Fußball-WM: David Luiz und das 1:7 Brasiliens gegen Deutschland bei der WM 2014
Wenn es in mehr als tausend WM-Spielen eines gibt, das jeden überforderte, dann dieses. Der Überfordertste heißt David Luiz. An jenem 8. Juli 2014, sieben Tage nachdem ihn Chelsea für 50 Millionen Euro an PSG v...
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Wenn es in mehr als tausend WM-Spielen eines gibt, das jeden überforderte, dann dieses. Der Überfordertste heißt David Luiz. An jenem 8. Juli 2014, sieben Tage nachdem ihn Chelsea für 50 Millionen Euro an PSG verkauft hat, ist er der teuerste Verteidiger der Welt. Und seit vier Tagen, seit seinem phantastischen Freistoß beim 2:1 gegen Kolumbien, der Liebling der Nation – ja, der wichtigste Spieler Brasiliens.
Kapitän und Abwehrchef Thiago Silva ist gesperrt gegen Deutschland. Dem Einzigen, der an die legendäre Spielkunst der „Seleção“ von 1970 oder 1982 heranreichte, Neymar, hat der Kolumbianer Juan Zúñiga einen Lendenwirbel gebrochen. Er fällte den Helden wie einen Baum, er schrie vor Schmerz. Das ganze Land schrie mit. Dann, vor dem Halbfinale, reckt Luiz das gelbe Hemd mit der Nummer zehn und dem Schriftzug „Neymar jr.“ zum Himmel. Tränen fließen. Ein Team im Ausnahmezustand.
Luiz in Tränen aufgelöst
Nach dem Anpfiff platzen die Spieler vor wilder, aber zielloser Energie. Fahrig, ruhelos, verlieren sie schon in der Anfangsphase ihre taktische Disziplin. Allen voran Luiz, der Aushilfskapitän und Aushilfsabwehrchef. Alles zu viel für ihn. Zwei Jahre zuvor, im Finale der Champions League, sagte er vor dem einzigen Chelsea-Eckball zu Schweinsteiger: „And now goal.“ Der freigeblockte Drogba köpfte das Tor, das die Bayern den Sieg kostete.
Nun aber wird Luiz selbst Opfer einer Eckballvariante. Klose, Hummels und Höwedes laufen dem Ball entgegen, nur um Luiz zu blocken. Der rennt in Klose hinein, während Müller sich absetzt und frei zum 1:0 trifft.

Von da an wird Luiz immer unkontrollierter. Startet irre Dribblings. Schlägt sinnlos weite Bälle. Zwei der vier deutschen Tore, die zwischen der 23. und 29. Minute Brasilien in Schockstarre versetzen, folgen auf solch wilde Aktionen. Als das schon da längst entschiedene Spiel erst eine weitere quälende Stunde später zu Ende geht, ist Luiz in Tränen aufgelöst. „Ich wollte nur meinem Volk Freude bereiten“, stammelt er in die Kamera. „All den Menschen, die so viel leiden in unserem Land.“

Aber wie das so ist: „Das Leben geht weiter“, erklärt Trainer Scolari, eine serbo-hessische Lebensweisheit unwissentlich zitierend. Und weiter geht sogar die Karriere der meisten am Debakel beteiligten Spieler. Selbst die von Fred, ein Jahr zuvor nach fünf Toren beim Gewinn des Confed Cup noch gefeiert, beim 1:7 aber von den Fans übel beschimpft. Vom „Strafraum-Raubtier“ Fred war binnen eines Jahres nur noch ein Fredchen übrig. Und doch spielt er weitere acht Jahre in Brasilien. Luiz Gustavo und Hulk, beide bald vierzig, tun das heute immer noch, ebenso wie der damals hilflose Neymar-Ersatz Bernard.
Luiz’ Abwehrpartner Dante hat seine Karriere im Mai 2026 nach zehn Jahren in Nizza mit 42 beendet und kehrt zum FC Bayern zurück, als Trainer der zweiten Mannschaft. Und Luiz selbst? Wurde zum Titelhamster. Spielte nach dem 1:7 für Klubs in vier Ländern, gewann die Europa League, die Copa Libertadores, Meistertitel in England und Frankreich und siebenmal in zwölf Jahren den jeweiligen Landespokal, zuletzt beim FC Paphos auf Zypern. Sein Kopfball gegen Monaco im November machte ihn mit knapp 39 zum zweitältesten Torschützen in der Historie der Champions League. Vor seiner 22. Profisaison sagt er: „Ich spüre immer noch das Feuer in mir.“ Zwölf Jahre nach dem Fegefeuer von Belo Horizonte.