Raffaella Romagnolos Roman "Wir gehen mal los"
Wenn sich Personen in einem Gespräch leichter offenbaren, weil sie sich währenddessen nicht anschauen müssen, spricht man vom sogenannten Beichtstuhl-Effekt. Ein belastendes Gespräch fällt leichter, weil der fe...
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Wenn sich Personen in einem Gespräch leichter offenbaren, weil sie sich währenddessen nicht anschauen müssen, spricht man vom sogenannten Beichtstuhl-Effekt. Ein belastendes Gespräch fällt leichter, weil der fehlende Augenkontakt weniger Angriffsfläche bietet und das Gefühl von Scham und Verletzlichkeit mildert.
Im beruflichen Kontext ist oft die Rede von „Side-by-Side-Gesprächen“, das vertrauliche Gespräch mit fremden Menschen im Zug nennt die Psychologie „Stranger on a Train Phenomenon“. Vielleicht ließe sich dann auch bei einer Aussprache auf einem gemeinsamen Spaziergang sagen, dass hier der „Fuß-an-Fuß-Effekt“ herrscht?
Vater und Sohn haben sich wenig zu sagen
Einen solchen Spaziergang haben die Protagonisten in Raffaella Romagnolos Roman „Wir gehen mal los“ dringend nötig, denn seit dem Verlust der Ehefrau und Mutter haben sich Giandomenico und Amedeo Ghisleri nur noch wenig zu sagen. Der Spaziergang ist in diesem Fall eine Wanderung auf den fiktiven Berg Punta Liberté, von der sich der Vater verspricht, die Nähe zu seinem sechzehnjährigen Sohn nach dem tragischen Unfalltod der Mutter wiederherzustellen.

Der Vater, im Buch fast ausschließlich „Ingenieur Ghisleri“ genannt, hat ein emphatisches Verhältnis zur Natur, das sich offenbar aus seiner technischen Ausbildung entwickelte. Immerzu malträtiert er den Jungen mit botanischem Halbwissen, und es entsteht der Eindruck, dass er ihm sein Naturbild diktieren will. Das aber ist vollkommen stumpf, jeglicher emotionale Zugriff schlägt fehl. Selten kommen ästhetische Kommentare über Interjektionen hinaus. Im Befehlston herrscht Ghiseri seinen Sohn an: „Spür mal diesen Frieden.“ Es zeichnet sich aber auch ab, dass der Vater sich hinter Worthülsen versteckt, um seine Gefühle nicht zeigen zu müssen; die Mutter war gut im Reden. Die Rolle eines einfühlsamen Elternteils hatte er deshalb nie einnehmen müssen.
Hat der Sechzehnjährige jemals die Sonne aufgehen sehen?
Sein Sohn weiß das seit Langem. Bereits zu Beginn des Romans denkt er in Abgrenzung zu seinem Vater: „Sie bevorzugt den Dialog.“ Und „sie“, das ist die Mutter. Amedeo hört Heavy Metal, spielt Videospiele und versteckt sich am liebsten hinter seiner „Markise aus Locken“, zu denen dem Vater lediglich einfällt, dass der Sohn diese doch endlich abschneiden möge. Die Natur spielte in Amedeos Leben bislang keine Rolle. Wenn er mit seinem Vater Richtung Punta Liberté aufbricht, fragt er sich, ob er jemals die Sonne hat aufgehen sehen. Doch im Unterschied zum Ingenieur ist er empfänglich für Natureindrücke und beginnt, sich zu öffnen.
Romagnolos Roman enthält eine Schlüsselszene: An einer Steilwand überkommt Amedeo ein Schwindel vor dem Abgrund. Erst nachdem er wieder sicheren Boden unter den Füßen hat, wird klar, dass der Sog der Leere auch die Leere der fehlenden Mutter ist. Die innere Leere, die Vater und Sohn gleichermaßen bedrängt, findet hier ihre äußerliche Entsprechung, und es offenbart sich ein intimer Moment, in dem Gefühle ein Ebenbild in der Natur finden. Es hätte dem Roman gut angestanden, wenn Romagnolo hier die Zügel etwas lockerer gehalten und der Natur als Katalysator für die Beziehung zwischen Vater und Sohn noch mehr Raum gegeben hätte.
Nach dem Panorama, das sich hier geöffnet hat, ist die weitere Handlung nämlich ernüchternd. Als Vater und Sohn sich ins „Tal der Nera“ begeben, nimmt das Unglück seinen Lauf: Zum Grund des Tals führt ein Abhang aus Schotter, unter dessen Steinen das Eis auf der Punta Liberté bereits zu schmelzen begonnen hat. Es folgt ein Erdrutsch, der den Vater unter einem Fels einklemmt – zum ersten Mal ruft er nach dem eigenen „Papa“. Eine Befreiung ist jedoch nicht möglich, und so macht sich Amedeo auf den Weg, um Hilfe zu holen. Erst jetzt, als der Sohn allein ist, kann er in ein Verhältnis zur Natur treten. Tiere aller Arten gesellen sich zu ihm und beobachten jeden seiner Schritte, bis Rettung naht. So aber entsteht der Eindruck, dass der Vater erst verschüttet werden musste, damit Amedeo die Freiheit der Natur erfahren kann. Über die gemeinsame Erfahrung der Bergfreiheit hätte man Vater und Sohn gern noch reden hören – Fuß an Fuß.
Raffaella Romagnolo: „Wir gehen mal los“. Roman. Aus dem Italienischen von Peter Klöss. Diogenes, Zürich 2026. 176 S., geb., 24,– €.