Gewalt in Beziehungen: Forensiker nennen frühe Warnzeichen
Publiziert21. Juli 2026, 18:11Gewalt in BeziehungMisshandelt vom eigenen Partner: Gibt es frühe Warnzeichen?Grenzüberschreitungen, Kontrolle oder Wutausbrüche: Zwei Forensiker erklären, welche Verhaltensweisen ...
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Publiziert21. Juli 2026, 18:11
Gewalt in BeziehungMisshandelt vom eigenen Partner: Gibt es frühe Warnzeichen?
Grenzüberschreitungen, Kontrolle oder Wutausbrüche: Zwei Forensiker erklären, welche Verhaltensweisen des Partners in einer Beziehung zwingend ernst genommen werden sollten.

Darum gehts
- Wer Grenzen nicht akzeptiert, den Partner isoliert oder Wutausbrüche zeigt, kann ein Risiko für Gewalt in der Beziehung darstellen.
- Der Fall des ehemaligen Aargauer SVP-Grossrats Patrick Frei hat die Frage nach frühen Warnzeichen für gefährliche Partner aufgeworfen.
- Forensikerin Astrid Rossegger und Forensiker Marc Graf betonen: Kein einzelner Faktor reicht zur Einschätzung – meist ist es eine Kombination von Risikomerkmalen.
- Grenzüberschreitungen, starkes Kontrollbedürfnis, Isolation sowie häufige Wutausbrüche gelten laut den Experten als zentrale Risikofaktoren.
- Bei Angst vor Gewalt raten Fachpersonen, eine Trennung nie allein zu vollziehen, sondern mit Beratungsstellen oder der Polizei zu planen.
Der Fall des ehemaligen Aargauer SVP-Grossrats Patrick Frei erschüttert die Schweiz. Die Staatsanwaltschaft wirft dem 57-Jährigen unter anderem mehrfach versuchten Mord, qualifizierte Vergewaltigung, Schändung sowie sexuelle Handlungen mit Kindern vor. Laut Anklage soll er mehrere Frauen und Mädchen, darunter Paula, die damals 15-jährige Tochter seiner Partnerin, betäubt, sexuell misshandelt und die Übergriffe gefilmt haben. Es gilt die Unschuldsvermutung.
Gegenüber dem «Tages-Anzeiger» nennt Paula den Ex ihrer Mutter einen «Kontrollfreak». Im Haus habe er überall Kameras installiert gehabt. Für viele stellt sich deshalb die Frage: Gibt es Warnzeichen, die auf gefährliches Verhalten hindeuten? Die kurze Antwort lautet: Ja, aber kein einzelnes Merkmal macht einen Menschen zum Gewalttäter. «In der Regel ist es eine Kombination verschiedener Risikomerkmale, die eine Person gefährlich macht», sagt die forensische Psychologin Astrid Rossegger.
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Grenzüberschreitungen
Das wichtigste Warnsignal ist laut dem forensischen Psychiater Marc Graf, wenn jemand Grenzen nicht akzeptiert oder sie lustvoll übergeht. «Wenn jemand klar Nein sagt und der Partner macht trotzdem weiter, wertet einen ab oder reagiert sogar aggressiv, ist Vorsicht geboten.» Typische Reaktionen seien zum Beispiel Sätze wie: «Du bist so empfindlich» oder «Was machst du jetzt für ein Theater?»
Vier Täter-Fallgruppen
Hinter kontrollierendem Verhalten, das in Gewalt mündet, können laut Astrid Rossegger unterschiedliche Motive und Ursachen stehen. Im Bereich der Intimpartnergewalt würden in der forensischen Praxis vier Fallgruppen unterschieden:
1) Personen, bei denen sich die Gewalt aus einer Krise oder aus einer Überforderung heraus entwickle. «Bei dieser Gruppe kann kontrollierendes oder gewalttätiges Verhalten einen Versuch darstellen, wieder Kontrolle zurückzuerlangen. Beruhigt sich die Situation, nimmt auch das problematische Verhalten ab.»
2) Bei dieser zweiten Fallgruppe sei kontrollierendes und gewalttätiges Verhalten massgeblich durch eine psychische Störung beeinflusst.
3) Bei einer dritten Gruppe habe die Ausübung von Kontrolle und Gewalt viel mit der Persönlichkeit zu tun. «Es kann sein, dass die Person spezifisch Gewalt gegenüber Frauen legitimiert oder übertrieben eifersüchtig ist und an der Untreue der Partnerin zweifelt.»
4) Bei einer vierten Gruppe sei die Gewalt nicht auf die Partnerschaft beschränkt. Das seien häufig Personen, die sich allgemein nicht an Regeln halten. Das könne kontrollierend wirken. «Dahinter steht aber, dass die Personen nur nach den eigenen Regeln leben und Gewalt grundsätzlich als geeignetes Mittel sehen, ihre Konflikte zu lösen oder Interessen durchzusetzen.»
Kontrolle
Auch ein ausgeprägtes Kontrollbedürfnis sollte hellhörig machen, betonen die Expertin und der Experte. Gerade am Anfang einer Beziehung könnten manche Verhaltensweisen als angenehm wahrgenommen werden, sagt Rossegger. Täglich Dutzende Nachrichten auszutauschen oder ständig zu wissen, wo der andere ist, könne zunächst schmeichelhaft erscheinen. «Später kann das aber als Kontrolle und Einengung erlebt werden.»
Wer bestimmen will, mit wem sich der Partner oder die Partnerin trifft, ständig wissen möchte, wo er oder sie ist, oder Kontakte zu Freunden und Familie einschränkt, versucht laut Graf häufig, Macht über den anderen auszuüben. «Isolation ist ein wesentlicher Mechanismus, um Macht und Kontrolle auszuüben», sagt er. «Viele Täter suchen aktiv nach Beziehungen mit einem Machtgefälle, bei dem die Partnerin finanziell, sozial oder kulturell abhängig sind.»
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Wutausbrüche und Alkoholmissbrauch
Weitere Warnzeichen sind laut Graf häufige Wutausbrüche. Wer wegen Kleinigkeiten laut wird oder Gegenstände herumwirft, zeige einen Risikofaktor für spätere Gewalt. «Auch Menschen, die nie Verantwortung übernehmen, sich nicht entschuldigen oder konsequent anderen die Schuld geben, sollten aufmerksam machen», so Graf.
Rossegger weist zusätzlich darauf hin, dass Alkoholmissbrauch das Risiko für Gewalt in Partnerschaften nachweislich erhöht. Allerdings, betont sie, sei kein einzelner Faktor ausreichend, um die Gefährlichkeit eines Partners zuverlässig einzuschätzen.
Was können Betroffene tun?
Probleme früh ansprechen
Graf rät, problematisches Verhalten früh anzusprechen und klare Grenzen zu setzen. Entscheidend sei die Reaktion. Nimmt die andere Person das ernst und ändert ihr Verhalten? Oder macht sie einfach weiter? «Spätestens wenn ein klares Nein ignoriert oder Distanz nicht akzeptiert wird oder wenn jemand trotz Aufforderung immer wieder anruft, schreibt oder unangekündigt auftaucht, sollte professionelle Hilfe eingeschaltet werden.» Beratungsstellen und die Polizei könnten die Situation einschätzen und unterstützen.
Bei Angst vor Gewalt Fachpersonen einschalten
Rossegger betont: «Wenn eine Frau Angst hat oder schon von Gewalt betroffen war, sollte sie sich Unterstützung von einer Fachperson holen.» Fachpersonen könnten helfen, die eigene Situation besser einzuordnen. Auch Unterstützung im persönlichen Umfeld könne hilfreich sein. «Soziale und finanzielle Unterstützung kann helfen, für die eigenen Rechte einzustehen und einen Loslöseprozess aus der Beziehung anzustossen.»
Eine Trennung mit Fachpersonen besprechen
Laut Pia Allemann, Co-Geschäftsleiterin der Beratungsstelle für Frauen gegen Gewalt in Ehe und Partnerschaft, sollten Betroffene nächste Schritte von einer Fachperson begleiten lassen. Denn: Für betroffene Personen sei es oft besonders gefährlich, wenn sie Trennungsabsichten äusserten oder Schritte zur Trennung unternähmen. «Wir raten immer, die Trennung mit Fachpersonen wie Opferberatungsstellen, Frauenhäusern oder Polizei zu besprechen, wenn das Opfer befürchtet, dass der Partner mit massiver Gewalt reagieren könnte.» Auch Äusserungen der gewaltausübenden Person wie «bei einer Trennung habe ich nichts mehr zu verlieren» oder konkrete Todesdrohungen und stalkendes Verhalten seien Red Flags.
Häusliche Gewalt enttabuisieren
Ein Problem ist laut Astrid Rossegger weiterhin, dass häusliche Gewalt sich nach wie vor mehrheitlich im Dunkelfeld abspielt. Nur ein Bruchteil der Betroffenen suche Hilfe bei Behörden. Die Hauptgründe dafür seien, dass das Thema zu schambesetzt ist, dass ihnen unklar sei, wohin sie sich wenden könnten oder dass sie davon ausgehen nicht genügend Unterstützung zu erhalten, um eine Trennung und deren Folgen bewältigen zu können. «Es ist wichtig, dass wir weiterhin darauf hinarbeiten, dass das Betroffensein von häuslicher Gewalt enttabuisiert wird, und Gewalt gegen Frauen in der Bevölkerung keine Akzeptanz findet. Auch müssen Hilfsangebote für alle Personen einfach sein», sagt Rossegger.
Bist du oder ist jemand, den du kennst, von sexualisierter, häuslicher, psychischer oder anderer Gewalt betroffen?
Hier findest du Hilfe:
Lilli.ch, Onlineberatung für Jugendliche
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Bist du minderjährig und von sexualisierter Gewalt betroffen? Oder kennst du ein Kind, das sexualisierte Gewalt erlebt?
Hier findest du Hilfe:
Kokon, Beratungsstelle für Kinder, Jugendliche und junge Erwachsene
Castagna, Beratungsstelle bei sexueller Gewalt im Kindes- und Jugendalter
Clickandstop.ch, Online-Meldestelle der Stiftung Kinderschutz Schweiz
Pro Juventute, Beratung für Kinder und Jugendliche, Tel. 147
Bist du selbst pädophil und möchtest nicht straffällig werden? Hilfe erhältst du bei Forio, Beforemore und bei den UPK Basel.

Lynn Sachs (sac) arbeitet seit 2020 für 20 Minuten. Sie ist stellvertretende Leiterin des Ressorts News.