Kritik an Unterricht ohne Fachkenntnis: „Strukturelles Versagen“? In diesen Fächern fehlen in Saarlands Schulen die Fachlehrer

Die CDU-Abgeordnete Jutta Schmitt-Lang wollte vom Land wissen, wie es um den fachfremden Unterricht an saarländischen Schulen bestellt ist. Die Befunde sind in Teilen alarmierend. Insbesondere in drei Fächern fehlen Fachlehrer.

  • 5 min read
Kritik an Unterricht ohne Fachkenntnis: „Strukturelles Versagen“? In diesen Fächern fehlen in Saarlands Schulen die Fachlehrer

Kritik an Unterricht ohne Fachkenntnis „Strukturelles Versagen“? In diesen Fächern fehlen in Saarlands Schulen die Fachlehrer

Saarbrücken · Die CDU-Abgeordnete Jutta Schmitt-Lang wollte vom Land wissen, wie es um den fachfremden Unterricht an saarländischen Schulen bestellt ist. Die Befunde sind in Teilen alarmierend. Insbesondere in drei Fächern fehlen Fachlehrer.

29.08.2026 , 08:08 Uhr

Immer weniger Mathe-Fachlehrer, immer weniger Mathe-Grundkenntnisse der Schüler: Fachfremder Unterricht verstärkt Letzteres noch.

Immer weniger Mathe-Fachlehrer, immer weniger Mathe-Grundkenntnisse der Schüler: Fachfremder Unterricht verstärkt Letzteres noch.

Foto: Marijan Murat/dpa/Marijan Murat

Wenn kommende Woche die neuen Pisa-Ergebnisse in Sachen Mathematikkenntnisse veröffentlicht werden, dürfte dem deutschen Bildungssystem ein weiterer Nackenschlag ins Haus stehen. Sofern die Gerüchte stimmen, ist deutschlandweit mit einem gravierenden Rückgang der Rechenkünste der Schülerinnen und Schüler zu rechnen.

Umso wichtiger sind gute Mathematiklehrer. Genau da liegt das nächste Problem: Der bekannte Mangel an Nachwuchskräften in Mint-Fächern (Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften) macht die Vermittlung mathematischer Grundfertigkeiten, die offenbar immer seltener ausreichend erlernt werden, nicht leichter.

Mehr als ein Viertel fachfremder Matheunterricht

Das ist, grob gesprochen, die Ausgangslage, die mit zu bedenken ist, wenn man die jüngsten Antworten der SPD-Landesregierung auf eine parlamentarische Anfrage der CDU-Abgeordneten Jutta Schmitt-Lang einzuordnen versucht. Demnach wurde Mathematik an saarländischen Gemeinschaftsschulen (GemS) zuletzt in mehr als einem Viertel aller Fälle fachfremd unterrichtet.

59 Bilder

Jetzt wird gefeiert: Das sind die Abschlussklassen 2026 im Saarland

59 Bilder

Foto: Jennifer Kuhn

Nähere Angaben darüber, wie sehr fachfremd unterrichtet wird, gibt es nicht. Sprich, ob etwa naheliegenderweise eine Physik-Lehrkraft einspringt oder aber ein Englisch- oder Biologie-Lehrer. „Fachfremder Unterricht mag im Einzelfall nötig sein. In diesem Umfang ist er jedoch Ausdruck eines strukturellen Versagens“, kommentiert Schmitt-Lang den Befund ihrer Regierungsanfrage.

Auch in Kunst und Musik ist es gravierend

 „Fachfremder Unterricht mag im Einzelfall nötig sein. In diesem Umfang ist er jedoch Ausdruck eines strukturellen Versagens“, meint die CDU-Abgeordnete Jutta Schmitt-Lang.

„Fachfremder Unterricht mag im Einzelfall nötig sein. In diesem Umfang ist er jedoch Ausdruck eines strukturellen Versagens“, meint die CDU-Abgeordnete Jutta Schmitt-Lang.

Foto: BeckerBredel

Während an den GemS in Mathematik laut Angaben des Ministeriums für Bildung und Kultur (MBK) 26,1 Prozent der Stunden fachfremd unterrichtet werden (im letzten Schuljahr 1.454 der 5.563 dort in Klasse 5 bis 10 zu haltenden Mathe-Wochenstunden), ist das Defizit in den musisch-kulturellen Fächern noch gravierender. Der Missstand ist seit Jahren bekannt. In Kunst werden an GemS im Schnitt zwei von drei Unterrichtsstunden fachfremd unterrichtet, in Musik liegt der Anteil bei 42 Prozent.

„Das eigentliche Problem sind nicht nur zu wenige Lehrkräfte“, folgert für die bildungspolitische CDU-Sprecherin. „In vielen Fächern fehlen offenbar die entsprechend qualifizierten Lehrkräfte, sodass Unterricht in erheblichem Umfang von Lehrkräften ohne die jeweilige Fachlehrerbefähigung übernommen wird.“

Laut Statistik des MBK sind an saarländischen Gemeinschaftsschulen derzeit 511 Mathe-Fachlehrkräfte im Einsatz (plus 92 in Bildende Kunst und 94 in Musik). Wollte man dort künftig jeden fachfremden Matheunterricht ausschließen, bräuchte es rund 55 zusätzliche Fachlehrer, sofern diese ihr gesamtes Lehrdeputat (27 Wochenstunden) ausschließlich in Mathe ableisten würden.

 Wegen des Klassenlehrerprinzips an Gemeinschaftsschulen sei fachfremder Unterricht dort „gängige Praxis“, sagt die SLLV-Gemeinschaftsschulreferentin Britta Magenreuter.

Wegen des Klassenlehrerprinzips an Gemeinschaftsschulen sei fachfremder Unterricht dort „gängige Praxis“, sagt die SLLV-Gemeinschaftsschulreferentin Britta Magenreuter.

Foto: Robby Lorenz

Die Einstellungsbilanz des Bildungsministeriums

Auf SZ-Anfrage listet das Bildungsministerium auf, dass seit 2020 an den Gemeinschaftsschulen 96 Mathematiklehrkräfte eingestellt wurden, während im selben Zeitraum 44 ausschieden (Gymnasien: 81 Neueinstellungen, 45 Ausgeschiedene). Um mehr Mathelehrer zu gewinnen, bietet die Saarbrücker Uni seit einem Jahr einen Quereinstiegsmaster Mathematik an.

Besonders krass ist laut der MBK-Antwort auf unsere Anfrage das Missverhältnis in Kunst. An den Gemeinschaftschulen wie auch an den Gymnasien sind seit 2020 mehr Fachlehrer aus dem Dienst ausgeschieden als nachkamen: Den 20 Neueinstellungen in Kunst an GemS stehen 44 Abgänge gegenüber (Gymnasien: 22 ausgeschiedene und 14 eingestellte Kunstlehrkräfte). Etwas besser sieht es in Musik aus (Ausgeschiedene an GemS bzw. Gym: 21 bzw. 24; Eingestellte an GemS bzw. Gym: 13 bzw. 23).

Hier die Gymnasien, da die Gemeinschaftsschulen

Dass die Situation, was fachfremden Unterricht in weiterführenden Schulen anbelangt, an den Gymnasien mit Blick auf den gesamten Fächerkanon weitaus entspannter ist, hat mit den unterschiedlichen pädagogischen Leitbildern zu tun. Da Gymnasien im Regelfall zum Abitur führen, erfordert dies eine tiefgehendere fachliche Stoffvermittlung. Während dort das Fachlehrerprinzip von jeher groß geschrieben wird, setzt man an den Gemeinschaftsschulen stärker auf das Klassenlehrerprinzip. Dies schließt ein, dass Klassenlehrer mehrere Fächer unterrichten.

Anruf bei Britta Magenreuter, der Gemeinschaftsschulreferentin des SLLV (Saarländischer Lehrerinnen- und Lehrerverband): Sie erzählt, dass sie als Deutsch- und Englischlehrerin an ihrer GemS in diesem Jahr eingewilligt habe, fachfremd Musik zu unterrichten. „Anders hätte ich als Klassenlehrerin einer siebten Klasse nur fünf meiner 25 Schüler zweimal die Woche in Englisch gesehen.“ Wie das? Das liegt an dem an den Gemeinschaftsschulen in Englisch und Mathematik ab Klassenstufe 7 (und in Deutsch ab Klasse 9) greifenden Kurssystem und seiner den Klassenverband auflösenden Aufteilung in Grund- und Erweiterungskurse. Wegen des Klassenlehrerprinzips sei das so oder anderer Kombination „gängige Praxis im Land“.

Die Folgen der Gemeinschaftsschulverordnung

Und da ist noch ein Punkt: Laut der neuen Gemeinschaftsschulverordnung werden die Fächer Biologie, Chemie und Physik in den Klassenstufen 7 und 8 als Fach „Naturwissenschaften“ gelehrt. Genauso wie Erdkunde, Sozialkunde und Geschichte von der 7 bis zur 10 als Einheitsfach „Gesellschaftswissenschaften“ laufen. Das Problem: Da die meisten Lehrkräfte nur eines der jeweiligen Fächer studiert hätten, würden „die jeweils anderen Fächer also quasi immer fachfremd unterrichtet“, so die SLLV-Gemeinschaftsschulreferentin. Gerade in den MINT Fächern könnten dadurch teils Experimente nicht durchgeführt werden, sodass nicht nur dort Fachtiefe verloren gehe.

Magenreuter macht noch auf ein weiteres Problem des fachfremden Unterrichtens aufmerksam: Weil die GemS einen Teil ihrer Schülerschaft auch zum Abitur führen, fallen etwa die 26 Prozent an Unterrichtsstunden im Fach Mathematik, die nicht von ausgebildeten Fachkräften gelehrt werden, umso mehr ins Gewicht. „Da ist dann schon die Frage, ob wir auch für die Qualität des Unterrichts bürgen können“, gibt Magenreuter zu bedenken.

Schmitt-Lang: In zentralen Fächern keine Fachlehrer

Schmitt-Lang kritisiert, dass „über Jahre hinweg in zentralen Fächern von Lehrkräften unterrichtet wird, die dafür gar nicht ausgebildet sind“. Mit Blick auf die bekannten Defizite in Deutsch, Mathematik und Englisch folgert sie, dass sich insoweit „niemand über sinkende Bildungsleistungen wundern“ dürfe.

In ihrer kleinen Anfrage hat die CDU-Politikerin, die von Haus aus Gymnasiallehrerin für Deutsch und Französisch ist, auch wissen wollen, wie es um den fachfremden Anteil in ihrem Leib-und-Magen-Fach Französisch steht. Mit sechs Prozent bleibt er der Anteil überschaubar. Nicht selten übernehmen Spanischlehrkräfte den Französischpart. Dass das Ministerium zur Begründung anführt, dass „die Didaktik und Methodik des Fremdsprachenunterrichts grundsätzlich ähnlich“ sei, nennt Schmitt-Lang „haarsträubend“, weil nicht nur die spezifische Fremdsprachenkompetenz fehle, sondern damit auch der Wortschatz. (oli)

  • Saarbrücken

  • Saarland

  • Landespolitik

  • Zur Startseite