"Ein Baum ist in der Lage, die Temperatur um ein bis zwei Grad abzukühlen"

Mehr als 40 Grad herrschten Ende Juni in der Region. Solche Hitzewellen werden sich in Zukunft häufen, sagen Forscher wie Stephan Rammler. Er setzt sich dabei für soziale Gerechtigkeit beim Hitzeschutz ein.

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"Ein Baum ist in der Lage, die Temperatur um ein bis zwei Grad abzukühlen"

Interview Hitzeschutz in Berlin

“Ein Baum ist in der Lage, die Temperatur um ein bis zwei Grad abzukühlen”

Zwei Frauen laufen durch den Schatten eines einzelnen Baumes (Quelle: dpa/Gaertner)
Zwei Frauen laufen durch den Schatten eines einzelnen Baumes (Quelle: dpa/Gaertner)

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Axel Dorloff

Bei der Hitzewelle Ende Juni stand das öffentliche Leben an vielen Orten in der Region still. Vor allem ältere Menschen litten unter der brütenden Hitze, in deren Folge es auch gehäuft zu Todesfällen kam. Klimaforscher sind sich einig, die Temperaturen werden im Schnitt weiter steigen. Der Klima- und Zukunftsforscher Stephan Rammler sagt, unsere Pflicht ist es, darauf zu reagieren.

rbb: Die meisten Menschen verbinden Klimaschutz erst mal mit der Aufgabe, CO₂ zu reduzieren. Sie dagegen sprechen vor allem über Hitzeschutz. Müssen wir also stärker über Anpassungen sprechen?

Stephan Rammler: Wir müssen weiter über Schadensbegrenzung sprechen. Also: Wie kommen wir zu Klimaneutralität? Jedes Zehntel Grad, das wir an Erwärmung vermeiden, ist wichtig. Aber wir müssen auch zur Kenntnis nehmen, dass der Klimawandel dennoch stattfindet.

Europa und Deutschland gehören zu den sich am stärksten erwärmenden Regionen der Welt. Das führt zu Hitzespitzen und Starkwetterereignissen. Es macht ja keinen Sinn, die Augen zu verschließen vor dem, was die Hitze mit uns macht. Sie ist die zentrale aktuelle Herausforderung für deutsche und europäische Städte.

Berlin ist in meinen Augen eine Stadt, die besonders gute Voraussetzungen hat, weil 44 Prozent ihrer Stadtfläche ohnehin schon grün sind, wo es aber dennoch in manchen Stadtteilen sehr heiß ist.

Zur Person

Stephan Rammler bei einer Pressekonferenz. (Quelle: imago images)

Stephan Rammler ist Sozialwissenschaftler und Ökonom. Schwerpunkt seiner wissenschaftlichen Arbeit und Publizistik ist die Zukunftsforschung. "Cool Down - Berlin als Reallabor für sozial gerechten Hitzeschutz" ist die aktuelle Publikation Rammlers. Die Studie über die ganz unterschiedlichen Einflüsse und Folgen der vom Klimawandel verursachten Hitze verfasste Rammler im Auftrag der SPD-nahen Friedrich-Ebert -Stiftung.

rbb: War die Hitzewelle Ende Juni ein Vorgeschmack auf das, was auf uns zukommt oder wird sich ein Berliner Sommertag im Jahr 2040 oder 2050 dann doch noch von heute unterscheiden?

Rammler: Das ist eindeutig das, was auf uns zukommt. Das wird auch nicht wieder weggehen. Es wird das neue Normal. Es entwickelt sich schneller und drastischer, als wir befürchtet haben. Und es verschieben sich auch die habitablen, also die bewohnbaren Zonen der Welt. Irgendwann könnte es sein, wenn die Erwärmung so weitergeht, dass dann die gut bewohnbaren Zonen der Welt nördlich und südlich des 45. Breitengrads liegen: Das sind im Norden dann Nordskandinavien, Kanada, Alaska und Sibirien.

rbb: Sie sprechen von Berlin als einem Reallabor. Passiert da schon einiges in die richtige Richtung?

Rammler: Berlin ist eine Stadt in Stahl und Beton gebaut. Sie hat viele Parks und Grünflächen einerseits, aber eben auch diese Orte, bei denen wir vom städtischen Wärmeinsel-Effekt reden müssen: Solche städtische Lagen haben wir oft, wo kein Baum und kein Strauch in der Nähe ist. Und dort sind dann bis zu sieben Grad höhere Temperaturen als in den Außenbereichen. Es ist ein Problem, wenn in der Karl-Marx-Straße - bereits im Juni - in Bodennähe 50 Grad gemessen werden. Aber es ist genau das, was dort gerade nachgemessen wurde.

Berlin hat eine aktive Zivilgesellschaft - in dem Sinne eine gute Voraussetzung, weil wir den sogenannten Berliner Baumentscheid hatten und der Senat in seltener Einigkeit diesen Volksentscheid angenommen und in das sogenannte Bäume-Plus-Gesetz überführt hat. Es sind schon mal sehr gute Nachrichten, dass fraktions - und parteienübergreifend anerkannt worden ist, dass das ein Riesenthema ist.

Jetzt fehlt das Geld, es fehlt die Verwaltungskapazität, es fehlt die Manpower und es fehlt zum Teil auch noch das Wissen, das umzusetzen. Jetzt müssen wir den Plan machen, möglichst schnell, konsequent und tiefgreifend diese Strukturen anzupassen, um Hitzeschutz zu generieren.

rbb: Wir haben ein Klimaanpassungsgesetz, den Baumentscheid, wir haben Schulen, die über Klimaanlagen diskutieren. Der Volkspark Hasenheide wurde umgebaut und ist klimaresilienter geworden. Das geht Ihnen trotzdem nicht schnell genug. Was würden Sie anders machen?

Rammler: Das geht nicht nur mir nicht schnell genug, sondern den meisten Menschen, die am letzten Juni-Wochenende unter der Hitze gelitten haben, wahrscheinlich auch. Wir haben aber eine Möglichkeit zu reagieren, die sehr schnell sein kann: Wenn wir nämlich das urbane Grün ausweiten. Das ist kostengünstig im Vergleich zu anderen Maßnahmen. Und wenn wir gleichzeitig die Schwammstadt -Prinzipien umsetzen, was viele europäische Städte jetzt schon probieren, unter anderem Paris, das noch städtischer und noch mehr in Stein gebaut ist.

Mit dem Bäume-Plus-Gesetz sollen in Berlin 300.000 Bäume entlang der Straßen neu gepflanzt werden, und es sollen bis zu 100 kleine Parks dazukommen, sogenannte Tiny Forests in einzelnen Stadtteilen. Charlottenburg hat das gerade vorgemacht, die haben einfach in Kübeln kleine Bäume und Pflanzungen in die Quartiere gestellt. Man sieht jetzt schon, dass die Leute das sehr gut annehmen, und dass es wirklich kühler dort ist.

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Städtische Lagen, wo kein Baum und kein Strauch in der Nähe ist, haben wir oft. Und dort sind dann bis zu sieben Grad höhere Temperaturen.

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rbb: Selbst solche Mikro-Maßnahmen bringen etwas?

Rammler: Ein Baum ist in der Lage, die Temperatur um ein bis zwei Grad abzukühlen. Die Leute sind im Schatten unterm Baum eben nicht nur, weil die Sonne da nicht hinkommt, sondern auch weil es kühler ist. Wenn Sie vier oder fünf Bäume in so einem Tiny Forest haben und der ein bisschen gewachsen und gut gepflegt ist, dann sind das Orte, die einfach kühler sind.

Das ist eine der vielen Möglichkeiten, die wir haben, neben Verschattung, neben Sonnensegeln, die wir über Schulhöfen spannen können, neben passiver Kühlung und neben Fernkühlanlagen - was Paris übrigens auch vormacht für die urbanen Liegenschaften, dass man für die großen Krankenhäuser Fernkühlanlagen baut, ähnlich wie Fernheizanlagen.

rbb: Sie schreiben, dass Klimaanpassung nicht nur grün, sondern auch gerecht sein muss. Wie sieht denn so ein sozial gerechter Hitzeschutz aus?

Rammler: Am meisten betroffen sind die, denen es sozial am schlechtesten geht, das sind die Obdachlosen. Wir brauchen also nicht nur Kältebusse, wir brauchen wahrscheinlich im Sommer auch Wärmebusse. Man sieht schon Menschen, die sich kümmern und die Obdachlosen Wasser bringen oder mal was zu essen oder ein paar Eiswürfel. Das kann ja vielleicht auch stärker konzentriert organisiert werden.

Dann haben wir die Menschen in den billigen Wohnungen. Da gibt es keine Klimaanlage. Das ist meistens in den 50er und 60er Jahren günstig gebaut. Da sind nicht nur Lärm und Verkehrsemission hoch, sondern auch die Betroffenheit durch die Hitze. Die können da eben nicht lüften, weil der Straßenverkehr vor dem Fenster braust und die Luft ohnehin schon schlecht ist.

Deswegen ist es eine gute Idee, diese Strategie der Grünerweiterung prioritär erstmal in diesen Stadtteilen zu betreiben. Zusammen mit Kühlpunkten und Kälteräumen. Man kann auch Wasservernebler aufstellen oder temporäre Pools. Die Volksbühne hat ja einen großen Pool aufgebaut, um darauf hinzuweisen, dass es eine schlechte Idee ist, wenn die städtischen Bäder schlecht ausgestattet sind, gerade wenn es zu heiß ist.

Abkühlen ist wichtig, Trinkstationen, Trinkbrunnen hinzustellen und zu schauen, dass Sie auf diese Weise diese Region zumindest halbwegs bewohnbar und die Lebensqualität halbwegs menschlich halten.

Vielen Dank für das Gespräch.

Das Interview führte Axel Dorloff, rbb24 Inforadio. Der Text ist eine gekürzte und redigierte Fassung

Sendung: rbb24 Inforadio, 7.7.2026, 11:05 Uhr

Audio: rbb24 Inforadio, 7.7.2026, Axel Dorloff im Gespräch mit Stephan Rammler

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