KI und Autismus: Ein Spektrum von Chancen und Risiken

Menschen haben unterschiedliche Perspektiven auf die Welt. Jedes Gehirn ist anders verschaltet: Aus Milliarden Nervenzellen und ihren unzähligen möglichen Verbindungen entsteht bei jedem Menschen ein individuel...

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KI und Autismus: Ein Spektrum von Chancen und Risiken

Menschen haben unterschiedliche Perspektiven auf die Welt. Jedes Gehirn ist anders verschaltet: Aus Milliarden Nervenzellen und ihren unzähligen möglichen Verbindungen entsteht bei jedem Menschen ein individuelles neuronales lebendiges Netzwerk.

Diese neuronale Vielfalt macht menschliche Neurodiversität daher zum Normalfall. Von Neurodivergenz spricht man, wenn Wahrnehmung, Denken und Informationsverarbeitung von dem abweichen, was als neurotypisch – also als „normal“ – gilt.

Vielleicht ist es der Kollege am Schreibtisch gegenüber, die Frau aus der Buchhandlung oder das Kind in der Nachbarschaft: Schätzungen zufolge sind etwa 15 bis 20 Prozent der Bevölkerung neurodivergent – grob jeder siebte bis jeder fünfte Mensch. Autismus, ADHS, Legasthenie, Dyskalkulie und andere Formen neurologischer Vielfalt sind damit längst Teil unseres gesellschaftlichen Alltags, auch wenn Neurodivergenz häufig unsichtbar bleibt.

Vereinfacht könnte man sagen: Autismus ist ein anderes Betriebssystem. Nicht besser oder schlechter, aber anders. Dieselbe Welt liefert die Daten – doch die Informationen werden anders verarbeitet, gewichtet und miteinander verknüpft.

Autismus, gesellschaftliche Normen und die Chance anderer Perspektiven

Das kann für den einzelnen Menschen zum Problem werden, wenn gesellschaftliche Normen, Standards und Erwartungen überwiegend an neurotypischen Wahrnehmungs-, Kommunikations- und Verhaltensweisen ausgerichtet sind. Doch vielleicht liegt gesellschaftlicher Fortschritt nicht nur darin, Unterschiede zu tolerieren, sondern darin, ihren Wert zu erkennen: Was von der „Normalität“ abweicht, muss nicht zwangsläufig ein Defizit sein. So kann eine andere Perspektive der Weg zu einer Lösung sein, denn wer ein Problem mit einer anderen Aufmerksamkeit wahrnimmt und anders durchdenkt, erkennt möglicherweise Dinge, Muster, Zusammenhänge und Lösungen, die anderen entgehen.

Gerade Menschen, die nicht selbstverständlich vorgegebenen Denkmustern folgen, können Annahmen infrage stellen und Probleme aus ungewohnten Perspektiven (think outside the box) betrachten. Was geschieht also, wenn dieses „andere Betriebssystem“ auf eine Technologie trifft, die selbst verändert, wie wir denken, arbeiten und Probleme lösen? Genau diesem Spannungsfeld zwischen Chancen und besonderen Perspektiven, Risiken und neuen Abhängigkeiten widmete sich die diesjährige Fachtagung „KI trifft Autismus“ von Autismus Schweiz.

Autismus als neurodivergente Stärke im digitalen Zeitalter

Menschen im Autismus-Spektrum haben eine andere Wahrnehmung, da bei ihnen weniger Reize durch das Gehirn gefiltert werden. Der Alltag mit seinen ungeschriebenen sozialen Regeln und vielen Umweltreizen ist daher mit Schwierigkeiten verbunden. Sie leben in „einer intensiveren, fragmentierteren und aversiveren Welt“, wobei das je nach Mensch „in unterschiedlichen Ausmaßen und Kombinationen“ zutrifft, erklärt Professor André Frank Zimpel.

Was in der einen Situation als Defizit eines Menschen auftritt, kann in einem anderen Kontext unter den richtigen Bedingungen in eine Stärke umgewandelt werden. Diskriminierung führe dazu, dass Talente ihre Potenziale nicht entfalten können. Zimpel leitet das Hamburger Zentrum für Neurodiversitätsforschung und möchte mit seiner Arbeit die Potenziale neurodivergenter Menschen sichtbar machen.

Das Internet sieht der Experte als „ein ideales Medium für Menschen im Autismus-Spektrum“, das für sie zu einer „Art goldenem Tor zur Welt“ wurde. Denn wer in der analogen Welt von Reizen überfordert ist und sich in der Wohnung isoliert, kann durch das Internet trotzdem Anschluss finden. Und wenn es zu viel wird, einfach den Computer ausschalten.

Neurodivergente Talente für IT, KI und Cybersecurity

Menschen im Autismus-Spektrum haben häufig eine Vorliebe für Systeme, Strukturen und Ordnung. Zimpel führt als mögliche Stärken vor allem Detailerkennung, Mustererkennung, Wiederholungstoleranz und unterschiedliche Formen des Denkens an. Gerade in IT und KI könnten solche Eigenschaften von Vorteil sein. Eigene Untersuchungen seines Zentrums für Neurodiversitätsforschung liefern Hinweise darauf, dass nichtsprachliche Formen der Informationsverarbeitung, wie das Denken in Bildern, bei Menschen im Autismus-Spektrum häufiger vorkommen könnten.

Seit Jahren ist Zimpel der Überzeugung, dass die KI-Entwicklung ohne neurodivergente Personen nicht weiter komme. Vorläufige Untersuchungen deuten zudem darauf hin, dass Personen im Autismus-Spektrum bei bestimmten Aufgaben eine etwa vierfach niedrigere Fehlerhäufigkeit aufweisen könnten als neurotypische Personen. Zimpel bringt diesen Befund unter anderem mit einem erweiterten Aufmerksamkeitsumfang in Verbindung. Dieser Befund ist allerdings bislang unveröffentlicht und nach seiner eigenen Einschätzung noch nicht ausreichend abgesichert.

Auch seine Schätzung, dass rund 30 Prozent der KI-Entwickler im Autismus-Spektrum sein könnten, bezeichnet Zimpel ausdrücklich nicht als empirischen Befund. Ausgangspunkt sind unter anderem Studien, die eine Überrepräsentation autistischer Beschäftigter in IT und anderen technischen Berufsfeldern zeigen. Die Schätzung beruht jedoch auf einer Überschlagsrechnung mit Annahmen über die Autismusprävalenz und darüber, wie viel häufiger autistische Menschen in der KI-Entwicklung tätig sein könnten. Belastbare Daten zu ihrem tatsächlichen Anteil gibt es derzeit nicht.

Einen möglichen Nutzen unterschiedlicher Denkstile sieht Zimpel auch in der Cybersecurity. Auch Hacker würden seiner Aussage zufolge häufig in Bildern denken. Im Cybersecurity-Bereich würden nicht nur Menschen gebraucht, die Checklisten abarbeiten, sondern auch welche, die neue Angriffsmöglichkeiten prüfen. Ein Cyberangriff könne nichtlineares Denken, Szenarienbildung und Perspektivwechsel erfordern. Unternehmen suchten deshalb zunehmend nach Menschen, die in Bildern denken, um möglichen Angriffen zuvorzukommen.

Wie Tech-Unternehmen neurodivergente Fachkräfte rekrutieren

Tatsächlich suchen Tech-Unternehmen teils schon seit Jahren gezielt nach neurodivergenten Menschen, um ihre Teams diverser zu machen und von ihren Vorteilen zu profitieren. Während allerdings Microsoft mit seinem Neurodiversity Hiring Program, Google beim Autism Career Program und Neuroinklusivität bei SAP den Inklusions- und Diversitätsgedanken bei ihrer Suche nach neurodivergenten Talenten betonen, erklärt Palantir Neurodivergenz selbst zum strategischen Wettbewerbsvorteil für den technologischen Vorsprung. Palantirs Neurodivergent Fellowship ist „keine Diversity-Initiative“, sondern ein „Rekrutierungspfad für außergewöhnliches neurodivergentes Talent“. Mustererkennung, Hyperfokus und nichtlineares Denken seien im KI-Zeitalter gerade jene Eigenschaften, die neurodivergente Menschen außergewöhnlich machten. Nach Darstellung des Unternehmens befähigen sie sie sogar zur „Dominanz“ – dazu, „Elite-Baumeister“ der nächsten technologischen Ära zu werden.

Zwischen Potenzial und Alltagshürden: Autismus auf dem Arbeitsmarkt

Doch auch wenn einzelne Unternehmen die Stärken von Autisten hervorheben und gezielt nach besonderen Talenten suchen, lassen sich nicht alle Defizite immer in Potenziale umwandeln. André Zimpel betont: „Es gibt die Probleme im Alltag, die sollte niemand kleinreden. Es wäre fahrlässig zu sagen, Autismus wäre eine Superpower und es ist toll, im Autismus-Spektrum zu sein.“

Erhebungen zeigen, dass trotz teilweise hoher Qualifikationen ein großer Teil autistischer Menschen vom regulären Arbeitsmarkt ausgeschlossen bleibt. Wie groß die Beschäftigungslücke ist, hängt stark von Land, Stichprobe und Definition ab. Autism-Europe spricht unter Berufung auf verschiedene Studien von Arbeitslosenquoten zwischen 75 und 90 Prozent. Aktuelle britische Regierungsdaten zeigen, dass nur rund 31 Prozent autistischer Menschen im Erwerbsalter beschäftigt sind. Auch deutsche Studien weisen auf eine deutlich schlechtere Arbeitsmarktintegration hin als in der Allgemeinbevölkerung.

Im Ingenieurs- und IT-Bereich sind Menschen im Autismus-Spektrum schätzungsweise zwar häufiger anzutreffen, aber so verschieden wie die Menschen sind, sind auch ihre Berufswünsche. Das Klischee vom Autisten als IT-Nerd oder jemandem, der gerne in der Informatik arbeiten will, trifft eben nicht auf alle zu. Zimpel setzt sich deshalb für „Neuroinklusivität“ ein, er möchte „eine menschenfreundlichere Welt“, in der es darum geht, „Vorteile für alle Menschen rauszuholen, indem wir Diversität mehr schätzen lernen und mehr darauf schauen“. Es gehe nicht um die Frage: Wie passe ich die Menschen an die Umwelt an? Sondern wie sich die Umwelt an die Menschen anpassen lässt.