Mutter erfindet Krebserkrankung ihres Kindes: 358.000 Euro an Spenden erschwindelt

Eine 42-Jährige hat die Krebserkrankung ihres Sohnes erfunden und damit Spenden erbettelt. Eine Familie nahm sogar einen Kredit über 22.000 Euro auf – weil das Kind angeblich sonst sterben würde.

  • 4 min read
Mutter erfindet Krebserkrankung ihres Kindes: 358.000 Euro an Spenden erschwindelt

Stand: 31.08.2026, 14:06 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Die 42-jährige Gießenerin gesteht, dass sie eine Krebserkrankung ihres Sohns nur vorgetäuscht hatte, um Spenden zu erschleichen. Ramazan Schmidt vertritt die Frau vor dem Landgericht.

Die 42-jährige Gießenerin gesteht, dass sie eine angebliche Krebserkrankung ihres Sohnes nur vorgetäuscht hatte, um Spenden zu erschleichen. Der Gießener Anwalt Ramazan Schmidt vertritt die Frau vor dem Landgericht. © Sebastian Schmidt

Eine 42-Jährige hat die Krebserkrankung ihres Sohnes erfunden und damit Spenden erbettelt. Eine befreundete Familie nahm sogar einen Kredit über 22.000 Euro auf – weil das Kind angeblich sonst sterben würde.

Gießen – Auf der Anklagebank des Landgerichts sitzt eine in sich zusammengesunkene Frau. Die Hände mit den gepflegten Nägeln sind verschränkt, die Augen geschlossen, während um die 42-Jährige herum die Kameras klicken. Über Jahre hinweg soll die Gießenerin eine Krebserkrankung ihres Sohnes erfunden, Arztbriefe gefälscht und damit Freunde, Bekannte sowie gemeinnützige Organisationen um Spenden betrogen haben. Insgesamt 13 Taten verlas Staatsanwalt Kai Karges zu Prozessbeginn am Montag. Nach den Vorwürfen beläuft sich der Schaden auf rund 358.000 Euro. Die Angeklagte selbst äußerte sich nicht. Stattdessen verlas ihr Pflichtverteidiger Ramazan Schmidt ein Geständnis.

Beweisaufnahme

Am 14. September beginnt die Beweisaufnahme am Landgericht Gießen. Es sind neun Verhandlungstermine festgesetzt. Laut HR wurden 27 Zeugen geladen.

„Sämtliche Taten werden ohne jegliche Einschränkung eingeräumt“, sagte Schmidt. Das gelte sowohl für den geschilderten Ablauf der Taten als auch für die genannte Schadenssumme. Trotzdem steht dem Gericht nun eine umfangreiche Beweisaufnahme bevor, erklärte der Vorsitzende Richter Klaus Bergmann.

Sämtliche Taten werden ohne jegliche Einschränkung eingeräumt.

Ihren Anfang sollen die Straftaten genommen haben, nachdem der Sohn (im Tatzeitraum zwischen fünf und acht Jahren alt) im Jahr 2020 im Gießener Universitätsklinikum untersucht worden war. Dabei wurde laut Karges ein „harmloser Hautbefund“ festgestellt. Dennoch soll die Angeklagte das Kind im Anschluss zu Medizinern nach Zürich gebracht haben. Doch auch dort sei keine schwere Erkrankung diagnostiziert worden. Die Mutter soll jedoch einen entsprechenden Arztbrief gefälscht und ab nun behauptet haben, ihr Sohn leide an schwarzem Hautkrebs und könne nur noch palliativ behandelt werden.

Um diese Darstellung zu untermauern, soll die Angeklagte in den folgenden Jahren weitere Behandlungen und Krankheitsverläufe erfunden haben. Das Kind wurde immer wieder vom Unterricht abgemeldet. Die Familie reiste zu einer Spezialbehandlung in die USA. Danach soll die Mutter behauptet haben, der Krebs sei um 70 Prozent zurückgegangen. Entsprechende Krankheitsbefunde seien laut Staatsanwalt wieder gefälscht worden. Später habe sie erklärt, der Krebs sei erneut gewachsen.

Mit diesen erfundenen Krankheitsgeschichten soll die Angeklagte zwischen 2021 und 2024 Spenden erschlichen haben. Die 42-Jährige soll etwa über zwei bekannte Internet-Spendenplattformen zusammen fast 50.000 Euro eingenommen haben. Dabei wurden unter anderem Bilder ihres Sohnes gezeigt, auf denen er an medizinische Geräte angeschlossen war.

Kinderärztin schöpfte schließlich Verdacht

Es wurden laut Staatsanwalt auch Organisationen wie Round Table 94 Gießen (15.000 Euro), das Deutsche Rote Kreuz Marburg-Gießen (9200 Euro) oder die Elterninitiative für krebskranke Kinder Siegen (176.000 Euro) geschädigt.

Auch befreundete Eltern soll die Mutter teils unter erheblichem psychologischem Druck um hohe Geldbeträge gebracht haben. Als Belege präsentierte sie laut Anklage gefälschte Schreiben des UKGM sowie angebliche Bilder des Tumors. Eine Familie habe schließlich sogar einen Kredit aufgenommen, um der Angeklagten 22.000 Euro für angebliche Medikamente ihres Sohnes zu leihen. „Weil dieser sonst sterben würde“, verlas Staatsanwalt Karges.

Die Betrugsserie endete erst, als eine Kinderärztin Verdacht schöpfte und das Jugendamt informierte. Eine Untersuchung des Kindes am Gießener Universitätsklinikum brachte Anfang 2024 schließlich die Gewissheit, dass der Junge nicht krank war. Das Jugendamt nahm das Kind in Obhut.

Bei ihren Ermittlungen stieß die Polizei auf einen weiteren Betrugsfall, der aber in keinem Zusammenhang mit dem Kind steht und nun ebenfalls vor Gericht verhandelt wird. Die 42-Jährige soll einer Bekannten vorgeblich einen Job in Kanada vermittelt haben. Hierfür seien ein Arbeitsvertrag und eine Auslandskrankenversicherung gefälscht worden. Anschließend habe die Angeklagte immer wieder Geldzahlungen, unter anderem für die Versicherung oder angebliche Flugtickets, verlangt und so mehrere Tausend Euro erschlichen.

Staatsanwalt Karges wirft der Gießenerin im Zusammenhang mit den 13 Taten gewerbsmäßigen Betrug sowie Urkundenfälschung vor.

Ermittlungen gegen den Vater des Kindes wurden laut Staatsanwaltschaft mangels hinreichenden Tatverdachts eingestellt.