Katharina Wagner über 150 Jahre Bayreuther Festspiele
Für Katharina Wagner gehört die Aufarbeitung von Antisemitismus und Nationalsozialismus in der Familientradition zur Aufgabe der Bayreuther Festspiele. Doch Richard Wagners Kunst erschöpft sich darin nicht.
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Katharina Wagner ist die Urenkelin Richard Wagners. Seit 2015 leitet sie die Bayreuther Festspiele. Die 150-Jahrfeier ist ihr nicht nur Anlass zum Feiern.
Noch bevor die Bayreuther Festspiele diesen Freitag beginnen werden, gab es bereits eine unschöne Auseinandersetzung um die Absage beziehungsweise Verschiebung eines Vortrags von Michel Friedman zum Antisemitismus Richard Wagners und dessen politischen Folgen. Wie konnte es so weit kommen?
Rückblickend handelte es sich um eine Verkettung organisatorischer und sicherheitsrelevanter Fehleinschätzungen. Als mir der Vorgang bekannt wurde, habe ich mich der Sache sofort angenommen, weil für mich von Anfang an feststand, dass diese wichtige Veranstaltung stattfinden muss. Herr Friedman hat zu diesem Thema außerordentlich Bedeutsames zu sagen. Gerade deshalb war ich überzeugt, dass der Vortrag in der Premierenwoche – der Woche mit der größten medialen Aufmerksamkeit – stattfinden muss. Ich habe mich persönlich bei Herrn Friedman entschuldigt, und bin ihm sehr dankbar, dass er meine Entschuldigung angenommen hat. Umso mehr freut es mich, dass die Veranstaltung nun wie ursprünglich geplant stattfinden kann.
Das Polizeipräsidium Oberfranken behauptete, ursprünglich nicht in die Vorbereitung der Veranstaltung einbezogen worden zu sein. Wer hat denn die Sicherheitsbedenken geltend gemacht?
Die Sicherheitsbedenken wurden hausintern im Zusammenhang mit den technisch-organisatorischen Abläufen rund um die Premiere von „Rienzi“, die am selben Tag stattfindet, geäußert. Diese Bedenken konnten ausgeräumt werden, sodass die Veranstaltung nun wie geplant stattfinden kann. Selbstverständlich wurden die zuständigen Polizeibehörden informiert und in die weiteren Abstimmungen einbezogen.

Sven Fritz und Jens Geiger-Kiran, die gegenwärtigen Kuratoren der Ausstellung „Verstummte Stimmen“, meldeten Vorbehalte gegen die Verwendung dieses Titels für die Veranstaltung mit Michel Friedman an. Sie beklagen eine bislang fehlende Kooperation mit den Festspielen. Haben Sie sich einigen können?
Ja. Wir haben inzwischen sehr produktiv miteinander gesprochen und eine einvernehmliche Lösung gefunden. Mir war es wichtig, die Bedenken der Kuratoren ernst zu nehmen. Die Ausstellung „Verstummte Stimmen“ steht für eine langjährige und wichtige Form der Erinnerungsarbeit, der wir mit großem Respekt begegnen. In unserem Gespräch ist es gelungen, Missverständnisse auszuräumen und einen Weg zu finden, der sowohl der Bedeutung der Ausstellung als auch der Gedenkveranstaltung gerecht wird. Darüber freue ich mich sehr.
Michel Friedman hat in einer ersten Reaktion die Ernsthaftigkeit der Bayreuther Festspiele bei der Aufarbeitung des Antisemitismus Richard Wagners und weiterer Familienmitglieder bestritten. Auch Anno Mungen erhebt jetzt in seinem neuen Buch „Von Bayreuth nach Auschwitz“ den Vorwurf, diese Aufarbeitung fände nur halbherzig statt. Wie nehmen Sie diesen Vorwurf, der ins Grundsätzliche zielt, auf?
Ich nehme diesen Vorwurf sehr ernst, gerade weil wir uns unserer Geschichte nicht entziehen wollen. Die Auseinandersetzung mit ihr ist keine Aufgabe, die irgendwann abgeschlossen ist. Deshalb stellen wir uns dieser Verantwortung seit vielen Jahren auf unterschiedlichen Ebenen: durch wissenschaftliche Forschung, Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen, aber vor allem durch die künstlerische Auseinandersetzung auf der Bühne. Dazu gehört auch, dass bewusst Regisseure eingeladen wurden, die sich mit der Rezeptionsgeschichte Wagners, mit ideologischen Vereinnahmungen und mit den historischen Verflechtungen der Festspiele auseinandergesetzt haben. Die Wissenschaft hat Erkenntnisse geliefert, die Kunst hat Perspektiven eröffnet, und der öffentliche Diskurs hat geholfen, beides immer wieder kritisch einzuordnen. Mir ist bewusst, dass Intensität und Form dieser Aufarbeitung unterschiedlich bewertet werden können. Entscheidend ist für mich, dass sie unabhängig, kritisch und ergebnisoffen erfolgt. Die Einladung an Michel Friedman ist Ausdruck genau dieses Selbstverständnisses: Gerade ein Jubiläum darf sich nicht auf das Feiern beschränken, sondern muss auch Anlass sein, sich den schwierigen Kapiteln der eigenen Geschichte zu stellen.

Nun haben Sie gemeinsam mit Ihren Cousinen Nike, Daphne und Ihrem Cousin Wolf Siegfried Ihren Teil der Familiennachlässe aus dem Wolfgang- und dem Wieland-Stamm vorbehaltlos der Forschung zur kritischen Aufarbeitung übergeben; und 2018 lautete während der Festspiele im „Diskurs Bayreuth“ das Thema „Sündenfall der Künste? – Richard Wagner und der Nationalsozialismus“. Muss Sie das nicht persönlich treffen, wenn die Ernsthaftigkeit Ihrer Aufklärungsabsicht in Zweifel gezogen wird?
Natürlich wünsche ich mir, dass die Anstrengungen, die wir seit vielen Jahren unternehmen, auch gesehen werden. Aber die Auseinandersetzung mit der Geschichte der Bayreuther Festspiele ist kein Wettbewerb um Anerkennung. Nahezu alle Teile der Familie haben ihre Nachlässe der Forschung zugänglich gemacht. Ein Teil steht bislang noch nicht zur Verfügung, aber der weit überwiegende Teil kann heute wissenschaftlich ausgewertet werden. Für mich ist das ein wichtiges Zeichen von Transparenz. Natürlich trifft es mich, wenn die Ernsthaftigkeit dieser Bemühungen infrage gestellt wird. Gleichzeitig weiß ich, dass Vertrauen nicht durch Erklärungen entsteht, sondern durch konsequentes Handeln.
Micha Brumlik hatte 2018 im „Diskurs Bayreuth“ Thomas Manns Satz, es stecke viel Hitler in Wagner, bekräftigt, aber ebenso dringlich nachgesetzt: „Was noch“? Haben Sie Antworten?
Richard Wagner war zweifellos Antisemit, und diese Haltung ist nicht zu relativieren. Seine Bedeutung als Komponist und seine musikalische Leistung stehen davon unabhängig fest, müssen aber zugleich immer im historischen Kontext seiner Schriften und Weltanschauungen betrachtet werden.

Was ist für Sie – angesichts von 150 Jahren Kontinuität – unveräußerlich an den Bayreuther Festspielen?
Die einzigartige Akustik – ganz klar. Der Orchestergraben ist in seiner Bauweise weltweit einmalig. Das gehört zu dem, was wir nicht preisgeben würden. Und natürlich die künstlerische Freiheit. Viele Gäste kommen nach Bayreuth, weil hier eine besondere Kontinuität zusammenkommt: die des Hauses, des Repertoires und in gewisser Weise auch der Institution selbst. Diese Verbindung prägt den Charakter der Festspiele wesentlich.
Wenn Sie als Erstes das Gebäude mit seiner Akustik so stark machen, heißt das, der Rest, also das Repertoire und die Bindung an die Familie, wäre verhandelbar?
Die Akustik und der Orchestergraben sind ein zentraler Bestandteil des Hauses und prägen die Festspiele in besonderer Weise. Das ist unbestritten. Daraus folgt aber nicht, dass der Rest verhandelbar wäre. Im Moment ist eine Erweiterung des Repertoires nicht möglich, solange wir an die Stiftungssatzung gebunden sind. Sie legt fest, dass das Festspielhaus im Kern den Bühnenwerken Richard Wagners gewidmet ist – vom „Fliegenden Holländer“ bis zum „Parsifal“. Mit Zustimmung der Familie und in enger Abstimmung mit dem Stiftungsrat ist es gelungen, in diesem besonderen Jubiläumsjahr „Rienzi“ erstmals auf der Bühne des Festspielhauses zu präsentieren.
Nun kommen in Bayreuth vermehrt ganz neue Technologien zum Einsatz: zunächst die Augmented-Reality-Brillen im „Parsifal“, jetzt Künstliche Intelligenz für Bühnenprojektionen im „Ring des Nibelungen“. Was versprechen Sie sich davon fürs Theater?
Wenn diese Technologien – wie im aktuellen „Ring“-Projekt unter der Leitung von Marcus Lobbes – ernsthaft künstlerisch eingesetzt werden, können sie das klassische Bühnenbild sinnvoll erweitern und oder ergänzen. Das eröffnet Möglichkeiten, die in dieser Form bislang nicht denkbar waren. Spannend ist dabei, dass KI keine statischen Ergebnisse erzeugt, sondern Varianten erzählt. Dadurch entstehen für Künstlerinnen und Künstler wie auch für das Publikum neue, nicht vollständig vorhersehbare Wahrnehmungsräume.
Ist das nicht der Abschied vom Deuten und Interpretieren durch Menschen?
So kann man das interpretieren, aber das ist nicht mein Verständnis. Ich sehe KI nicht als Ersatz für Regie oder Interpretation, sondern als Erweiterung der künstlerischen Mittel. Die menschliche Deutung bleibt zentral – KI kommt als zusätzliches Werkzeug hinzu.
Steht das in Kontinuität zu dem, was bislang in Bayreuth stattfand? Oder ist es eine Zäsur?
Die Bayreuther Festspiele waren in ihrer Geschichte immer offen für neue künstlerische Impulse. Insofern sehe ich darin keine Zäsur, sondern eine Weiterentwicklung dieser Haltung. Gerade an einem Ort, der sich seit 150 Jahren intensiv mit Wagner auseinandersetzt, ist es folgerichtig, auch neue technologische Möglichkeiten in die künstlerische Arbeit einzubeziehen.
Richard Wagner selbst war durchaus technikbesessen. Für die erste „Ring“-Aufführung vor 150 Jahren ließ er durch Carl Brandt eine aufwendige Bühnenmaschinerie konstruieren, die den Eindruck hervorrufen sollte, die Rheintöchter würden schwimmen.
Ja, durchaus. Wagner war, Überlieferungen zufolge, technischen Innovationen gegenüber sehr aufgeschlossen und hat für seine Zeit äußerst komplexe Bühnentechnik einsetzen lassen. Es ist natürlich spekulativ, aber es spricht einiges dafür, dass er auch heutigen technischen Entwicklungen mit Interesse begegnet wäre.