„La traviata“ als Spiel auf dem See: Plansch-Party im Scherbenhaufen

Diffuses Abendlicht, graue, von der untergehenden Sonne mit zartem Rosa durchflutete Wolken spiegeln sich in gigantischen Scherben, die 28 Meter auf der Seebühne gegen den Himmel ragen. Paolo Fantin hat mit dem...

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„La traviata“ als Spiel auf dem See: Plansch-Party im Scherbenhaufen

Diffuses Abendlicht, graue, von der untergehenden Sonne mit zartem Rosa durchflutete Wolken spiegeln sich in gigantischen Scherben, die 28 Meter auf der Seebühne gegen den Himmel ragen. Paolo Fantin hat mit dem kolossalen, zerborstenen Spiegel ein starkes Ambiente geschaffen, um die Todesahnung und den Schmerz im Vorspiel von Giuseppe Verdis „La traviata“ wiederzugeben. Bedauerlich ist nur, dass in der Musik, die über die Lautsprecher ausgestrahlt wird, davon wenig zu spüren ist.

Doch der Reihe nach. In den 80 Jahren ihres Bestehens zeigen die Bregenzer Festspiele zum ersten Mal Verdis populäre Opernvertonung von Dumas‘ „Kameliendame“. Klar, dass alle Vorstellungen ausverkauft sind, denn diese Oper ist eben ein Blockbuster. Doch ein solches Kammerspiel auf die monumentale Bühne am Bodensee zu bringen, gleicht der Quadratur des Kreises, die selbst ein Könner wie Regisseur Damiano Michieletto nur sehr bedingt lösen kann. Er verlegt die Geschichte der Kurtisane aus dem Paris in der Mitte des 19. Jahrhunderts in die Roaring Twenties. Damit schafft er sich die Möglichkeit für Revue-Theater à la Hollywood von einst.

BREGENZER FESTSPIELE: FOTOPROBE "LA TRAVIATA"

In den großen Festszenen geht das auf. Es wird getanzt und geplanscht wie im Film. Das Wasserballett turnt auch ausgelassen zum „Libiamo“. Michieletto versucht eine Gratwanderung zwischen Opulenz und Kammerspiel. So setzt er beim Fest der Flora Bervoix auf eindrucksvolle optische Effekte, die er mit Details garniert. Die Matadore tanzen aus einem leuchtenden Ring auf. Eine Gestalt, die vermutlich den Stier verkörpert, wird nach dem Vorbild des Entfesselungskünstlers Harry Houdini in eine Kiste gesperrt und im Bodensee versenkt. Wenige Augenblicke später tritt sie am hinteren Bühnenrand wieder auf. Der Effekt verpufft jedoch im Spektakel, wie so vieles in dieser Inszenierung.

BREGENZER FESTSPIELE: FOTOPROBE "LA TRAVIATA"

Mit solchen Einlagen könnte man jede andere Oper auch ausstatten. Verdis Drama wird hier in Plansch-Partys versenkt. Am Ende dringt eine große schwarze Kugel aus den Spiegelscherben. Ist es der Ball des Schicksals, der Violetta überrollt? Auf Großprojektionen wird immer wieder ihre Geschichte eingeblendet. Man sieht, wie sie einen Arzt aufsucht, der ihr ein Mittel in die Hand drückt. Das könnte man auch als Droge deuten.

BREGENZER FESTSPIELE: FOTOPROBE "LA TRAVIATA"

Ein Video zeigt im letzten Akt auf den gebrochenen Spiegelsplittern das glückliche Paar Violetta und Alfredo beim Ausmalen eines Zimmers, was vom Gesang ablenkt. Marjukka Tepponen verkörpert Violetta als reife Frau, die ein spätes Liebesglück erlebt. Das drückt sich in ihrem satten Sopran aus. Beim „Sempre libera“ muss sie im langen, goldenen Kleid durchs Wasser waten. Beim intimen Gespräch mit Germont, der sie zur Aufgabe seines Sohnes auffordert, liegen viele Meter zwischen den Sängern auf der Bühne, was die unüberbrückbare Distanz dieser Personen ausdrücken soll. Das müsste man aber dazuschreiben. 

Während Violettas Sterbeszene springen Blumen aus dem Boden, bis sie zusammenbricht. Fast ständig müssen alle bis zu den Knien im Wasser agieren, das wirkt so, als wäre zufällig ein Haus überflutet.

Julian Behr ist ein sehr blasser Alfredo. Ihm hilft auch die exzellente Tonanlage in Bregenz nichts. Vladimir Stoyanov ist ein beherzter Germont. In den kleineren Partien lässt Angela Simkin als Annina aufhorchen. Kirill Karabits dirigiert mehr Karabits als Verdi. Er führt die Wiener Symphoniker zupackend, trägt in manchen Passagen dick auf, was seine Lesart an die Banalitätsgrenze drängt. Er setzt über weite Strecken auf einen schweren, breiten Sound. Jede Italianità scheint ihm fremd. Gut möglich, dass die Symphoniker in diesem Sommer ihre Flexibilität ausspielen müssen, wenn alternierend der Römer Pietro Rizzo am Pult steht. 

Das Premierenpublikum hatte nach dieser zweistündigen, pausenlosen Aufführung keinen Einwand und beklatschte alle Beteiligten.

KURIER-Wertung: 2,5 Sterne

kurier.at  |  23.07.2026, 12:37