Selenskyjs riskanter Machtkampf
StartseitePolitikStand: 17.07.2026, 17:16 UhrKommentareUns auf Google folgenDemonstration gegen Fjodorows Entlassung in Lviv im Westen der Ukraine. © Mykola Tys/EPADie Entlassung des Verteidigungsministers Mich...
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Stand: 17.07.2026, 17:16 Uhr
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Die Entlassung des Verteidigungsministers Michailo Fjodorow offenbart tiefe Konflikte in der ukrainischen Militärführung.
Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat den jungen und sehr innovativen Verteidigungsminister Michailo Fjodorow gefeuert – auf Wunsch des viel älteren und konservativen Oberbefehlshabers Oleksandr Syrskyj. Auf Kiews Straßen gibt es deshalb wieder Proteste.
In einem Interview 2019 erklärte Michailo Fjodorow unserem Korrespondenten, man müsse sich wie der Held der TV-Serie „Der junge Papst“ verhalten, um öffentlich Gehör zu finden. „Sein Prinzip: Du entwertest deine eigenen Worte, wenn du zu viel redest.“ Fjodorow (35) hat dieses Prinzip gerade mit Schwung über Bord geworfen. Der jüngste Verteidigungsminister der Ukraine trat am Donnerstag in Kiew vor die Presse, um sich ausführlich zu seiner Entlassung zu äußern. Oberbefehlshaber Oleksandr Syrskyj kritisierte er frontal.
Fjodorow, der sein Amt erst diesen Januar angetreten hatte, klagte vor der Presse über elf Kardinalmängel in der Armee, darunter ständige Lügen, fehlende Bereitschaft zur Verantwortung und Drohnennachschub nur für loyale Kommandeure. Syrskyj selbst intrigiere, verdächtige andere, sei nicht bereit, offen über Probleme zu reden. „Statt zu überlegen, wie man Russland asymmetrisch besiegen kann, hat er sich ausgedacht, wie man das Land spalten kann.“
Zumindest die politische Ukraine ist jetzt gespalten. In Kiew hielten am Freitag die Straßenproteste gegen Fjodorows Entlassung an. „Syrskyj raus!“, lautet eine Parole. Auch beim Militär rumort es.
Pawlo Jelisarow, stellvertretender Chef der ukrainischen Luftwaffe, kündigte aus Protest. Und Michail Drapatyj, Kommandeur der in der Region Charkiw kämpfenden Gruppierung, sagte, Fjodorow habe Entschlussfreude gezeigt und die Bereitschaft, auf Truppenführer und die Neuerungsvorschläge aus den Einheiten zu hören.
Fjodorow war schon als für Digitalisierung zuständiger Minister und Vizepremier maßgeblich am hochtechnologischen Umbau der ukrainischen Kriegsführung beteiligt. Er steht auf der „Time“-Liste der hundert Menschen, die die Welt verändern. „Ein schon zu kluger und effektiver Feind“, so der russische Kriegsblogger Alexej Schiwow auf Telegram.
Der Kiewer Politologe Ihor Rejterowitsch bezeichnet den Zusammenstoß zwischen dem 35-jährigen Fjodorow und dem 60-jährigen Syrskyj als Generationskonflikt. Auf der einen Seite IT-Spezialisten und junge Offiziere, die fieberhaft an neuen Waffen und Taktiken arbeiten, etwa dem massenhaften Einsatz von Billigdrohnen auf dem Schlachtfeld. Auf der anderen Seite alte Haudegen wie Syrskyj, für die Autorität und Artilleriemunition das Wichtigste sind. Und persönliche, oft undurchsichtige Loyalitäten: Laut dem Portal Ukrainskaja Prawda soll direkt nach Fjodorows Rauswurf Andrij Jermak, der korruptionsverdächtige Ex-Chef von Selenskyjs Präsidialbüro, Syrskyj in seinem Befehlsstab besucht haben.
Fjodorow erzählte, er habe Selenskyj nach seiner Ernennung vergeblich vorgeschlagen, Syrskyj und Generalstabschef Andrij Gnatow zu entlassen, sich aber bereiterklärt, mit ihnen weiterzuarbeiten. Syrskyj seinerseits habe mit einem Ultimatum geantwortet. Und Selenskyj erklärte, Verteidigungsminister und Oberkommandierender seien außerstande, sich an einen Tisch zu setzen, deshalb habe er eine Entscheidung fällen müssen. „Diese Entscheidung war falsch“, sagt Rejterowitsch. „Er hätte beide entlassen müssen. So hat er die Position Syrskyjs einseitig gestärkt.“
Eine Position, die als eher starr gilt. Syrskyj war zu Kriegsbeginn als Retter Kiews gefeiert worden, Selenskyj ernannte ihn Anfang 2024 zum Nachfolger des – noch populäreren und zu selbstständigen – Oberkommandierenden Waleri Saluschnyj. Aber Syrskyjs Ansehen bei der Truppe sank wegen verlustreicher Haltebefehle und seines Misstrauens gegen jüngere Offiziere mit Eigeninitiative.
Selenskyj hat jetzt einen anderen Kriegshelden, Jewgenij Chmara, den bisherigen Chef des ukrainischen Sicherheitsdienstes SBU, zum zunächst geschäftsführenden Verteidigungsminister ernannt – offenbar auch wegen des öffentlichen Widerstands gegen Fjodorows Entlassung. Chmaras Alter ist nicht bekannt, aber auch er gilt als Vertreter der „jungen Kommandeure“. Und Präsidentenberater Dmytro Litwin versicherte gestern, Chmara werde gegenüber der Armee dieselben Aufgaben erfüllen wie Fjodorow. Der Generationskonflikt in der Armee dürfte weitergehen.
Laut Präsidialbüro soll Fjodorow in Selenskyjs Mannschaft bleiben. Den Vorschlag, sein Berater zu werden, hat er jedoch abgelehnt. Und die Kiewer Presse spekuliert, ob Fjodorow in Zukunft wie Saluschnyj zum politischen Konkurrenten Selenskyjs werden könnte.