Die Magnet-Epidemie: Wenn verschlucktes Spielzeug zur Lebensgefahr wird
Lebensgefährliches Spielzeug: Wenn Kinder Magnete verschlucken, müssen sie sofort ins SpitalStark magnetische Kugeln aus Neodym sind als Kinderspielzeug inzwischen verboten. Doch die Zahl gefährlicher Zwischenf...
- 3 min read
Lebensgefährliches Spielzeug: Wenn Kinder Magnete verschlucken, müssen sie sofort ins Spital
Stark magnetische Kugeln aus Neodym sind als Kinderspielzeug inzwischen verboten. Doch die Zahl gefährlicher Zwischenfälle bleibt hoch. Die Kolumne «Hauptsache, gesund».
25.07.2026, 05.30 Uhr
2 Leseminuten

Kommen oft im 216er-Würfel: Neodym-Magnetkugeln.
Adam Smigielski / Getty
Eigentlich wollten wir am Wochenende zusammen frühstücken und eine Runde auf dem Mountainbike drehen. Doch statt der Türglocke klingelte zur vereinbarten Zeit das Handy: Die geplante Tour müsse ausfallen, erklärte mein Freund, seine kleine Tochter habe am Morgen beim Spielen offenbar mehrere Magnetkügelchen verschluckt und müsse sofort in die Notaufnahme.
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«Hauptsache, gesund»
In dieser Kolumne werfen Autorinnen und Autoren einen persönlichen Blick auf Themen aus Medizin und Gesundheit.
«Notaufnahme – ist das nicht ein bisschen arg dramatisch?», fragte ich mich. Doch eine kurze Recherche zeigte: Verschluckte Magnete sind tatsächlich ein ernster medizinischer Notfall. Während ein einzelner Magnet problemlos den Darm passiert und schliesslich in die Toilette kullert, können mehrere verschluckte Magnete vor allem im Dünndarm zur akuten Lebensgefahr werden. Dann nämlich, wenn sie sich über zwei Darmschlingen hinweg anziehen und die dazwischenliegende Darmwand einklemmen. Das Gewebe wird nicht mehr richtig durchblutet und stirbt ab; es entsteht ein Loch, durch das Darminhalt in den Bauchraum gelangen kann.

Appetit auf Metallisches: Röntgenbild einer zweijährigen Patientin, die 32 Magnetkugeln und eine Knopfbatterie verschluckt hat.
Uniklinikum Würzburg
Und das passiert erstaunlich häufig: In den letzten zwanzig Jahren sind verschluckte Magnete zu einem der gefährlichsten und am schnellsten zunehmenden chirurgischen Notfälle bei Kleinkindern geworden. In einem Beitrag zum Thema sprechen britische Kinderärzte sogar von einer «Magnet-Epidemie»: Zwischen 2016 und 2020 habe sich die Zahl entsprechender Einweisungen in drei grossen britischen Spitälern verfünffacht. 40 Prozent der betroffenen Kinder hätten operiert werden müssen, bei rund der Hälfte davon sei es zu Komplikationen gekommen. Ähnlich starke Zuwachsraten melden Ärzte auch aus anderen Ländern wie den USA.
Neodym-Magnete entwickeln erstaunliche Kräfte
Verantwortlich für diese Epidemie ist der Boom von Dauermagneten aus einer Legierung von Eisen mit den Elementen Bor und Neodym. Solche Neodym-Magnete sind rund zehnmal stärker als die zuvor übliche Variante auf Basis von Ferrit. Deshalb entfalten schon kleine Neodym-Magnete in Verschlüssen von Handtaschen oder eben in Spielzeug-Magnetkugeln enorme Kräfte. Die glatten Kügelchen sind für Kleinkinder besonders gefährlich, weil sie sich mit ihrem Durchmesser von meist drei bis zehn Millimetern so leicht schlucken lassen wie ein kleines Bonbon.
Inzwischen sind Magnetkugeln als Kinderspielzeug europaweit verboten. Als Anti-Stress-Spiel für Erwachsene sind sie aber weiter erhältlich, wenn auch mit beschränkter Magnetstärke. Wer will, kann unregulierte Produkte jedoch weiterhin leicht direkt über Plattformen wie Temu in China bestellen. Die Gefahr für Kinder bleibe deshalb hoch, stellt eine Übersichtsarbeit im Fachblatt «Injury Prevention» fest.
Im Fall der Tochter meines Freundes ging die Geschichte glimpflich aus. Das sofort erstellte Röntgenbild zeigte: Sie hatte tatsächlich fünf Magnetkügelchen geschluckt. Die sonst oft notwendige minimalinvasive Operation am Darm blieb der Kleinen aber erspart. Denn die Kugeln befanden sich dank der schnellen Reaktion der Eltern noch im Magen; die Ärzte konnten sie per Endoskop über die Speiseröhre relativ schonend entfernen.
Bereits erschienene Texte unserer Kolumne «Hauptsache, gesund» finden Sie hier.
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