Liv Thastums Lyrikdebütband „åben die erda“

Vom Zauber der aus Deutsch und Dänisch geformten Schroffwände: Liv Thastum hält in ihrem Lyrikdebüt „åben die erda“ allen Vorstellungen von sprachlicher Reinheit Lücken, Lautspiele und Imagination entgegen.

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Liv Thastums Lyrikdebütband „åben die erda“

Die Jammerbucht gibt es tatsächlich. Ein Küstenstück im Nordwesten Jütlands, das seinen Namen – „Jammerbugt“ auf Dänisch – den vielen gestrandeten Schiffen und den Havarien auf der bewegten See verdankt. Das Wort könnte sich Liv Thastum aber auch ausgedacht haben. Mit ihrem Sprachwitz und mit ihrem großen Gespür für lautliche Nuancen ist sie eine echte Wortwandlerin, die „sprachkörper aus der landschaft“ hebt, wie es einmal heißt, die aber ebenso gerne Wortfügungen erfindet, „schorfende / schroffwände“ zum Beispiel oder „skrumpern“.

Gleich im Anfangszyklus ihres ersten Gedichtbands lässt Liv Thastum ihre Sprecherin die Landschaft der Jammerbucht durchwandern. Dabei entdeckt das Ich der Verse Furchen und Risse, will „schichtungen abtragen“ und stößt auf historische Fragmente wie Bunkerreste und eine „deutsche radarstation“ aus dem Zweiten Weltkrieg. Damit ist das Stichwort gesetzt. Denn die Sprecherin geht nicht beliebig auf Spurensuche, sondern interessiert sich vor allem für Überlagerungen, in denen „eine schicht deutsch. / eine schicht dänisch“ erkennbar ist. In einer kleinen Anmerkung am Ende des Bandes erinnert Thastum an die verschiedenen Bevölkerungsgruppen und sprachlichen Überlagerungen, die in dieser Grenzregion über Jahrhunderte hinweg prägend waren. Mit kritischem Blick auf die nationalen Bewegungen des neunzehnten Jahrhunderts und die deutsche Besatzung Dänemarks im Zweiten Weltkrieg schlägt sie einen Bogen zum „wiedererstarkten Nationalismus“ unserer Tage, der sich auf beiden Seiten der Grenze zeigt, nicht zuletzt in Ab- und Ausgrenzungen über Sprache.

Die Zeichen der Landschaft lesen und sich einverleiben

Geschickt hält Thastum allen Vorstellungen von Eindeutigkeit und sprachlicher „Reinheit“ eine Sagweise entgegen, die voller Verschiebungen, Lücken, Lautspiele und Imaginationen ist. Nicht indem sie dieses Idiom einfach behauptet, sondern indem sie es in ihren Versen zeigt. „eine schicht deutsch. / eine schicht dänisch“ heißt bei ihr, sie schiebt die Schichten ineinander, verbindet zum Beispiel semantische Formen der einen mit grammatischen Strukturen der anderen, sodass an den stärksten Stellen eine neue Sprache entsteht: „hinter den dynen liegen die überreste eines moors. min / mose, en mimose, das große vildmose wird eingeschrumpft.“ Das erinnert in seinem Spiel mit den Sprachen an die Poetiken von Dagmara Kraus oder Uljana Wolf, denen Thastum in einer Danksagung auch ihre Reverenz erweist. Wenn die Sprecherin die Zeichen der Landschaft liest und sich die Landschaft gleichzeitig in ihren Körper einschreibt, sind in dieser Doppelbewegung auch die Gedichte von Esther Kinsky nicht allzu fern.

Liv Thastum: „åben die erda“. Gedichte
Liv Thastum: „åben die erda“. GedichteKookbooks

Dennoch gelingt es Liv Thastum, die 1997 in Berlin geboren wurde und selbst mit den beiden Sprachen Deutsch und Dänisch aufgewachsen ist, aus diesen literarischen Anlehnungen etwas Eigenes zu formen. Konsequent entwirft sie ihre Sprecherin als „zweispråchige zeichnerin“. Die nicht selbstherrlich auftritt, vielmehr immerzu „murmelnd in bewegung“ um die eigene Relativität weiß, das Stottern und Stolpern ihrer Sprache mitdenkt.

In vier Zyklen, die in ihrer Form, der Stofflichkeit und im Grad der sprachlichen Verdichtung ganz unterschiedlich sind, faltet Liv Thastum ihre Idee der Vielsprachigkeit und der Zwischenräume aus. Da forscht sie im Kapitel „unterjord“ auf der Grundlage verschiedener Sagen den „Unterirdischen“ nach, Wesen, die mit Vorliebe nachts aus der Erde kommen: „wo es schon risselt dort wo es grenzelt / bricht kruste bricht stein und / es stiger und steigen aus fugen aus falten / schemen um schemen vom untergrund auf“. Das ironische Wort „grenzelt“ deutet es bereits an: Die kleinen Fabelwesen aus den Sagen schreibt Thastum ihrem poetologischen Programm gemäß um. Sie sind nun jene, die nach der Sprachspaltung in Dänisch und Deutsch gleichsam als Wiedergänger des Verlorenen und Verdrängten an die einstige Ganzheit einer vielsprachigen Gegend erinnern.

Die innige Verschlingung der Sprachen

In einem anderen Zyklus geht sie mit ihrer Sprache sehr nah an den Körper heran und webt in ihre Bilder zugleich die Metaphorik von Wurzelsystemen oder Aderästen ein. Es ist spannend zu sehen, wie sich hier die Perspektive weitet. Die anfängliche Konzentration auf ein „sprechen außerhalb nationalistischer / denkmodelle“, wie es andernorts etwas begrifflich aufgeladen heißt, wird nun zur Vorstellung, es könnte eine Art ursprünglicher Einheit aller Momente gegeben haben, ein frühes Ungeschiedensein, wie es im Mutterbauch spürbar gewesen sein mag. Schön, dass Liv Thastum gerade in diesem Abschnitt die Sprachen so innig verschlingt wie sonst nirgends im Band, mit Witz, der oft ein Lautwitz ist, in dem sich „lachen“ und „lallen“ ganz nah sein können: „dit øje mumler sag ich dich da / vom winkel betrachtet / lacht sichs lun la lachen wir / la lun im latterdal lallt man“.

Ab und an, vor allem im letzten Zyklus, neigt Thastum dazu, ihren Versen eine Botschaft einzuschreiben. Wenn sie etwa ihren Nachnamen mit einem fast gleichlautenden trockengelegten See in Mitteljütland kurzschließt und dazu weitere biographische Splitter einspeist, klingt das Ergebnis ein wenig wie die lyrisierte Version jenes Essays, mit dem sie 2024 den Wortmeldungen-Förderpreis gewann. Dort notierte sie: „Ich habe Abschied genommen von der Einsprachigkeit. Ich stehe schon immer in den Zwischenräumen.“

Doch das ändert nichts daran, dass sie mit „åben die erda“ ein erstaunliches Lyrikdebüt geschrieben hat. Ein Buch voller Lautspiele und flimmernder „wortwildwüchse“, mit einem feinen Sinn für historische Schwingungen.

Liv Thastum: „åben die erda“. Kookbooks Verlag, Berlin 2026. 87 S., geb., 24,– €.