Wie der Kampf gegen KI-Rechenzentren zum US-Wahlkampfthema wird
Viele Amerikaner wollen keine KI-Rechenzentren in ihrer Nachbarschaft. Der Protest wächst rasant – und könnte zum zentralen Wahlkampfthema werden. Was treibt die Rebellen an? Und was können sie erreichen?
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Das schöne Wort Sabotage kommt von „Sabot“, dem französischen Wort für „Holzschuh“ – und dass es heute den Akt bezeichnet, Maschinen lahmzulegen, verdankt sich, wenn man der Legende glauben darf, einer durchaus innovativen Idee französischer Feldarbeiter zu Zeiten der industriellen Revolution: Sie warfen ihre Sabots in die Mäh- und Dreschmaschinen, um gegen die Mechanisierung zu protestieren.
Heute werden die französischen Saboteure meistens als traurige Gestalten dargestellt, als Nachfahren Don Quichotes, der mit Lanzen gegen Windmühlen kämpfte. Vor allem aber ihre englischen Zeitgenossen, die Ludditen, Anhänger des fiktiven Rebellen Ned Ludd, sind bis heute ein Synonym für naive Maschinenstürmer, die glauben, den unvermeidlichen Lauf der Dinge aufhalten zu können.

Dass dieses Bild ein Irrtum ist, hat die historische Forschung längst widerlegt, und trotzdem hält sich das Klischee von den einfältigen Fortschrittsfeinden, die verzweifelt gegen den falschen Feind kämpfen, hartnäckig. Auch in der aktuellen Debatte um die Technologie, die im allgemeinen Sprachgebrauch noch immer seltsam unironisch mit dem euphemistischen Marketingbegriff „Künstliche Intelligenz“ bezeichnet wird, hält man es gerne all jenen entgegen, die den Wettlauf schnellstmöglicher „Skalierung“ – auch so ein größenwahnsinniges Volldampfwort der Tech-Branche – nicht ganz so unvermeidlich finden. Und nicht einmal die Kritiker weisen das Klischee zurück: Die meisten legen Wert darauf, zu beteuern, sie seien keine Maschinenstürmer, keine Ludditen.
75 geplante Rechenzentren gestoppt
Wenn aber nicht alles täuscht, könnte sich das bald ändern. Denn der Unmut, der sich bisher eher diffus gegen die rasante Ausbreitung von KI in allen Lebensbereichen regte, ist gerade dabei, in eine bemerkenswerte Welle des Protests umzuschlagen – und vieles deutet darauf hin, dass sie so schnell nicht wieder verebben wird. Denn der „AI Backlash“ äußert sich mittlerweile nicht nur in einzelnen, zum Teil militanten Verzweiflungstaten, etwa in den Attacken auf OpenAI-Chef Sam Altman im April oder der Sabotage von Robotertaxis in Kalifornien. Er hat sich mittlerweile auf ein klares Ziel eingeschossen: auf die riesigen Rechenzentren, die für den Betrieb der KI-Modelle gebaut wurden oder in Planung sind.

Die Proteste gegen diese Großprojekte wachsen derzeit fast so rasant wie die Investitionen in die Branche: Allein in den ersten drei Monaten des Jahres hat sich die Zahl der Initiativen gegen Rechenzentren mehr als verdoppelt, ergab eine Studie der Marktforschungsfirma Data Center Watch. 833 gibt es davon in den Vereinigten Staaten schon.
In der gleichen Zeit wurden 75 geplante Rechenzentren im ganzen Land durch Interventionen der Öffentlichkeit gestoppt oder verzögert. Außerdem haben mehrere Bundesstaaten Gesetzentwürfe für einen Baustopp von Rechenzentren vorgelegt, 116 Gemeinden haben bereits Moratorien verabschiedet. Bernie Sanders und Alexandria Ocasio-Cortez schlagen sogar einen nationalen Baustopp für KI-Serverfarmen über 20 Megawatt vor, die sogenannten Hyperscale-Rechenzentren.
Data Center so groß wie Manhattan
Einige der Bauvorhaben, wie Metas Zwei-Gigawatt-Projekt Hyperion in Louisiana, sollen auf Grundstücken so groß wie Manhattan entstehen. In Utah will der kanadische Investor Kevin O’Leary, dem sein durch mehrere Medienauftritte erarbeiteter Ruf als rücksichtsloser Geschäftsmann zuletzt eine Rolle als Fiesling in „Marty Supreme“ einbrachte, eine Anlage bauen, die sogar doppelt so groß ist. Sein Projekt Stratos würde mehr Strom als der ganze Bundesstaat verbrauchen und die Temperatur in der Gegend um bis zu sechs Grad Celsius in die Höhe treiben, rechnete ein Experte an der Utah State University aus.

Die Vehemenz des Protests hängt vor allem mit dem bekannten Phänomen zusammen, dass sich politischer Widerstand in den USA erstaunlich leicht entzündet, wenn es um Bauprojekte vor der eigenen Haustür geht: Steigende Stromrechnungen, ein enormer Wasserverbrauch und eine ständige Lärmbelästigung sorgen dafür, dass KI nicht mehr länger nur als abstrakte Gefahr wahrgenommen wird, als theoretisches Schreckgespenst, das vielleicht eines Tages die Menschheit auslöscht, aber bis dahin wenigstens Zeit bei der Steuererklärung spart.
Die verlässliche politische Wucht dieser NIMBY-Kultur („Not in my backyard“) ist einer der Gründe dafür, dass der „AI Backlash“ plötzlich zu einem zentralen Wahlkampfthema werden könnte. „The AI backlash is only getting started“ titelte das Magazin „The Economist“ gerade. Eine im Mai veröffentlichte Gallup-Umfrage ergab, dass 71 Prozent der Amerikaner gegen KI-Rechenzentren in ihren Gemeinden sind. Die meisten hätten lieber ein Atomkraftwerk vor der Haustür als ein Data Center.
Parteiübergreifender Konsens in einer gespaltenen Nation
Erstaunlich ist auch der parteiübergreifende Konsens der sonst bekanntlich ziemlich gespaltenen Nation. Zwar ist die Ablehnung unter republikanischen Wählern nicht ganz so hoch, aber auch dort liegt sie noch bei 63 Prozent: „Das ist das größte überparteiliche Thema seit Bier“, scherzt der Comedian Charlie Berens. Und das Magazin „The New Republic“ titelte gerade: „Es dauerte eine Weile, aber die Amerikaner könnten etwas gefunden haben, was wir alle hassen.“
Sogar innerhalb der MAGA-Bewegung macht sich massiver Widerstand gegen den hemmungslosen Ausbau der KI-Fabriken breit, den Donald Trump vorantreibt, um die amerikanische Marktführerschaft zu sichern. Denn die meisten Rechenzentren entstehen genau vor der Nase seiner ländlichen Stammwählerschaft, in strukturschwachen Staaten wie Virginia, Michigan oder Georgia.
Und auch wenn diese besorgten Bürger die apokalyptischen Ängste nicht teilen, deren Beschwörung zum Geschäftsmodell des Silicon Valley gehört – nur 14 Prozent haben laut der Gallup-Studie grundsätzlich negative Ansichten zu KI –, wissen sie ganz gut, welche Gefahren die Technologie mit sich bringt: Für manche Bürger besteht schon in der Erhöhung der Energiepreise ein „existenzielles Risiko“.
Auch im Trump-Lager wächst der Widerstand
Eine der auffälligsten Figuren im Kampf gegen die Rechenzentren ist die Politaktivistin Amy Kremer, bisher eine der treusten Trump-Unterstützerinnen, unter anderem war sie an der „Stop the Steal“-Bewegung beteiligt und eine der Organisatorinnen des Angriffs auf das Kapitol am 6. Januar 2021. Nun warnt sie mit ihrer Initiative namens „Humans First“ vor Umweltschäden, hohen Energiekosten und Deepfakes und fordert: „Schützt unsere Heimatstädte, unsere Geldbeutel und unseren Lebensstil.“ Für den 18. Juli hat „Humans First“ zu einem nationalen Protesttag gegen KI-Rechenzentren aufgerufen.
Welchem politischen Lager es am Ende besser gelingt, mit dem „AI Backlash“ Stimmen zu gewinnen, ist noch offen. Jedenfalls ist das Thema auf dem besten Weg, von einer Nischenfrage zum zentralen Streitpunkt der kommenden Wahlkämpfe zu werden. „Das ist ein 100-Dollar-Schein, der am Straßenrand liegt“, meint die Reporterin Sabrina Tavernise, die für die „New York Times“ über die Proteste gegen Rechenzentren berichtet. „Fragt sich nur, wer ihn zuerst aufhebt.“
Auch Alexandria Ocasio-Cortez entdeckt das politische Potential
Auch die demokratische Politikerin Alexandria Ocasio-Cortez hat ihr Gespür für das Potential zuletzt angedeutet, als sie bei einer Anhörung des Energieausschusses des US-Repräsentantenhauses zwei Einmachgläser mit braunem Wasser in die Kamera hielt und den Bau eines Rechenzentrums von Meta in Georgia für die Verschmutzung verantwortlich machte. Ihr Besuch bei den Betroffenen im tiefroten Trump County dürfte ihr nicht nur dort Sympathien verschafft haben.

Wie groß die politische Sprengkraft des Themas ist, hängt auch davon ab, ob sich in den Protesten mehr ausdrückt als nur die Wut und die Eigeninteressen versprengter Communities. So ergab kürzlich eine Studie der Wirtschaftsberatung Milltown Partners, dass nur acht Prozent der KI-Gegner überhaupt in der Nähe eines Rechenzentrums wohnen.
Die legendäre Erin Brokovich mischt sich ein
Wie man die lokalen Initiativen zu einer Bewegung verbinden kann, die erkennt, dass sie es mit einem systemischen Problem zu tun hat, zeigt gerade eine andere prominente Kritikerin der Rechenzentren: Die Umweltaktivistin Erin Brockovich, die im Jahr 2000 durch die Verfilmung ihres Kampfes gegen die Verseuchung des Grundwassers durch den Energieversorger PG&E mit Julia Roberts bekannt wurde, hat eine Karte veröffentlicht, auf der die wichtigsten KI-Rechenzentren der USA verzeichnet sind. Dort findet man zurzeit neben den 33 laufenden Anlagen auch 65, die sich im Bau befinden, sowie 42 geplante – und über 8000 Orte, an denen Nutzer Rechenzentren gemeldet haben, die weitgehend unbeachtet in ihrer Umgebung aus dem Boden gestampft werden.
„Das mit Abstand häufigste Anliegen – noch vor Lärm, noch vor Wasserverbrauch, noch vor steigenden Versorgungskosten“, schreibt Brockovich, sei „Transparenz“. Oft tauchten in den Meldungen der Anwohner Begriffe auf wie „zum Schweigen gebracht“, „ignoriert“, „geheimniskrämerisch“ sowie „nicht gesehen und nicht gehört“. Immer wieder werden die Projekte unter idyllischen Tarnnamen wie „Jade“, „Excalibur“, „Accordion“, „Tango“ oder „Cherry Blosom“ angemeldet. „Wenn Rechenzentren so großartig sind“, fragt Brockovich in ihrem Blog, „warum werden sie dann im Geheimen gebaut?“

Brockovich betont, dass es ihr nicht um Technikkritik geht, sondern um die angemessene Beteiligung der Öffentlichkeit: Sie habe nichts gegen KI oder die Rechenzentren an sich. Auch sie würde sich wohl nicht als Maschinenstürmerin bezeichnen. Dabei ist diese Distanzierung gar nicht notwendig, wenn man die Vorkämpfer aus dem 19. Jahrhundert nicht als jene Karikatur betrachtet, als die sie die KI-Fabrikanten heute gerne zeichnen, um Technologiekritiker als hoffnungslose Innovationsmuffel zu verspotten. Denn auch den historischen Ludditen ging es nicht darum, sich dem Fortschritt in den Weg zu stellen, sondern um Mitsprache und Mitgestaltung.
„Verhandlungen durch Randale“
Natürlich konnten ihre Sabotagen am Ende weder die Industrialisierung aufhalten noch den Siegeszug jener immateriellen Übermaschine namens Kapitalismus. Aber das Ziel ihrer Angriffe war weniger fehlgeleitet als strategisch: Mit ihrem „Bargaining by Riot“, der Verhandlung durch Randale, zogen sie schon an den richtigen Hebeln, um wenigstens ein bisschen an der Software des neuen Betriebssystems mitzuschreiben und ihm ein paar Routinen hinzuzufügen: Tarifverhandlungen, Arbeiterrechte oder eine kollektive Organisation.
Was den Ludditen im Rückblick als blinde Wut ausgelegt wurde, war gewissermaßen überhaupt erst die Voraussetzung für die Entstehung eines Klassenbewusstseins, in dessen Namen sie später soziale Gerechtigkeit einfordern konnten. „Es bedarf Zeit und Erfahrung“, um es mit Karl Marx zu formulieren, „bevor der Arbeiter die Maschinerie von ihrer kapitalistischen Anwendung unterscheiden und daher seine Angriffe vom materiellen Produktionsmittel selbst auf dessen gesellschaftliche Exploitationsform übertragen lernt“.
Die Machtzentren der digitalen Welt
Ob sich nun auch die Eigenheimbesitzer in Indiana oder Illinois, die brummende Serverfarmen in ihrer Nachbarschaft verhindern wollen, gleich als Avantgarde der Internationale gegen das Digitalkapital sehen, kann man sicher bezweifeln. Und trotzdem hat ihr lokaler Widerstand einen kaum zu unterschätzenden symbolischen Effekt: Er schafft endlich die nötige Sichtbarkeit für die Großprojekte. Denn bisher schützte die Lage in der Peripherie, wo die Landnahme durch Rechenzentren seit Jahren rasant voranschreitet, die unscheinbaren Flachbauten trotz ihrer riesigen Ausmaße davor, als jene Machtzentren der digitalen Welt erkannt zu werden, die sie sind.
Dass sie nun als Bastille wahrgenommen werden, gegen die man Sturm laufen kann, als Verkörperung der Festung einer abgehobenen Tech-Aristokratie, endet vielleicht nicht gleich in einer Revolution; aber immerhin könnte es die überfällige Debatte in Schwung bringen, wie man in einer Demokratie den bisher spektakulär unregulierten Ausbau der Technologie verhandelt.
Ein neuer Zeitgeist
Dass sich im „AI Backlash“ auch jenseits der Hinterhöfe in der Provinz ein neuer Zeitgeist abzeichnet, kann man auch daran ablesen, dass der Luddismus als selbstbewusster Kampfbegriff gerade wieder eine überraschende Popularität gewinnt. Im New Yorker East Village trafen sich in der ersten Juliwoche ein bunter Haufen bekennender Maschinenstürmer auf dem Festival „Summer of Ludd“.
Handys waren verboten, Diskussionen über Technik nicht. Die Gruppe hat keinen Anführer und natürlich keine Website. Als ihr einziger Repräsentant trat bisher, in einem Interview mit dem reichweitenstarken Comedian Hasan Minhaj, eine Sprecherpuppe aus Stoff auf. Und auch wenn die Renaissance der Maschinenstürmer nur ein kurzer Hype ist, kommt sie offenbar vor allem bei den digitalen Natives der Gen Z sehr gut an.

Auch zwei sehr interessante Bücher rücken den schlechten Ruf der Ludditen als Verlierer der Geschichte zurecht: In „Blood in the Machine“ erinnerte der Journalist Brian Merchant schon 2023 an die Lektionen, die eine Gesellschaft im Strudel des Technokapitals von ihnen lernen kann. In seinem gleichnamigen Blog versucht er seitdem regelmäßig, darüber aufzuklären, dass die Ansprüche der Textilarbeiter des 19. Jahrhunderts auch heute noch alles andere als rückwärtsgewandt sind: Sie hatten kein Problem mit der Technik an sich, und hätte man ihre Häuser mit fließendem Wasser und elektrischem Strom ausgestattet oder mit ein paar mechanischen Hausgeistern, hätten sie sich so wenig dagegen gewehrt wie ein Fabrikarbeiter von heute gegen ein neues Smartphone. Sie hatten nur etwas gegen Ausbeutung und Armut.
Noch radikaler blickt der Humangeograph Thomas Dekeyser auf den Widerstand gegen die Technik. In seinem Buch „Techno-Negative: A Long History of Refusing the Machine“ beschreibt er die lange und wechselhafte Geschichte der Technikverweigerung. Und zeigt, wie willkürlich und wandelbar die Behauptung ist, dass gesellschaftlicher Fortschritt mit technischer Weiterentwicklung zusammenhängt. Sehr lange nämlich waren es eher die herrschenden Kräfte, die neuen Technologien skeptisch gegenüberstanden, erst mit der Industrialisierung änderte sich das.
Dekeysers origineller Blick auf Störenfriede wie die Ludditen erinnert daran, dass es weder romantisch noch reaktionär sein muss, bestimmte Technologien grundsätzlich infrage zu stellen. In einer Zeit, in der KI routiniert als höhere Gewalt präsentiert wird und ihr Ausbau als Gebot der ökonomischen und sozialen Vernunft, ist das ein hilfreiches Gegengift.
Denn selbst wenn man die Entwicklung nicht aufhalten kann, kann ein bisschen Sand im Getriebe nicht schaden – und sei es nur, um ein bisschen Zeit zu gewinnen, um ein paar Fragen zu besprechen: Wer zahlt den Preis für den hemmungslosen Ausbau? Wer profitiert davon? Und wollen wir uns nicht vielleicht doch auf ein paar Regeln einigen? Man kann das für lästige Bürokratie halten, andere nennen es Demokratie. Ob es für die am Ende ein Fortschritt wäre, die Rechenzentren zu zerstören, kann man dann immer noch entscheiden.