Ölpreisanstieg und KI-Skepsis: Braut sich an den Börsen eine gefährliche Mischung zusammen?
Wind im Juli gedreht Ölpreisanstieg und KI-Skepsis: Braut sich an den Börsen eine gefährliche Mischung zusammen? Nach einem starken ersten Halbjahr straucheln die Aktienmärkte im Juli, der Ölpreis stei...
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Wind im Juli gedreht
Ölpreisanstieg und KI-Skepsis: Braut sich an den Börsen eine gefährliche Mischung zusammen?
Nach einem starken ersten Halbjahr straucheln die Aktienmärkte im Juli, der Ölpreis steigt. Nicht nur wegen hoher Treibstoffkosten drohen auch Zinserhöhungen
Alexander Hahn
Die Weltbörsen haben sich heuer trotz des Beginns des Irankriegs bisher gut geschlagen. Besonders die inzwischen verpufften Hoffnungen auf ein schnelles Ende der Auseinandersetzung haben für deutliche Kursgewinne gesorgt, die Wall Street hat im zweiten Quartal sogar das beste Ergebnis seit sechs Jahren eingefahren. Zudem sorgte das zunächst fulminante Rekordbörsendebüt von SpaceX für Aufsehen, bei Chipaktien gab es im Zuge des Booms von Künstlicher Intelligenz (KI) zeitweise sogar eine regelrechte Kaufhysterie.
Seit Anfang Juli weht ein anderer Wind, und zwar aus der Gegenrichtung. Zum einen haben die neuerlichen Kriegshandlungen den Ölpreis in die Höhe getrieben, ein Fass des Nordseeöls Brent kostete am Montag erstmals seit mehr als einem Monat zeitweise wieder mehr als 90 US-Dollar. Dazu kommt, dass auch der Überschwang im KI-Sektor der Sorge gewichen ist, dass sich die Erwartungen als überzogen erweisen könnten. Space X sank unter den Ausgabekurs und Chipaktien wurden fallen gelassen wie heiße Kartoffeln, sodass in China milliardenschwere Stützungskäufe für den Sektor orchestriert wurden.
War das ein Vorgeschmack auf eine weiterhin ruppige Entwicklung an den Börsen? Oder handelt es sich um ein reinigendes Sommergewitter, das etwas heiße Luft aus den Märkten bläst?
Tritt gefasst
Zu Wochenbeginn fassten die Aktienmärkte in Europa und den USA, besonders die Technologiebörse Nasdaq, nach Verlusten in der Vorwoche wieder Tritt, zuvor hatte auch in Asien der Abgabedruck nachgelassen. Allerdings schürt der hohe Ölpreis weiterhin die Ängste vor einer neuerlich aufkeimenden Inflation, denn der Ölpreisanstieg sorgt nach wie vor für erhöhte Treibstoffpreise, so auch in Österreich. Der ÖAMTC hat zuletzt kritisiert, dass die gesunkenen Rohölpreise im Juni nur teilweise an den Tankstellen angekommen seien. Seitdem sind die Ölpreise wieder gestiegen, zudem hat die Regierung die Spritpreisbremse weiter gelockert.
"Jede weitere Zuspitzung des Konflikts könnte die Energiepreise zusätzlich nach oben treiben", erklärt Maximilian Wenke, Marktanalyst bei eToro. "Damit würden auch die Erwartungen an weitere Zinserhöhungen wieder steigen." Stark zurückgegangen ist bereits die Zahl der Schiffspassagen durch die für Öl- und Gütertransporte wichtige Straße von Hormus. "Die erwartete Erholung des Schiffsverkehrs ist praktisch zum Erliegen gekommen", geben die Analysten der Australia and New Zealand Banking Group zu bedenken.
Für die am Donnerstag anstehende Zinsentscheidung der Europäischen Zentralbank (EZB) erwarten die meisten Experten jedoch keine weitere Anhebung, nachdem sie den Leitzins bereits im Juni um einen Viertelprozentpunkt auf nunmehr 2,25 Prozent angehoben hatte. Im September könnte jedoch noch ein zweiter Zinsschritt folgen. Auch in den USA sieht es mittelfristig eher nach Zinsanhebungen der Notenbank Fed aus, als – wie vor dem Irankrieg erwartet – nach Absenkungen.
"Zwei große Risiken"
"Der Markt muss derzeit zwei große Risiken gleichzeitig verarbeiten", fasst Analyst Wenke zusammen. Einerseits würden die geopolitischen Spannungen und die steigenden Ölpreise belasten, andererseits laufe auch die Neubewertung der KI-Story im Technologiesektor weiter. Denn zuletzt standen die Aktien von KI-Profiteuren nach ihrem guten Lauf weltweit erheblich unter Druck. "Gewinnmitnahmen kommen gerade in Mode", kommentierte Thomas Altmann von QC Partners. Panik sei zwar nicht zu beobachten, aber eine zunehmende Verkaufsbereitschaft.
Einen positiven Befund hat JP-Morgan-Topmanager Doug Petno. Er hält Zweifel für unbegründet, ob sich die hohen KI-Investitionen und die dazu nötige Infrastruktur von Rechenzentren auszahlen werden. "Die Entwicklung der KI wird nicht geradlinig nach oben gehen", sagte er in einem Interview mit dem Handelsblatt. "Es wird unterwegs immer wieder Ereignisse geben, die das Vertrauen belasten." Er würde nicht gegen KI wetten – vielmehr ist er der Meinung: "Wir erleben ein goldenes Zeitalter der Kapitalmärkte." Der SpaceX-Börsengang habe gezeigt, was alles möglich sei.
Das aktuell positive Umfeld und vor allem die Euphorie rund um KI dürften wohl den größten Emissionszyklus der Geschichte einläuten, heißt es von Erste Asset Management. Nach SpaceX stünden mit Anthropic und OpenAI bereits zwei weitere KI-Schwergewichte in der Warteschlange, wobei der Fondsanbieter in der hohen Emissionstätigkeit jedoch "ein gewisses Warnsignal" erkennen will. In der Vergangenheit hatten sich Riesenbörsengänge in den folgenden drei Jahren tendenziell schlechter als der Gesamtmarkt entwickelt.
Für eToro-Analyst Wenke kommt es darauf an, ob sich der Ölpreis dauerhaft über der Marke 90 US-Dollar halten kann. Das würde den Spielraum der Fed einschränken und könnte insbesondere Wachstumsaktien, etwa aus der Technologiebranche, belasten. Eine weitere Eskalation im Irankrieg oder enttäuschende Quartalszahlen der großen Technologiekonzerne könnten die Stimmung an den Börsen trüben – aus Wenkes Sicht "das derzeit ungünstigste Szenario für die Märkte". Der nächste große Stimmungstest stehe bereits am Mittwoch an, wenn Alphabet und Tesla Quartalszahlen vorlegen. (Alexander Hahn, 20.7.2026)
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