Schach: Verliert Russland seinen Einfluss im Weltverband?
Arkadi Dworkowitsch will es noch einmal wissen: "Die FIDE muss noch offener, effizienter und reaktionsfähiger werden" ließ der frühere Vize-Premier Russlands Ende Juni verlauten. Und gab gleichzeitig bekannt, b...
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Arkadi Dworkowitsch will es noch einmal wissen: "Die FIDE muss noch offener, effizienter und reaktionsfähiger werden" ließ der frühere Vize-Premier Russlands Ende Juni verlauten. Und gab gleichzeitig bekannt, bei der anstehenden Wahl für vier weitere Jahre an der Spitze des Schach-Weltverbands anzutreten.
Seit 2018 ist der Russe Chef der FIDE. Selbst die Sanktionen gegen den russischen Sport wegen des Kriegs gegen die Ukraine konnten den 54-jährigen Wirtschaftsexperten und Politiker bisher nicht Matt setzen. Im Gegenteil: 2022 gelang es Dworkowitsch sogar, mit großer Mehrheit wiedergewählt zu werden. Ein wichtiger sportpolitischer Erfolg für Russland, wo Schach traditionell populär ist und als Teil der internationalen Soft Power des Landes verstanden wird.
Dabei hat Russland am Brett seine Vormachtstellung längst verloren. Zuletzt kamen die Weltmeisterinnen und Weltmeister aus China und Indien. Im Weltverband FIDE hingegen ist der russische Einfluss weiter groß. In der Organisation läuft traditionell wenig ohne Geld, das nicht direkt oder indirekt mit Russland verbunden ist. Einer der wichtigsten Sponsoren der FIDE ist der Finanzunternehmer Timur Turlow. Er ist seit 2022 kasachischer Staatsbürger, stammt jedoch aus Russland. Turlow will nun an der Seite von Arkadi Dworkowitsch Vize-Chef der FIDE werden.
Konkurrenz Made in Germany
Doch die Abstimmung im September könnte spannend werden: Denn gleich zwei Deutsche haben ihre Kandidatur für das Amt des Präsidenten bekannt gegeben. Beim Kongress in Usbekistan kommt es so möglicherweise zu einem Dreikampf um die Stimmen der rund 200 Länder-Delegierten. Chancenlos sind die deutschen Herausforderer dabei nicht:
"Ich halte Dworkowitsch nach wie vor für den Favoriten", sagt Peter Heine Nielsen, der Coach von Ex-Weltmeister Magnus Carlsen aus Norwegen. "Aber die Situation könnte sich ändern," erklärt der dänische Großmeister. Er war 2022 erfolglos im Team mit einem ukrainischen Großmeister gegen Dworkowitsch angetreten. Die Position von Arkadi Dworkowitsch sei jetzt aber nicht mehr ganz so stark, auch weil sein Name immer wieder im Zusammenhang mit EU-Sanktionen falle.

Nielsen unterstützt diesmal den deutschen Investor Jan Henric Buettner. Das Ziel des früheren Internet-Managers: "Die Transparenz zu verbessern und ein nachhaltiges, langfristiges Wachstum für unseren Sport zu schaffe." Sein Kandidat für das Amt des Vize-Präsidenten, der erfahrene englische Schachfunktionär Malcom Pein, ergänzt im Gespräch mit der DW: "Schach ist in den letzten fünf Jahren immens gewachsen, nur die FIDE nicht."
Eine wichtige Herausforderung sei es, neue Sponsoren für den Schachsport zu gewinnen, die keinen Bezug zu Russland haben, so Pein. Der Engländer gilt in der internationalen Schach-Szene als Kritiker der russischen Dominanz in der FIDE.
Dass ausgerechnet der umtriebige Buettner jetzt Chef der FIDE werden möchte, hat den ein oder anderen in der Schach-Szene jedoch überrascht. Zwar hat Buettner in den vergangenen Jahren zusammen mit Ex-Weltmeister Magnus Carlsen das so genannte "Freestyle"-Schach etabliert. Bei dieser Schach-Variante wird die Ausgangsstellung ausgelost, so dass auswendig gelernte Eröffnungszüge keine Rolle mehr spielen. Doch Buettner präsentierte sich bei seiner Freestyle- Promotion oft eher als lautstarker Startup-Unternehmer denn als zukünftiger Verbands-Präsident mit Diplomaten-Pass.
Deutscher Schachbund setzt auf Rosenstein
"Ich kann die Kandidatur von Jan Henric Buettner nicht nachvollziehen und halte sie nicht für aussichtsreich", sagt Paul Meyer-Dunker, der Präsident des Deutschen Schachbunds (DSB). "Buettner hat vor der Kandidatur keinen Kontakt zu uns aufgenommen und bei seinen Freestyle-Aktivitäten nicht mit dem DSB zusammengearbeitet", kritisiert Meyer-Dunker gegenüber der Deutschen Welle.
In Berlin setzt man auf einen anderen Deutschen, um Arkadi Dworkowitsch vom FIDE-Thron zu verdrängen: Wadim Rosenstein. Er ist ein 35-jährigen Unternehmer aus Düsseldorf, der seit 2022 weltweit hochkarätige Schach-Events finanziert und organsiert - und dabei als ehrgeiziger Hobby-Spieler auch immer wieder gerne selbst mitspielt. Seine Vision: "Die FIDE soll zu einer der weltweit angesehensten Institutionen im internationalen Sport werden."
DSB-Chef Meyer-Dunker: "Wadim Rosenstein ist einer, der nicht nur redet, sondern auch was macht." Fest steht: Rosenstein hat in den letzten Jahren Millionenbeträge in den Schachsport investiert. Seine Firma "WR Logistics" sei dabei eine der Hauptsponsoren gewesen, erläutert Rosenstein der DW: "Ich habe auch meine eigenen Mittel genutzt und Partner gewonnen, die mir vertrauen." Wieviel Geld genau inzwischen in den Schachsport geflossen ist, will Rosenstein allerdings auf Nachfrage nicht präzisieren.

Dass der Düsseldorfer Unternehmer im Schach weltweit viel in Bewegung gesetzt hat, wird auch im Lager von Konkurrent Buettner anerkannt. Doch es gibt auch Fragezeichen. "Ich mache mir Sorgen darüber, dass harte Fakten über seinen geschäftlichen Hintergrund fehlen", sagt Malcom Pein.
Rosenstein bestreitet dies: "Ich bin ein Selfmade-Geschäftsmann." Er sei mit seinen Unternehmen in 70 Ländern präsent. Als Privatunternehmer sei es aber "weder angemessen noch notwendig", alle Details über seine Besitzverhältnisse zu veröffentlichen.
Bekannt ist, dass der 1990 in der heutigen Ukraine geborene Unternehmer unter anderem in der internationalen Industrie-Logistik tätig ist. Bis 2022 sei ein Schwerpunkt die Unterstützung von deutschen Firmen unter anderem in der Ukraine und Russland gewesen. Seit 2022 mache er aber keine Geschäfte mehr mit Russland, auch wenn er "formal" noch Besitzer von Unternehmen dort sei.
Russland darf nicht mitstimmen
Paul Meyer-Dunker, der Präsident des Deutschen Schachbunds, kennt die Fragen rund um seinen Mann für die FIDE: "Über die Motive und den Background von Wadim Rosenstein wird von manchen immer wieder spekuliert, aber wir wissen, dass Wadim Rosenstein ein erfolgreicher und seriöser Unternehmer mit einer großen Liebe zum Schachsport ist", sagt Meyer-Dunker. "Aus meiner Sicht ist er die beste Chance, Dworkowitsch loszuwerden und im internationalen Schach notwendige Reformen durchzusetzen."
Malcolm Peins Einschätzung des Mitbewerbers aus Düsseldorf fällt anders aus: "Wadim Rosenstein hat mich gefragt, ob ich zusammen mit ihm antrete, aber ich habe das abgelehnt." Rosenstein habe sich seiner Meinung nach bisher eher ausweichend zu Russlands Rolle in der Schachpolitik geäußert. "Ich würde von ihm gerne ein klares Statement zur Teilnahme der russischen Spieler bei offiziellen Turnieren hören und zu den illegalen Aktivitäten des russischen Schachverbands in den besetzten Gebieten in der Ukraine."

Die Deutsche Welle hat Wadim Rosenstein nach seiner Haltung befragt: "Prinzipiell würde ich mich lieber in einer Welt bewegen, in der jeder Spieler unter seiner Flagge antreten kann", teilt Wadim Rosenstein mit. Ein FIDE-Präsident müsse aber in jedem Fall im Rahmen der Regeln agieren, die die Gremien und Gerichte vorgeben würden: "Der russische Schachverband ist von einem Urteil des Internationalen Sportgerichtshofs betroffen und diese Entscheidung muss sofort umgesetzt werden."
Dass der russische Verband in den besetzten ukrainischen Gebieten Schach-Veranstaltungen organisiert, hatte zuletzt der Internationale Sportgerichtshof verurteilt und den zeitweisen Ausschluss des russischen Verbands aus der FIDE verlangt. Dies führt zu der ungewöhnlichen Situation, dass beim FIDE-Kongress im September zwar ein Russe zur Wiederwahl antritt, der russische Verband aber gar nicht an der Abstimmung teilnehmen darf.
Dennoch wird die FIDE-Wahl in Russland sicher mit großem Interesse beobachtet. Das zeigt ein Blick auf die Webseite des russischen Schachverbands. Dort findet sich nicht nur ein unterstützender Bericht über die Kandidatur von Amtsinhaber Dworkowitsch, sondern auch ein Artikel über Wadim Rosensteins Bewerbung.
Jan Henric Buettner und Malcolm Pein hingegen werden dort nicht erwähnt. Vielleicht nur ein Zufall. Aber vielleicht passt das auch zum Fazit von Carlsen-Coach Peter Heine Nielsen: "In der Schachwelt freuen sich Spieler, Funktionäre und die Fans über interessante Turniere und Veranstaltungen", so der Däne, "woher das Geld dafür kommt, wollen die meisten gar nicht so genau wissen."