ARD-Serie "Selling Sex" soll ein feministischer Porno sein
Die angehende Vermögensberaterin Nelly macht die Probe aufs Exempel, wie Frau schnell ans große Geld kommt. Sie verdingt sich als Escortgirl. Die als feministischer Porno gestaltete Serie „Selling Sex“ feiert das ab. In der ARD.
- 4 min read
„Nach Golde drängt, am Golde hängt doch alles“, das meint nicht nur Goethes Gretchen im „Faust“, sondern auch die Nachwuchs-Vermögensberaterin Nelly (Ella Morgen). Anders als Gretchen ist Nelly von der Klage über die Gier weit entfernt. Besser, damit offen umzugehen, findet sie. Nicht Menschen schlechthin, sondern allein Frauen seien in absurder Weise bei der Vermögensbildung benachteiligt, und das will Nelly ändern. Wenn es sein muss, auch im Alleingang unter Einsatz ihrer Physis.
Sie ärgert, dass eine gesellschaftlich rückständige Branche – Finanzberater und Vermögensverwalter –, sich wie „Tradwife“-Enthusiasten gebärdeten. Warum sonst besäßen Frauen nur ein Drittel des Vermögens, das Männern zur Verfügung steht? Frauen seien mitnichten risikoscheuer. Als Bewahrerinnen von Heim und Harmonie liege ihnen das Zocken nicht in der Natur? Zum Investieren gehörten männlicher Wagemut und Testosteron? Misogyner Bullshit, so sieht es die „Economics“-Masterstudentin.
Das „Material Girl“ wittert Morgenluft
Dahinter, so führt sie es in ihrer Praktikums-Präsentation in der Vermögensberatung von Dr. Storch (Inga Busch) aus, stecke nichts als die Mär vom unselbständigen Weibchen. Sie meint stattdessen: Wer ohnehin wenig hat, will sich nicht verzocken. Teilzeitarbeit, Gender Pay Gap, Care-Arbeit, Mini-Rente und Aussicht auf Armut, ergo konservatives Investment, alles klar. Frau Dr. Storch sieht Potential in ihrem „High Potential“ mit Feminismustouch. Eine Ausbeuterin weiblicher Arbeitskraft ist sie allerdings ebenso wie alle anderen, denn das Praktikum ist unbezahlt. Nelly reicht es. Mehr als 50.000 Euro Studienkreditschulden, als Messehostess gedemütigt – das „Material Girl“ wittert Morgenluft, als ihr eine Freundin berichtet, sie habe einen Tausender beim Sekttrinken verdient.
Die sechsteilige Miniserie „Selling Sex“ wird nicht umsonst erst spätnachts im linearen Fernsehen ausgestrahlt. Dass hier Jugendschutz vonnöten sein könnte, liegt nicht nur an der pornographischen Ausgestaltung, sondern an der dem öffentlich-rechtlichen Rundfunk eher fremdartigen Feier eines rücksichtslosen Kapitalismus, die sich noch nicht einmal als Käuflichkeitskritik verbrämt. Bevor nämlich Nelly dazu kommt, ihre Träume von der allgemeinen finanziellen Bereicherung der Weiblichkeit in die Tat umzusetzen, fängt sie bei sich selbst an.

Wie ihre Freundin Giulia (Samirah Breuer) und die abgezockte Liliana (Lera Abova) arbeitet sie bald bei „Flower Escorts“. Hier haben Frauen die Macht. Die Agenturchefin Maxine (Anna von Auersperg) erklärt die Vertragsgrundlagen, Gesundheitsprüfung, Prostituiertenschein, akzeptierte Praktiken. Expertise und Marktanalyse sind Trumpf wie Arbeitsmoral, das zeigt auch die Branchenkennerin und Freundin Dolly (Sasha von Halbach), die ihr mit Sexarbeit erworbenes Vermögen in ein Etablissement gesteckt hat, das Fairness garantiert. Auch Nellys älteste Freundin und Mitbewohnerin Bonnie (Manal Raga a Sabit) ist begeistert vom Ambiente dort und entwirft die Kollektion ihres Modedesign-Abschlusses mit entschiedenen Madonna-Vibes. Madonnas Kunst der sexpositiven weiblichen Kunst- und Selbstbestimmung steht sichtbar Patin bei „Selling Sex“.
Es geht um Asset-Management
Leider tritt die Serie von Miriam Dehne und Marie C. König (Regie und Buch) und Hannah Schopf (Buch), die auf intime Detailkenntnisse der Escort-Branche setzt und Männer mit seltsamen Intimitätsvorstellungen vorführt, bald auf der Stelle. Es geht hier nicht um persönliche Entwicklung, sondern um Asset-Management. Nelly legt sich den Namen „Aurora“ zu, so heißt Dornröschen, aber sie braucht keinen Prinzen. Das Projektionsflächenspiel für Männerwünsche beherrscht sie bald aus dem Effeff, nur bei Tsuneo (Madieu Ulbrich), dem steinreichen, eiskalten Stammkunden, versagt ihre Strategie. Als er „Pet Play“ verlangt, muss sie die KI befragen. Auch Domina ist ein Lehrberuf.
„Selling Sex“ bemüht sich, Sexarbeit aus Elendszusammenhängen zu holen, Frauensolidarität in den Vordergrund zu stellen, Escort als High-End-Dienstleistung und Exzellenzfeld weiblicher Alleinstellung zu behaupten und die übrige Finanzwelt als verlogen und armselig zu zeigen. Manchmal gelingen der solcherart ermüdenden, hochglanzgefilmten Serie gleichwohl nette Intermezzi. So werden Nelly, Liliana, Giulia und eine weitere Kollegin zu einem Junggesellenabschied mit vier Männern gebucht, bei dem schließlich acht Männer auf sie warten. Wer Gewalt und Verbrechen erwartet, denkt falsch, die Szene löst sich eher witzig auf. Kalkuliert ein bisschen Wasser in den Champagner gibt es, wenn Liliana zur Bauchstraffungsoperation genötigt werden soll. Sie geht stattdessen shoppen. Für die Rückzahlung der Schulden erstellt ihr Nelly den ersten von vielen künftigen Sexworker-Finanzplänen. Der romantischen Liebe mit dem Callboy Ben (Malik Blumenthal) hat sie da schon eine Absage erteilt; zur serienabschließenden Präsentation ihrer Masterarbeit ist der Hörsaal voll mit Studenten etlicher Lebensbereiche.
Früher waren pornographische Filme im Fernsehen vor allem frauenerniedrigend. Seit einigen Jahren bemühen sich insbesondere Produzentinnen um feministischen Porno. „Selling Sex“ reiht sich hier ein, ist explizit und edukativ, insgesamt schlicht, aber mit Wohlwollen sympathisch und blendet alle Schattenseiten des Gewerbes vorsätzlich aus.
Selling Sex steht von Freitag an in der ARD-Mediathek und läuft am Freitag von 23.50 Uhr an im Ersten.