Die Tour de France bringt sich selbst in Verdacht
Keine Tour de France ohne Doping: Das galt lange als Grundsatz, wenn die Radprofis durch Frankreich rasten. Schon länger sieht sich der Radsport als Vorreiter im Kampf gegen Manipulation, begründet das mit dem ...
- 3 min read
Keine Tour de France ohne Doping: Das galt lange als Grundsatz, wenn die Radprofis durch Frankreich rasten. Schon länger sieht sich der Radsport als Vorreiter im Kampf gegen Manipulation, begründet das mit dem Blutpass oder zusätzlichem Geld, das Fahrer für Anti-Doping-Maßnahmen freimachen. Teamchefs wie Ralph Denk schließen systematischen Betrug aus.
Doch während der berühmtesten Rundfahrt wurde wieder so viel über mögliche Manipulationen diskutiert wie lange nicht. Das lag an den Rekorden einst überführter Doper, die gebrochen wurden, aber vor allem an nächtlichen Kontrollen der Internationalen Test-Agentur (ITA).
Ehemalige Doper sind weiter im Rennen
Die teilte der F.A.Z. mit, dass solche Maßnahmen nicht als Beweis für einen Verstoß oder einen konkreten Verdacht gewertet werden sollten. Die Regeln der Welt-Anti-Doping-Agentur zu nächtlichen Kontrollen sind vage. Darin heißt es, dass es valide Gründe dafür geben muss. Gemeint sein kann damit vieles. Die ITA hat sich abgesichert und vorab die Erlaubnis eines Richters eingeholt. Nahe liegt, dass es ihr auch um ein Signal geht im Kampf gegen Mikrodosierungen: Wir haben euch im Blick!
Der ehemalige Doper Jonathan Vaughters sieht darin jedenfalls eine Chance, Glaubwürdigkeit zurückzugewinnen. Dass der professionelle Radsport darum kämpfen muss, liegt auch an seinem Umgang mit ehemaligen Betrügern. Einige dürfen weiter schalten und walten in der Szene, obwohl viele von ihnen nicht mehr im Rennen sein sollten.
„Mann von schlechtem Ruf“
Vertrauen lässt sich schwerer wiedererlangen, wenn Manager aktiv sind, die früher als „persona non grata“ bei der Tour galten wie Mauro Gianetti. Bei ihm berichteten Ärzte von einer möglichen Einnahme der Dopingsubstanz Perfluorcarbon, als er bei der Tour de Romandie kollabierte und ins Koma fiel. Gianetti bestritt die Einnahme. Später wurde er Manager des Teams Saunier-Duval, das 2008 die Tour verlassen musste. Riccardo Ricco, Leonardo Piepoli, Iban Mayo: Sie alle siegten hier und da, wurden positiv auf die Dopingmittel EPO oder Cera getestet, als sie für Gianettis Team aktiv waren. Tour-Direktor Christian Prudhomme nannte den Schweizer einen „Mann von schlechtem Ruf“.
Kein Erfolg im Radsport ohne Doping: Bei den Betrügern gehörte diese Denkweise zum Leben als Profi dazu. Wer einmal gespürt hat, welchen Effekt Manipulation haben kann, wird unter Umständen für immer vergiftet bleiben.
Gianetti ist nach all den Skandalen rund um sein Team nicht nur wieder in die Gänge gekommen. Er hat es bis ans Ziel geschafft. Dort wartet er jedenfalls oft als erster Gratulant seines Schützlings Tadej Pogačar. Von dem, was Ricco, Piepoli oder Mayo trieben, will er nie etwas mitbekommen haben. Gianetti beteuert, für sauberen Sport zu stehen. Wer ihm das abnimmt, muss in ihm entweder einen Chef sehen, der sich auf der Nase herumtanzen ließ. Oder einen Bösewicht, der auf die gute Seite gewechselt ist und dann den besten Radsportler der vergangenen Jahrzehnte gefunden hat. Das klingt nach gutem Stoff – für ein modernes Märchen.
Traut man Gianetti nicht, heißt das nicht automatisch, dass Pogačar allen eine Mär erzählt, wenn er seine Sauberkeit propagiert. Es gibt keinerlei bekannte Anhaltspunkte, dass er im Laufe seiner Karriere je zu verbotenen Mitteln gegriffen hat. Doch die Vergangenheit lehrt zur Vorsicht bei außergewöhnlichen Leistungen. Überraschen sollte diese Skepsis auch Pogačar nicht. Wer sich noch dazu mit Männern einlässt, die einen schlechten Ruf haben, darf sich nicht wundern, wenn der eigene darunter leidet.