Künstlerstammtisch feiert 92-Jährige mit Akkordeon und eigenem Song

Gisela Nyman packt in der Pizzeria ihr Akkordeon aus und singt ihr selbst komponiertes Geburtstagslied. Der Stammtisch trifft sich jeden Mittwoch – und hat schon eine Straße umbenannt.

  • 3 min read
Künstlerstammtisch feiert 92-Jährige mit Akkordeon und eigenem Song

Stand: 17.07.2026, 06:00 Uhr

Kommentare

Uns auf Google folgen

Frankfurt am Main, 8.07.2026, Stadtteil Heddernheim, Seit zwei Jahren gibt es einen Interkulturellen Stammtisch (jeden Mittwoch)  bei dem sich Liedermacher, andere Künstler, Studenten und Bürger aus der näheren und weiteren Nachbarschaft zum Diskutieren über Kultur, Nachbarschaft und Demokratie treffen - initiiert von Hamidul Khan. hinten mit Bild). Davon links Gitarrenspieler Harald Lange  und die 92jährige Gisela Nyman (mit Akkordeon).Dritte von links Martina Feldmayer (Grüne). (c) FOTO: Rainer Rüffer (Rueffer).

Der Interkulturelle Stammtisch mit Initiator Hamidul Khan (2. v. r), Gitarrist Harald Lange, Gisela Nyman (Mitte, mit Akkordeon) und daneben Martina Feldmayer. © Rainer Rüffer

Gisela Nyman packt in der Pizzeria ihr Akkordeon aus und singt ihr selbst komponiertes Geburtstagslied. Der Stammtisch trifft sich jeden Mittwoch – und hat schon eine Straße umbenannt.

Heddernheim – An Geburtstagen wird gerne gesungen. Auch bei Gisela Nyman. Sie hat zu ihrem kürzlich gefeierten 92. Wiegenfest sogar einen eigenen Song komponiert, in dem sie es so richtig krachen lässt – und sich dabei auf Charlie Chaplin oder gar Johannes Heesters beruft, die dank ihrer Kunst ein hohes Alter erreicht hätten.

Rollschuhartistin und Tänzerin

Nun ja, als Rollschuhartistin oder Tänzerin mit einer Python um den Hals wie in jungen Jahren tritt Nyman heute freilich nicht mehr auf – doch dafür hat sie eine neue Heimat als Sängerin und Musikerin gefunden: den Künstlerstammtisch Heddernheim, wo sie mit Gleichgesinnten gerne noch etwas nachgefeiert hat. Denn in der Pizzeria Al Camino werden bei Pizza, Pasta und Getränken die Stimmen geölt, sodass die begeisterte Runde auch gerne mitsingt, als das Geburtstagskind sein Akkordeon auspackt und „Ich bin Baujahr 34“ anstimmt.

Etwa acht bis zwölf regelmäßige Mitglieder und Gäste treffen sich hier wöchentlich zum Mittagessen, zu besonderen Anlässen können es auch schon mal 20 sein. Die Künstlerinnen und Künstler malen Blumenbilder wie Alexandra Botic, sind mit Gesang und Instrument unterwegs wie Gisela Nyman oder der Liedermacher und Gitarrist Harald Lange, in Literatur und Biografiearbeit daheim wie die türkische Autorin Pupuze Berber oder die Theaterpädagogin Christa Hengsbach. Sie kennen sich in der Kochkunst aus wie die Kenianerin Nancy Acheampong Thuo oder arbeiten an Heddernheimer Filmprojekten wie Karlheinz Platz, der gerne die passende Hymne „Wir, vier, drei, neun“ in Anspielung auf die dortigen Postleitzahlen anstimmt.

Ritual in der Wochenmitte

„Immer regelmäßig in der Mitte der Woche zur Mittagszeit, das passt bei vielen gut, die auch schon im Rentenalter sind“, sagt Hamidul Khan, der den Stammtisch vor zwei Jahren in der Begegnungsstätte in der Aßlarer Straße ins Leben gerufen hat. Gerne kommt er mit seinem Sohn Joy, der nach längerer Pause wieder regelmäßig Trommel und Percussion spielen will. Aber es schließen sich auch gerne weitere Interessierte aus der Nachbarschaft oder der Politik an, wie die Landtagsabgeordnete Martina Feldmayer (Grüne), um auch über gesellschaftliche und politische Themen zu diskutieren.

„Wichtig ist, dass wir unsere Demokratie stärken und unsere Kinder für den zunehmenden Rassismus sensibilisieren“, betont Regine Juch-Edinger von der Initiative „Omas gegen Rechts – Frankfurt Uffbasse!“ Auch die Sängerin und Gitarristin Sibylle Glaab-Igranham organisiert deshalb Lesungen und Kulturveranstaltungen und betreut den Schulchor der Astrid-Lindgren-Schule.

Auch so mancher Anstoß für Heddernheim ging schon von dieser Runde aus. Etwa, als eine nahegelegene neue Straße in Hinblick auf die historische Infrastruktur „An den Heddernheimer Gaswerken“ heißen sollte, obwohl es dort früher in der Nähe auch ein NS-Arbeitserziehungslager gab. „Wir haben über andere Namen gesprochen und auch eine Anregung an den zuständigen Ortsbeirat 8 geschrieben“, erinnert sich Hamidul Khan. Heute heißt die Straße „Landsbergstraße“ nach dem sozialpolitisch engagierten jüdisch-deutschen Ehepaar Anna und Heinrich Landsberg.

Autorinnen nutzen den Stammtisch gerne, um ihre neuen Werke vorzustellen. So liest Dorina Ciubotara aus Moldawien gerne ihre Lyrik- und Prosatexte vor oder erzählt über ihre Schauspielgruppe „Theaterspielend Deutsch lernen“. Pupuze Berber erzählt von ihrem Roman „Reise zum Ende der Lust“ über die Sexreise einer Frau in die Türkei. „Und am 28. August feiern wir Goethes 277. Geburtstag“, kündigt Hamidul Khan an. Mit Gedichten und Gitarre von Harald Lange und Ralf Engel.

Der Mittagsstammtisch findet jeden Mittwoch ab 12 Uhr in der Pizzeria Al Camino im Zeilweg 28 statt.