Nuklearabkommen zwischen Saudiarabien und USA: Gefahr für Israels Sicherheitspolitik?
Über Jahrzehnte galt für Jerusalem, dass es in der Region nur einen Staat mit Kernwaffen geben darf. Das amerikanisch-saudische Nuklearabkommen könnte diese Doktrin infrage stellen.
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Israels Angst vor der saudischen Atombombe
Über Jahrzehnte galt für Jerusalem, dass es in der Region nur einen Staat mit Kernwaffen geben darf. Das amerikanisch-saudische Nuklearabkommen könnte diese Doktrin infrage stellen.
25.07.2026, 05.30 Uhr
4 Leseminuten

Schienen sich einig: Donald Trump und der saudische Kronprinz Mohammed bin Salman.
Getty
Das von Donald Trump angekündigte Nuklearabkommen zwischen den USA und Saudiarabien hat in Riad zu Jubel geführt und in Jerusalem zu Alarmstimmung. Die saudische Zeitung «Okaz» feiert einen «historischen» Vertrag. Ein paar Flugstunden weiter westlich hingegen warnt «Israel Hayom», die Hauszeitung von Ministerpräsident Benjamin Netanyahu, vor einer «Gefahr für Israel». Was davon zutrifft und was nicht, ist auch Tage nach der ersten Ankündigung nicht klar.
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Dies liegt auch am amerikanischen Präsidenten selbst. Die Vereinbarung wurde zwar bereits am Mittwoch unterzeichnet. Einen Tag später dann schob Trump eine Bedingung nach. Saudiarabien müsse dem Abraham-Abkommen beitreten, seine Beziehungen zu Israel normalisieren. Ohne diesen Schritt werde es auch keine amerikanische Kernkraft für das Königreich am Golf geben, schrieb er auf Truth Social.
Allerdings war davon zuvor keine Rede gewesen. Im Gegenteil: Das «Wall Street Journal» hatte berichtet, Trump sei den Saudi in den Gesprächen weit entgegengekommen. Zu einem Friedensschluss mit Israel habe er sie nicht gezwungen. Das wiederum hatte in Jerusalem für Aufregung gesorgt.
Sorge wegen nuklearen Wettrüstens
So nannte der ehemalige Ministerpräsident Naftali Bennett das Abkommen ein «schwerwiegendes strategisches Versagen». Ganz ähnlich klang Avigdor Lieberman, einst israelischer Aussen- sowie Verteidigungsminister. Eine Anreicherung von Uran auf saudischem Boden werde zu einem wahnwitzigen Wettrüsten im Nahen Osten führen. Und obgleich das Programm als ziviles Programm gedacht sei, werde es letztlich in Atomwaffen münden.
Hinter diesen Wortmeldungen steckt weniger die Sorge darüber, welche Absichten Kronprinz Mohammed bin Salman heute verfolgt. Zumindest informell hatte zwischen den beiden Staaten eine Annäherung stattgefunden. Schon 2023 standen Saudiarabien und Israel kurz vor einer Normalisierung. Dann kam der Terrorangriff der Hamas vom 7. Oktober. Der darauffolgende Gaza-Krieg brachte die Gespräche zum Erliegen. Sicherheitspolitisch aber bestand die Kooperation fort, offenbar besteht etwa ein Informationsaustausch zur Abwehr iranischer Raketen und Drohnen.
In Israel sorgt man sich vielmehr, dass das Abkommen einen Präzedenzfall schafft. Erstmals wäre Washington bereit, einem grossen arabischen Staat Zugang zu Technologien zu gewähren, die sich langfristig auch militärisch nutzen liessen. Ein ähnliches Atomabkommen hatten die USA zwar bereits 2009 mit den Vereinigten Arabischen Emiraten geschlossen. Dieses untersagte den Emiraten jedoch, Uran anzureichern und atomaren Abfall wieder aufzubereiten, zwei mögliche Wege zu einer Atombombe. Genau das soll, so berichtet es das «Wall Street Journal», den Saudi nun gestattet werden.
Im selben Truth-Social-Post, in dem Trump die Normalisierung der Beziehung zu Israel zur Bedingung machte, widersprach er diesen Berichten: «Es wird keine Anreicherung von Material geben!» Unabhängig überprüfen lässt sich das kaum, das Abkommen selbst ist nicht öffentlich.
Dennoch fürchtet man in Jerusalem, dass Saudiarabien zur nuklearen Schwellenmacht aufsteigen könnte. Zu einem Staat, der fähig ist, mit einer politischen Entscheidung vergleichsweise rasch in ein militärisches Programm einzusteigen.
Diese Argumentation knüpft an eine Grundüberzeugung der israelischen Sicherheitspolitik an. Seit den Angriffen auf die irakische Nuklearanlage Osirak im Jahr 1981 und später auf den syrischen Reaktor bei Deir al-Zur gilt die sogenannte Begin-Doktrin als Leitlinie israelischer Abschreckungspolitik. Danach soll kein potenziell feindlicher Staat in der Region dauerhaft über Fähigkeiten verfügen, aus denen sich Kernwaffen entwickeln lassen. Diese Logik richtet sich nicht gegen einzelne Regierungen, sondern gegen die dauerhafte Existenz entsprechender Infrastruktur.
Israels Regierungschef schweigt
Interessant ist, wer sich bislang nicht zum Atomabkommen geäussert hat: Benjamin Netanyahu. Sein Büro versandte am Donnerstagnachmittag lediglich eine kurze, rätselhafte Stellungnahme, die sich nur am Rande mit dem Thema beschäftigte. Die gemeinsame «militärische Aktion gegen das genozidale Regime in Teheran» habe die Möglichkeit geschaffen, den Kreis des Friedens zu erweitern, heisst es darin.
Dann folgt unvermittelt ein einziger, kurzer Verweis auf den Golfstaat. Wie Trump es gesagt habe, wäre der Beitritt Saudiarabiens zu den sogenannten Abraham-Abkommen ein «historischer Fortschritt für den Frieden im Nahen Osten».
Geht man in Netanyahus Büro tatsächlich davon aus, Trump könne die Saudi noch zu einer Annäherung bewegen? Überliefert ist lediglich, dass Jerusalem in den vergangenen Tagen Versuche unternahm, Trump zu einer Anpassung des Vertrags im eigenen Sinne zu bewegen. Der israelische Sender Kanal 12 berichtete, Netanyahu habe das Thema in einem Telefonat mit dem amerikanischen Aussenminister Marco Rubio zur Sprache gebracht. Rubio habe ihm versichert, die Vereinbarung komme nur zusammen mit einer Normalisierung zustande.
Die Abraham-Abkommen gehen auf Trumps erste Amtszeit zurück. 2020 normalisierten die Vereinigten Arabischen Emirate und Bahrain als erste arabische Staaten seit einem Vierteljahrhundert ihre Beziehungen zu Israel, kurz darauf folgten Marokko und der Sudan. Saudiarabien blieb fern. Das Königreich knüpft seine Unterschrift an eine Bedingung, die Israels Regierung bislang ablehnt: einen verbindlichen Fahrplan zur Gründung eines palästinensischen Staates.
In Riad beantwortete man die Forderung mit genau dem Schweigen, das Netanyahu zuvor dem Abkommen entgegengebracht hatte. Lediglich die amerikanische Journalistin Laura Rozen konnte dazu einen ungenannten saudischen Regierungsvertreter zitieren. Nachverhandlungen werde es nicht geben, der Vertrag sei schliesslich bereits unterzeichnet. Tweets würden keine unterzeichneten Verträge aufheben.
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