Prozess um erfundene Krebserkrankung: Kind soll an die Krankheit geglaubt haben
Ein Spendenlauf an der Schule, Online-Aufrufe mit Fotos und sogar ein Kredit, den jemand für angeblich lebensrettende Medikamente aufnahm: Eine 42-Jährige hat vor Gericht eingeräumt, mit der erfundenen Krebserkrankung ihres Sohnes mehr als 350.000 Euro erschlichen zu haben.
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Mutter gesteht vor Gericht Prozess um erfundene Krebserkrankung: Kind soll an Krankheit geglaubt haben
Ein Spendenlauf an der Schule, Online-Aufrufe mit Fotos und sogar ein Kredit, den jemand für angeblich lebensrettende Medikamente aufnahm: Eine 42-Jährige hat vor Gericht eingeräumt, mit der erfundenen Krebserkrankung ihres Sohnes mehr als 350.000 Euro erschlichen zu haben.
Prozess um erfundene Krebserkrankung in Gießen: Mutter gesteht vor Gericht. Bild © Rebekka Dieckmann, hr
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00:39 Min.|Marc Klug
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Es beginnt alles im Januar 2021 mit einer Untersuchung im Krankenhaus: Ein damals fünfjähriger Junge wird im Uniklinikum Marburg behandelt, wegen einer Auffälligkeit an der Haut. Die stellt sich bei der Untersuchung als harmlos heraus - aber was auf den Krankenhausaufenthalt folgt, wird fünf Jahre später im Landgericht Gießen zu einer langen Liste mit 13 Anklagepunkten führen.
Am Montag begann dort der Prozess gegen die heute 42 Jahre alte Mutter des Kindes. Sie soll über Jahre hinweg eine schwere Krebserkrankung ihres Sohnes erfunden und damit Spenden in großer Höhe erschlichen haben. Die Staatsanwaltschaft wirft ihr gewerbsmäßigen Betrug und Urkundenfälschung vor. Der entstandene Schaden soll sich auf rund 358.000 Euro belaufen.
Ende des Videobeitrags Zum Prozessauftakt ließ die Angeklagte über ihren Verteidiger eine kurze Erklärung verlesen. Darin räumte sie die vorgeworfenen Taten und die genannte Schadenssumme ein. Persönlich äußerte sie sich nicht. Vor Gericht erschien sie mit einer dunklen Perücke, während der Anklageverlesung zeigte sie keine Regung.
Laut Anklage gefälschter Arztbrief aus der Schweiz
Nach der Entlassung aus dem Krankenhaus soll die Frau mit ihrem Kind zunächst in eine Kinderklinik in die Schweiz gefahren sein. Nachdem laut Anklage auch dort keine schwere Erkrankung festgestellt wurde, soll sie anschließend einen Arztbrief mit dem Briefkopf der Klinik gefälscht haben. Darin sei ihrem Sohn eine schwere Hautkrebserkrankung diagnostiziert worden.
Die Verteidigung der Mutter verließ eine Erklärung vor Gericht. Bild © Rebekka Dieckmann, hr
Mit diesem Schreiben habe sie nicht nur ihren Ehemann und ihre Eltern, sondern auch die Schule des Kindes überzeugt. Von da an, so die Staatsanwaltschaft, begann die Geschichte eines angeblich todkranken Jungen. Über Jahre hinweg soll die Frau dann auch Hilfsvereinen und privaten Spendern einen immer dramatischeren Krankheitsverlauf vorgetäuscht haben.
Auch das Kind soll an die Krankheit geglaubt haben
"Sie hat dieses Konstrukt der Krebserkrankung nach unseren Erkenntnissen auch der Familie und dem engsten Bekanntenkreis vorgespielt“, erklärte Staatsanwalt Kai Karges beim Prozessauftakt. "Und auch das Kind selbst hat bis zuletzt geglaubt, dass es tatsächlich an Krebs erkrankt sei und nicht mehr lange zu leben hat."
Erst als eine Kinderärztin im März 2024 Zweifel an der Plausibilität der Krankengeschichte bekam und das Jugendamt einschaltete, kam der Fall ins Rollen. Bei Untersuchungen stellte sich schließlich heraus, dass der Junge nie an Krebs erkrankt war. Laut Anklage sagte der Junge damals im Krankenhaus: "Ich werde nicht sterben, ich bin nicht krank." Er wurde durch das Jugendamt in Obhut genommen.
Spendenkampagnen: Junge angeblich an Geräte angeschlossen
Die vor Gericht verlesene Liste der mutmaßlichen Geschädigten ist lang. Die Schule des Kindes organisierte nach Angaben der Staatsanwaltschaft einen Spendenlauf und überwies rund 15.000 Euro. Einen Hilfsverein für krebskranke Kinder soll die Angeklagte um mehr als 100.000 Euro betrogen haben. Der Vorsitzende hatte sich im Vorfeld auf hessenschau-Anfrage tief erschüttert gezeigt.
Hinzu kamen laut Anklage mehrere von ihr selbst initiierte Online-Spendenkampagnen und Aufrufe in Sozialen Medien, die mit Fotos des angeblich schwer kranken Kindes beworben wurden, teils angeschlossen an medizinische Geräte.
Die Angeklagte soll auf verschiedenen Plattformen um Spenden gebeten haben. Bild © Screenshot Facebook, 28.8.2026
Das Kind benötige dringend eine Stammzelltherapie, hieß es. Teils soll die Angeklagte die Aufrufe im Namen ihres Sohnes in der Ich-Perspektive formuliert haben. Darin hieß es unter anderem: "Ich bin neun Jahre alt und brauche Hilfe, sonst habe ich laut meinem Arzt nur noch ein Jahr zu leben." Über zwei verschiedene Plattformen sollen so jeweils Spendensummen im fünfstelligen Bereich zusammengekommen sein.
Die Frau habe erreicht, dass auch Journalisten und Privatpersonen etwa auf YouTube über den Fall berichteten. Die ganze Zeit über soll sie immer wieder gefälschte Arztbriefe vorgelegt haben.
Freund nahm Kredit auf
Auch Privatpersonen sollen hohe Beträge gespendet haben. Eine Frau soll ihr zudem ein Darlehen über 5.000 Euro gegeben haben, das nie zurückgezahlt wurde.
Besonders eindrücklich schilderte die Anklage die Geschichte einer Familie, mit der die Angeklagte über ihre Kinder befreundet gewesen sein soll. Dieser Familie habe sie ebenfalls gefälschte Krankenhausunterlagen gezeigt.
2022 soll sie behauptet haben, dringend 22.000 Euro für Medikamente zu benötigen, da ihr Sohn sonst sterben werde. Der befreundete Familienvater nahm daraufhin einen Kredit auf und überwies das Geld. Später gab er weitere 4.000 Euro, damit sich das Kind noch einen Herzenswunsch erfüllen könne. Vorgesehen war angeblich eine Reise nach Bali, die jedoch nie stattfand.
Reise zu angeblicher Behandlung in USA
In der Schule fehlte der Junge nach Angaben der Staatsanwaltschaft im entsprechenden Zeitraum rund 50 Tage pro Jahr. Mit Spendengeldern sei die Familie 2022 sogar gemeinsam in die USA geflogen. In Boston sollte der Junge angeblich eine Spezialbehandlung erhalten.
Die Reise fand laut Anklage tatsächlich statt, vor Ort sollen auch Krankenhäuser aufgesucht worden sein. Nach der Rückkehr habe die Frau ihren Sohn als genesen dargestellt. 2023 habe sie dann erklärt, der Krebs sei zurückgekehrt und habe gestreut. Zeitweise soll sie behauptet haben, ihr Sohn müsse palliativ versorgt werden.
Während der umfangreichen Ermittlungen hatte es auch eine Wohnungsdurchsuchung gegeben, bei der Unterlagen und Datenträger sichergestellt wurden. Zudem wurden zahlreiche Zeugen befragt und Konten ausgewertet. Ermittlungen gegen den Vater des Jungen waren laut Staatsanwaltschaft mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt worden.
Weiterer Betrugsvorwurf
Neben den Vorwürfen rund um die angeblich erfundene Krebserkrankung muss sich die Frau auch wegen eines weiteren mutmaßlichen Betrugs verantworten.
Sie soll einer Bekannten eine Arbeitsstelle bei einer kanadischen Niederlassung eines tatsächlich existierenden Unternehmens im Raum Gießen vermittelt haben.
Dafür habe sie laut Anklage einen gefälschten Arbeitsvertrag vorgelegt und Vorauszahlungen für eine angebliche Auslandsversicherung und den Flug verlangt. So soll sie mehrere Tausend Euro erlangt haben.
Parallel familiengerichtliches Verfahren
Über den Verbleib des inzwischen in Obhut genommenen Kindes wollten sich Verteidigung und Anklage zum aktuellen Zeitpunkt nicht äußern. Der Verteidiger erklärte allerdings, parallel laufe noch ein familiengerichtliches Verfahren.
Nach dem Prozess teilte er mit, seine Mandantin bereue die Taten, könne sie aber nicht mehr ungeschehen machen. Zu ihren Motiven wolle er jedoch nichts sagen.
Es wird voraussichtlich ein längerer Prozess. Trotz des Geständnisses will die Staatsanwaltschaft eine umfangreiche Beweisaufnahme durchführen. 27 Zeugen sollen gehört werden, auch eine psychiatrische Gutachterin begleitet das Verfahren. Fortgesetzt wird der Prozess am 14. September.
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