidigungsminister beeindruckt von der grossen Einigkeit, die es in Schweden heute sicherheitspolitisch gibt.

Zwei Männer unterhalten sich in einem Wohnzimmer mit heller Couch und Gemälde an der Wand.
Legende:

Im Gespräch mit SRF zeigt sich Bundesrat Pfister zum Abschluss seines Schwedenbesuches beindruckt von der gesellschaftlichen Einigkeit zur Sicherheitspolitik in Schweden.

SRF/Bruno Kaufmann

«Schweden investiert auch viel mehr Mittel in die Armee, hat hier einen grossen Willen von links bis rechts im politischen Spektrum. Dass wir einen politischen Konsens erzielen, das ist in der Schweiz die Aufgabe, der wir uns in den nächsten Monaten stellen müssen. Ohne politischen Konsens gibt es keine guten Lösungen für ein Land.»

Die Neutralitätsinitiative ermöglicht es uns, über die Neutralität zu sprechen und auch eine Haltung zu entwickeln.

Die anstehende Volksabstimmung über die sogenannte Neutralitätsinitiative sieht Pfister dabei als Chance, auf diesem Weg einen Schritt weiterzukommen: «Diese Initiative ermöglicht es uns, über die Neutralität zu sprechen und auch eine Haltung zu entwickeln. Und ich bin überzeugt, dass sie dazu beitragen wird, dass wir in dieser Frage etwas mehr Klarheit haben.»

Lange galt Schweden als Land, in dem sich Sozial- und Gesundheitspolitiker aus der Schweiz Impulse und Inspiration holten, jetzt wird es zur Destination, um einen Blick in die sicherheitspolitische Zukunft zu werfen.

Echo der Zeit, 10.07.26, 18 Uhr; noes