In der Hölle des Boulevard-Journalismus
Daniel Sager hat sich mit preisgekrönten Dokumentarfilmen über Journalismus einen Namen gemacht. Mit seinem Spielfilmdebüt „Bis es blutet“ trägt er das Thema nun in die Fiktion. Elisa Schlott spielt eine junge Boulevard-Journalistin, die Karriere machen will. Heiligt „die Story“ sämtliche Mittel?
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Stand: 03.09.2026, 08:00 Uhr
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Daniel Sager hat sich mit preisgekrönten Dokumentarfilmen über Journalismus einen Namen gemacht. Mit seinem Spielfilmdebüt „Bis es blutet“ trägt er das Thema nun in die Fiktion. Elisa Schlott spielt eine junge Boulevard-Journalistin, die Karriere machen will. Heiligt „die Story“ sämtliche Mittel?
Die junge Journalistin Agatha Novak (Elisa Schlott), die alle nur Aga nennen, arbeitet für ein großes News-Portal. Das hat sich dem Boulevard verschrieben. Als irgendwo in Hessen die Tochter eines Unternehmers verschwindet, wird sie mit dem Fotografen Thorsten von Hagen (Franz Pätzold) in die Provinz geschickt, um eine knallige Story zu liefern. Das Thriller-Drama „Bis es blutet“ (ab 4. September im Stream) erzählt vom Boulevard-Journalismus in seiner härtesten Form.

Daniel Sager, Regisseur und Co-Autor (mit Oskar Sulowski) dieses Spielfilmdebüts, ist kein Unbekannter. Mit Dokumentarfilmen wie „Hinter den Schlagzeilen“ über die Arbeit von Investigativ-Journalisten bei der „Süddeutschen Zeitung“ oder „Inventing Truth“ (Sky) über die Relotius Affäre - ausgezeichnet mit dem Deutschen Fernsehpreis - tat sich Sager als ein sensibler Fachmann für Journalismus-Themen hervor.
Ganz und gar unsensibel sind hingegen die Methoden, mit denen Aga und Hagen vor Ort arbeiten. Gemeinsam mit anderen Journalisten, die in Konkurrenz zueinander arbeiten, haben sie sich in einem schmucklosen Hotel eingemietet. Wer wird als Erster an eine große Story herankommen? Die Lage vor Ort ist schwierig, weil die Eltern der Verschwundenen scheinbar sämtliche Reporter zurückweisen - und nicht reden wollen. Von ihrem skrupellosen Chef (Thomas Loibl) wird Aga eingebleut, dass sie erfolgreich sein sollte, damit es für sie beim Medium weitergeht. Ihr zynischer Foto- und Filmpartner Hagen hat längst sämliche Zurückhaltung gegenüber den härtesten Methoden des Boulevards über Bord geworfen. Er und Aga entwickeln einen Plan, wie ihr Auftrag trotz großer Widerstände zur Erfolgsstory werden soll. Dabei haben sie nicht nur die Mutter der Vermissten (Malina Ebert) im Blick, sondern auch einen jungen Afrikaner (Francisco Akudike), der mit der Unternehmer-Tochter bekannt war.
Insider-Thriller mit fadem Beigeschmack?
Der Journalismus-Klassiker „Die Unbestechlichen“ (1976) mit Dustin Hoffman und Robert Redford über die Aufdeckung der Watergate-Affäre gilt als leuchtendes Beispiel fiktionaler Filmkunst, wenn es darum geht, zu zeigen, dass die Presse ein wichtiger Teil der demokratischen Gesellschaft ist. Entsprechend könnte man „Bis es blutet“ ans andere Ende einer Skala mit Filmen über den moralischen Ethos des Journalismus packen. Mitunter aberwitzig böse, wenn auch womöglich gut recherchiert, werden im ZDF-Fernsehspiel die härtesten Arbeitsmethoden mancher Boulevard-Journalistinnen und Journalisten aufgezeigt. Da geht es um Insider-Begriffe wie „grätschen“, „Witwenschütteln“, um das Durchwühlen von Müll von Zielpersonen oder den perfiden Einsatz von Suggestivfragen, um gewünschte Statements zu erhalten. Über den Umgang mit einzelnen Menschen hinaus erzählt der Film auch von der Arbeit mit dem Hass und dem Zwiespaltsähen in der Gesellschaft. Im Film erscheint es als eine moralfreie Arbeit, die einzig und allein das Ziel verfolgt, Klicks und Aufmerksamkeit zu erzielen.
Wer mit Daniel Sagers herausragenden Dokumentarfilmen über Journalismus vertraut ist, erkennt dessen Handschrift in „Bis es blutet“ kaum wieder. Während Sagers Dokus von großer Zurückhaltung und Präzision geprägt sind, knallt es in seinem fiktionalen Blick auf den Boulevard-Journalismus ordentlich. Nicht wenige Typen - gerade Thomas Loibl als Chef - sind so böse gezeichnet, dass man sie beinahe als „Larger than life“-Charaktere bezeichnen muss. Elisa Schlott spielt ihre Rolle mit großer Hingabe, auch Frank Pätzold macht seine Sache gut. Trotzdem hätte der Geschichte ein wenig mehr Zurückhaltung und Grautöne bei den Charakteren fast gutgetan. Relevanz hat das ganze dennoch: „Bis es blutet“ war für den Grimme-Preis nominiert.
Man lernt in diesem Film eine Menge über Methoden und Motivation des Klick-Journalismus, hat aber nach knapp 90 Minuten sicher keine bessere Meinung von einer Branche, die nach wie vor die Demokratie mit am Laufen hält. Dass man dem Journalismus alles erdenklich Schlechte wünscht - wie vielleicht manche Zuschauer nach Ansicht des Fernsehspiels -, dürfte nicht im Sinne der Macher sein. (Dieser Artikel entstand in Kooperation mit teleschau.)