Pop vom Krankenbett – und ein Suchtmittel namens Duke-Ellington-Sound

Der gute Ton Pop vom Krankenbett – und ein Suchtmittel namens Duke-Ellington-Sound Neue und neu gemasterte Platten, darunter Dream Pop von James Ellis Ford, Indie-Country von Lambchop und Swing-Jazz vo...

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Pop vom Krankenbett – und ein Suchtmittel namens Duke-Ellington-Sound

Der gute Ton

Pop vom Krankenbett – und ein Suchtmittel namens Duke-Ellington-Sound

Neue und neu gemasterte Platten, darunter Dream Pop von James Ellis Ford, Indie-Country von Lambchop und Swing-Jazz von Duke Ellington

Kolumne

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Ronald Pohl

Ein Mann mit kurzen Haaren und einem schwarzen Hemd steht draußen vor einem unscharfen Waldhintergrund.
James Ellis Ford: Genas unlängst von einer Leukämie-Erkrankung – und nahm auf dem Krankenbett famose Art-Popsongs auf.

James Ellis Ford – Lost in Another World

Ein abstraktes Coverdesign mit verschwommenen grünen und blauen Farbschlieren auf einem gelblichen Hintergrund. Oben steht in schwarzer Schrift „James Ellis Ford“, unten „Lost in Another World“.
James Ellis Ford: "Lost in Another World", die Frucht von Aufnahmen in einer Londoner Klinik.

Den Arctic Monkeys verpasste er einen Smoking, der ihnen vorzüglich stand. Dem zuletzt verkalkten Electro-Pop von Depeche Mode verlieh er Hüftschwung und das gewisse Brummen. Produzent James Ellis Ford galt als König Midas an den Soundboards, als ihn die niederschmetternde Diagnose "Leukämie" erreichte. Sein wunderbares Soloalbum Lost in Another World nahm er unlängst am Krankenbett im Spital auf. Das Klappern der Bettpfannen schlug erfreulicherweise nicht auf den elegischen Dream Pop durch. Wie man hört, ist der Mann nach einigen düsteren Diagnosen vollständig genesen, seine nachdenklichen Lieder gemahnen an David Sylvian oder an die 1980er-Soloplatten von Wire-Sänger und -Gitarrist Colin Newman. Das Rauschen der Keyboards evoziert kühlenden Blätterschatten. Eingesungen hat Ford einige Spuren in Anwesenheit eines gleichfalls leidenden Zimmernachbarn – "extra leise", wie er betont. Das Bangen und Hoffen hat ein Ende, die Welt ist um Genesungsmittel reicher.

Lambchop – Punching the Clown

Schwarz-weißes surrealistisches Bild mit einem Wasserfall, Pflanzen und einem Mann im Anzug rechts unten. Ein rotes Element, ähnlich einer Hand, erscheint in den Wasserfällen.
Lambchops "Punching the Clown" ist Kurt Wagners 15. Album. Diesmal setzt es allerhand erbauliche Chöre und viel Banjo-Gezupfe.

Lange Zeit schuf der versonnene US-Brillen-Nerd Kurt Wagner – sein weißer Bart reicht inzwischen dreimal um den Tisch herum – die verschmitzteste Musik, seit es Alternative Country gibt. Sie war aus Nashville, und sie glich einem gemurmelten Kommentar zu Curtis Mayfield, man denke an Alben wie Nixon. In der Folge lieferte Wagner sein Organ, man weiß nicht warum, einem Teufel namens Auto-Tune aus. Jetzt hat das gefilterte Gequengel ein Ende. Zu bestaunen gibt es auf Punching the Clown eine Vielzahl hinterfotziger, verschmitzter Songvignetten. Justin Vernon (Bon Iver) zupft Arpeggios am Banjo, im Eröffnungssong plärrt eine Stimme "Lambchop, no shit!" ins Geschehen hinein. In der Tat, sie sind es wieder unverkennbar. Zwei Chöre branden auf und sorgen für allerlei erbauliche Gefühle – zumal, wenn in No Chicago lauter Tour-Stationen aufgezählt werden. Falls noch nicht gesagt: sehr verschmitzt. Einen Clown prügelt man jedoch nicht, außer er stammt von Stephen King.

Reference: Duke Ellington Orchestra from Fargo Live 1940

Grünes Albumcover mit schwarzem und weißem Foto der Duke Ellington Orchestra auf der rechten Seite. Text: „Reference: Duke Ellington Orchestra From Fargo Live 1940“. Unten steht: „Sound restoration & Mastering by Michael Brändli“.
"Reference: Duke Ellington Orchestra from Fargo Live 1940" liefert einen gemasterten Tourbericht aus dem Nordwesten der USA.

Der "Duke" besaß zu Beginn der 1940er-Jahre die beseelteste Jazz-Big-Band seiner gesamten, schier ewig währenden Karriere. Jimmy Blanton revolutionierte das Bassspiel. Mit seinem voluminösen Tenor-Sax-Sound lieferte Ben Webster die Blaupause für alle kommenden Spiel-dich-frei-Wüteriche. Und so brachte die 16-köpfige Duke-Ellington-Band auch in Fargo, North Dakota, an einem Abend des Jahres 1940 die Waden der Nord-West-Amerikaner zum Zucken. Nie klang das harmonische Schimmern von Mood Indigo seidiger, tönte das Wiehern von Rockin‘ in Rhythm durchdringender als hier (mit Juan Tizol an der Ventilposaune). Das größte Wunder aber ist das Mastering, das die kanonische Aufnahme auf Werner X. Uehlingers neuem Label AIAy AG verpasst bekam. Man meint, die Ellington-Band hätte gerade eben vor uns Aufstellung genommen – und würde uns mit vereinten Pausbacken die Scheitel fein säuberlich geradeziehen. Diese verschleppte Eleganz! Fargo Live 1940 ist suchterzeugend. (Ronald Pohl, 31.8.2026)

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