Putschversuch in Niger: Die Truppe wagt den Aufstand gegen die Generäle
Nigers Militärregierung schlägt eine Soldatenrevolte nieder, nach schweren Kämpfen in der Hauptstadt Niamey. Russland eilt ihr zur Hilfe. Alles wieder unter Kontrolle? Ein Soldat schaut nach, an ein...
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Nigers Militärregierung schlägt eine Soldatenrevolte nieder, nach schweren Kämpfen in der Hauptstadt Niamey. Russland eilt ihr zur Hilfe.
Foto: Stringer/reuters
Die Armee in Niger stellt gegen ihre eigene Regierung die Machtfrage. Eine Revolte von Teilen der Streitkräfte bringt seit Samstag das Militärregime von Präsident Abdourahamane Tiani in Bedrängnis. Nach offiziellen Angaben ist der Aufstand gescheitert, doch am Sonntagnachmittag war Tiani noch immer nicht öffentlich in Erscheinung getreten. Die Lage blieb unübersichtlich.
Am frühen Samstag morgen sah es in dem bitterarmen Sahelstaat, wo seit 2023 das Militär regiert, nach einem klassischen Putsch aus. Soldaten riegelten die Zufahrten zum Präsidentenpalast und zum Staatsfernsehen ab. Am internationalen Flughafen der Hauptstadt, wo sich Nigers wichtigste Luftwaffenbasis „Base 101“ befindet, wurde schon seit der Nacht geschossen.
Die „Base 101“ beherbergt nicht nur nigrische Streitkräfte, sondern auch ein Kontingent des russischen Afrikacorps. Bereits im Januar sowie im Juni war der Flughafen Ziel von Großangriffen des „Islamischen Staates“ (IS)) gewesen. Der IS, die rivalisierende islamistische Rebellengruppe JNIM (Gruppe zur Verteidigung des Islams und der Muslime) und auch die aus Nigeria stammende islamistische Terrorgruppe Boko Haram kämpfen in mehreren Regionen Nigers gegen das Militär und auch gegeneinander. JNIM und IS sind auch in Mali und Burkina Faso aktiv.
In allen drei Ländern herrschen autoritäre, von Russland unterstützte Militärregierungen, die mit extremer Gewalt gegen Rebellen vorgehen und damit dieses Jahr eher an Boden verlieren. Erst im April gelang JNIM, verbündet mit Malis Tuareg-Rebellen, ein Großangriff auf Malis Hauptstadt Bamako und die Einnahme mehrerer Städte. Auch in Niger hat die Gewalt deutlich zugenommen. Die Unzufriedenheit in den Streitkräften der drei Länder, die sich von ihren jeweiligen Militärputschen eine Verbesserung ihrer Lage erhofft hatten, nimmt zu.
Gefangenaustausche und fette Lösegelder
Eine medial inszenierte Serie von Gefangenenaustauschen hat zuletzt Fragen aufgeworfen. Erst am Freitag konnte der im April in Niger gefangen genommene Mitanführer der Tuareg-Rebellengruppe FLA (Front zur Befreiung von Azawad), Inkinane Ag Attaher, triumphal in der von Rebellen kontrollierten malischen Stadt Tinzaouaten seine wiedergewonnene Freiheit feiern: er war zusammen mit JNIM-Kämpfern in Niger gegen 62 Soldaten aus Mali, zwölf aus Niger und sieben aus Burkina Faso ausgetauscht worden. Nigers Präsident Tiani höchstpersönlich hatte den Deal eingefädelt.
In den Monaten zuvor gab es mehrmals Berichte, wonach ausländische Regierungen Millionensummen zahlen, um Geiseln von Islamisten freizukaufen. Die Tuareg-Rebellen der FLA haben demnach am 20. August 35 Millionen US-Dollar für zwei Russen erhalten, die Islamisten von JNIM bereits im November 2025 50 Millionen für einen pensionierten General aus den Vereinigten Arabischen Emiraten.
Mitte August lobte US-Präsident Donald Trump die Freilassung des im Oktober 2025 vom IS in Niamey auf dem Weg zum Flughafen entführten US-Amerikaners Kevin Rideout – angeblich flossen dafür 12 Millionen US-Dollar, bezahlt vom ostlibyschen Warlord Khalifa Haftar.
Meuterer aus mehreren Regionen Nigers
Für einheimische Soldaten, die täglich bei Terrorangriffen den Kopf hinhalten, dürfte all dies frustrierend sein. Nigrischen Analysten zufolge schlossen sich jetzt Militäreinheiten aus mehreren Teilen Nigers gegen die Militärregierung zusammen. Sie kamen insbesondere aus Dosso und Tillabéri, zwei relativ dichtbesiedelte Nachbarregionen der Hauptstadt mit besonders vielen Anschlägen und Überfällen.
Die Meuterer übernahmen zwar die Kontrolle über die wichtige „Base 101“ und eine weitere Militäreinrichtung in Niamey. Es gelang ihnen aber nicht, den Präsidentenpalast einzunehmen oder einen Staatsstreich zu proklamieren. Sie konnten offenbar auch weder die Präsidialgarde, die bestausgestattete Einheit der Streitkräfte, noch die für die Kontrolle der Straßen entscheidende Gendarmerie auf ihre Seite ziehen.
Das Staatsfernsehen verbreitete am Samstag in seinen Abendnachrichten Aufnahmen von angeblichen Meuterern, die sich ergeben oder gefesselt am Boden liegen. 20 Minuten nach Mitternacht in der Nacht zum Samstag, so die TV-Darstellung, hätten „gesetzlose“ Militärangehörige an mehreren Stellen der Hauptstadt Angriffe verübt und versucht, ihre Kameraden gefangenzunehmen. Das sei ihnen aber nicht gelungen. Ein Kommentator machte „französischen Imperialismus“ verantwortlich.
Unabhängige Berichte sprechen von schweren Kämpfen im Laufe des Samstags. Die Aufständischen sollen auch Kontakt mit Russlands Vertretren aufgenommen haben, in der Hoffnung auf russische Unterstützung für einen Umsturz. Das klappte offensichtlich nicht, das russische Eingreifen auf der „Base 101“ besiegelte das Scheitern des Aufstands. Russlands Botschafter in Niger bestätigte den Einsatz zugunsten der Regierung am Sonntag.
Erstmals gingen damit russische Kämpfer in einem Sahelstaat nicht gegen bewaffnete Gruppen vor, sondern gegen Teile der Armee. Ob das gut geht, ist noch offen. Am Sonntagnachmittag entsandte Algerien, das Nigers Militärregierung unterstützt, vier russische Sukhoi-Kampfjets, die den Flughafen von Niamey überflogen. Und die Zufahrtsstraßen in die Hauptstadt blieben am Sonntag gesperrt.
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