Wie Marine Le Pen ihre Partei mehrheitsfähig machte: Der französische Politologe Jean-Yves Camus im Interview

Das Rassemblement national ist längst keine Protestpartei mehr. Der französische Politologe Jean-Yves Camus erklärt, wie Marine Le Pen und Jordan Bardella die Partei mehrheitsfähig gemacht haben – und weshalb ihr Sieg bei der Präsidentschaftswahl 2027 dennoch nicht ausgemacht ist.

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Wie Marine Le Pen ihre Partei mehrheitsfähig machte: Der französische Politologe Jean-Yves Camus im Interview

Interview

«Den Wählern von Marine Le Pen ist es egal, ob Sie ihre Partei als rechtsextrem bezeichnen»

Das Rassemblement national ist längst keine Protestpartei mehr. Der französische Politologe Jean-Yves Camus erklärt, wie Marine Le Pen und Jordan Bardella die Partei mehrheitsfähig gemacht haben – und weshalb ihr Sieg bei der Präsidentschaftswahl 2027 dennoch nicht ausgemacht ist.

25.07.2026, 05.30 Uhr

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Die Präsidentschaftskandidatin des Rassemblement national, Marine Le Pen, will den Parteichef Jordan Bardella im Fall eines Wahlsiegs zum Premierminister machen.

Die Präsidentschaftskandidatin des Rassemblement national, Marine Le Pen, will den Parteichef Jordan Bardella im Fall eines Wahlsiegs zum Premierminister machen.

Benjamin Girette / Bloomberg via Getty

Herr Camus, bis vor kurzem gingen die meisten Beobachter davon aus, dass Jordan Bardella für das RN bei der Präsidentschaftswahl antreten werde. Anfang Juli hat das Berufungsgericht aber Marine Le Pen den Weg für eine Kandidatur frei gemacht. Das muss ein herber Rückschlag für den Parteichef gewesen sein.

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Vermutlich. Bei ihrem ersten gemeinsamen Wahlkampfauftritt nach dem Urteil konnte man ihm ansehen, wie enttäuscht er war. Ich glaube aber, dass er sich verkalkuliert hat. Es bestand immer die Möglichkeit, dass das Berufungsgericht die Dauer von Le Pens Unwählbarkeit verkürzen würde.

Le Pen hat immer erklärt, sie würde unter keinen Umständen eine elektronische Fussfessel im Wahlkampf tragen.

Das muss sie wahrscheinlich auch nicht. Ihre Anwälte haben mit der Beschwerde beim Kassationshof einen juristischen Ausweg gefunden. Bis darüber entschieden ist, wird Le Pen ihre Strafe aussetzen können. Ich glaube nicht, dass das vor dem ersten Wahlgang im April 2027 passiert. Wer Le Pen bereits abgeschrieben hat, unterschätzt ihren Kampfgeist.

Hat der Prozess gegen sie das Machtgefüge in der Partei zugunsten Bardellas verschoben?

Nein. Bardella wurde 2022 Parteichef, weil Le Pen das so wollte. Und als er nach ihrer Verurteilung im März 2025 als Ersatzkandidat für die Präsidentschaft bereitstand, geschah auch das auf ihre Initiative. Nach aussen treten die beiden als Tandem auf. Den politischen Kurs aber bestimmt sie.

Im Fall eines Wahlsiegs will sie ihn zum Premierminister machen.

Davon würden beide profitieren. Für Bardella wäre das Amt des Premierministers mit Anfang dreissig eine einmalige Chance. Er hat deshalb keinen Grund, mit Le Pen zu brechen oder eine Spaltung der Partei zu riskieren. Umgekehrt braucht sie ihn, weil die beiden sehr unterschiedliche Wählergruppen erreichen. Le Pen mobilisiert die traditionelle Basis und steht für den staatsinterventionistischen, sozialen Wirtschaftskurs der Partei. Bardella erreicht eher jüngere Wähler und jene, die sich von seinen wirtschaftsliberalen Ideen angesprochen fühlen.

Zur Person

NZZ

Experte für Extremismen

Jean-Yves Camus zählt seit Jahrzehnten zu den besten Kennern des Rassemblement national (RN). Der französische Politologe hat mehrere Bücher und Artikel über die Partei von Marine Le Pen veröffentlicht. Mittlerweile steht der 67-Jährige selbst in der Kritik: Kollegen werfen ihm vor, mit seinen Analysen zur Normalisierung des früheren Front national beigetragen zu haben.

Lassen sich eine marktfreundliche und eine interventionistische Linie unter einem Dach vereinen?

Wie gesagt: Le Pen trifft die Entscheidungen. Solange das so bleibt, muss die Partei den Widerspruch nicht auflösen. Das Spannungsfeld bleibt aber bestehen. Das ist kein rein französisches Phänomen. Auch in der österreichischen FPÖ und in der deutschen AfD prallen eher marktfreundliche, etatistische und sozialpatriotische Positionen aufeinander.

Haben sich im RN zwei Lager um die beiden Spitzen gebildet? Gibt es sozusagen Lepenisten und Bardellisten?

Es gibt Mitglieder, die sich eher mit Le Pen identifizieren, andere eher mit Bardella. Von Lagern würde ich aber nicht sprechen. Bardella hat vor allem unter jüngeren Parteimitgliedern Anhänger. Das zeigt sich bei seinen öffentlichen Auftritten ebenso wie in seiner Reichweite auf Instagram und Tiktok. Le Pen ist dagegen tiefer in der Basis verankert. Sie sucht den direkten Kontakt mit den Wählern auf Märkten, in Arbeiterquartieren. Sicher hätten manche in der Partei lieber Bardella als Kandidaten gesehen. Aber jeder weiss, wie schädlich Machtkämpfe wären. Das RN hat Ende der 1990er Jahre mit der Abspaltung um Bruno Mégret bereits einen schweren innerparteilichen Konflikt erlebt. Später folgte der Bruch zwischen Jean-Marie Le Pen und seiner Tochter. Das will niemand wiederholen.

Die Partei ist heute gesellschaftlich akzeptierter als vor fünfzehn Jahren, als Marine Le Pen den Vorsitz übernahm. Sie hat viel Energie darauf verwendet, das radikale Image des RN abzulegen. War ihre Strategie der Entdämonisierung erfolgreich?

Ja. Ein Kollege hat kürzlich allerdings einen Begriff verwendet, den ich noch treffender finde als Entdämonisierung. Er spricht von «Entkonfliktualisierung». Gemeint ist, dass das RN jede unnötige Konfrontation vermeidet. Die Abgeordneten halten sich bewusst an die parlamentarischen Spielregeln. Man hat ihnen eingeschärft, das republikanische Protokoll zu respektieren und sich als normale, potenziell regierungsfähige Partei zu präsentieren.

Die sogenannte «Strategie der Krawatte».

Genau. Marine Le Pen hat verstanden, dass die aggressive Rhetorik ihres Vaters die Partei marginalisiert hat. Heute gilt für viele Franzosen Jean-Luc Mélenchon als der radikalere Politiker. Das bedeutet aber nicht, dass sich das Programm des RN grundlegend verändert hätte. Im Zentrum steht nach wie vor die «nationale Präferenz», das heisst: die Bevorzugung französischer Staatsbürger bei Sozialleistungen oder auf dem Arbeitsmarkt. Hinzu kommen eine restriktive Einwanderungspolitik, die Betonung von Sicherheit und nationaler Souveränität, die Euroskepsis. In all diesen Fragen vertreten Le Pen und Bardella dieselben Positionen.

Trotzdem geraten immer wieder Politiker wegen rassistischer oder antisemitischer Äusserungen in die Schlagzeilen.

Die Medien finden vor fast jeder Wahl Kandidaten mit problematischer Vergangenheit oder Verbindungen ins rechtsextreme Milieu. Dann schliesst das RN solche Personen zwar aus oder entzieht ihnen die Unterstützung. Ist die Kandidatur aber einmal offiziell registriert, kann die Partei sie nicht mehr zurückziehen. Das Problem ist: Das RN hat heute Millionen von Wählern, oft fehlen aber die geeigneten Kandidaten. Dann wird schlicht der Einzige nominiert, der sich zur Verfügung stellt.

Viele französische Juden sagen heute, sie sähen nicht mehr im RN, sondern in der Partei von Mélenchon, La France insoumise, die grösste Gefahr. Können Sie das nachvollziehen?

Das höre ich ebenfalls. Schaut man sich die Wahlergebnisse in Gemeinden mit hohem jüdischem Bevölkerungsanteil an, relativiert sich dieses Bild allerdings. In Paris gibt es durchaus viele jüdische Wähler, die das RN unterstützen. In anderen Gemeinden mit einer grossen jüdischen Bevölkerung, etwa in Neuilly, Levallois oder Créteil, spielt die Partei keine Rolle. Ich bin selbst praktizierender Jude. Müsste ich zwischen La France insoumise und dem RN wählen, ginge ich nicht zur Wahl.

Le Pen hat ihre Partei einmal als «Schutzschild für die Juden Frankreichs» bezeichnet.

Diese Auffassung teile ich nicht. Unser Schutzschild ist der Rechtsstaat. Wir sind Bürger wie alle anderen und erwarten, dass antisemitische Straftaten konsequent verfolgt und bestraft werden.

Gibt es den typischen Wähler des RN noch? 

Immer weniger. Die Partei gewinnt heute in nahezu allen gesellschaftlichen Gruppen Stimmen hinzu. Menschen mit tieferem Einkommen und geringerem Bildungsniveau wählen das RN zwar nach wie vor häufiger als Wohlhabende oder Hochschulabsolventen. Der Abstand zwischen diesen Gruppen wird aber kleiner. Hinzu kommt ein Generationenwechsel. Immer weniger Wähler haben den Zweiten Weltkrieg oder den Algerienkrieg noch selbst erlebt. Damit verlieren auch die historischen Konflikte an Bedeutung, die lange das Bild des RN geprägt haben.

Man hört in Frankreich immer häufiger: «Il faut essayer» – man müsse Le Pen halt einfach einmal ausprobieren lassen. Steckt in diesem Satz die Stimmung des Landes?

Le Pen hat selbst kürzlich gesagt, die Präsidentschaftswahl im nächsten Jahr sei noch lange nicht entschieden. Damit hat sie recht. Von gut 40 Prozent auf eine absolute Mehrheit zu kommen, ist ein grosser Schritt. Wir kennen weder die endgültige Liste der Kandidaten noch das Urteil des Kassationsgerichtshofs. Beides kann den Wahlkampf grundlegend verändern. Hinzu kommt: In der Vergangenheit sind die Umfragewerte des RN im Verlauf des Wahlkampfs jeweils noch deutlich gesunken. Wir können aber mit Sicherheit davon ausgehen, dass Le Pen in die Stichwahl kommt.

Ihr Lieblingsszenario ist es, im zweiten Wahlgang auf Mélenchon zu treffen, weil er die meisten Franzosen abschreckt.

Ob es tatsächlich zu diesem Duell kommt, ist offen. Bis zur Wahl werden die Parteien der Mitte argumentieren, dass man das Land weder den Extremisten von links noch jenen von rechts anvertrauen dürfe. Auch der frühere Premierminister und Bürgermeister von Le Havre Édouard Philippe hat gute Chancen, die Stichwahl zu erreichen. Er hat Regierungserfahrung, steht für Kontinuität und einen proeuropäischen Kurs.

Aber viele Franzosen wollen einen Bruch, keine Kontinuität.

Ja, immer mehr Wähler wollen tatsächlich einen Systemwechsel. Auf der linken Seite verkörpert ihn Mélenchon mit seinem antikapitalistischen Projekt, auf der rechten Seite Le Pen mit ihren nationalistischen, souveränistischen Ideen. Frankreich erlebt einen starken «dégagisme» – den Wunsch, die politische Klasse zum Teufel zu jagen. Das ist verständlich, aber es ist eine Entscheidung aus dem Bauch heraus, nicht aus dem Kopf.

Herr Camus, Sie wurden dafür kritisiert, das RN nicht mehr als rechtsextrem zu bezeichnen und Jean-Marie Le Pen nach seinem Tod zu wohlwollend beurteilt zu haben. Einige Kollegen werfen Ihnen vor, die Distanz zu Ihrem Forschungsgegenstand verloren zu haben. Was sagen Sie ihnen?

Diese Kontroverse ist erst vor wenigen Monaten entstanden. Mehrere Kollegen haben mich öffentlich verteidigt, unter ihnen Pascal Perrineau und Pierre-André Taguieff. Die schärfste Kritik kommt von einer jüngeren Generation von Wissenschaftern, die politisch viel weiter links steht. Dass ich Jean-Marie Le Pens historische Bedeutung anerkenne, bedeutet nicht, dass ich seine Ansichten teile. Kein Jude kann seine Äusserungen über die Gaskammern gutheissen. Meine Familiengeschichte spricht für sich. In dieser Frage muss ich mir von niemandem Lektionen erteilen lassen.

Die Familie Le Pen lud Sie im Januar 2025 zur Beerdigung von Jean-Marie Le Pen ein. Auch das löste Kritik aus.

Ich halte Feldforschung für einen wesentlichen Bestandteil wissenschaftlicher Arbeit. Das hat nichts mit Loyalität oder politischer Nähe zu tun. Während der Messe habe ich nicht gebetet. Ich war dort, um zu beobachten. Ich habe auch mit Politikern gesprochen, die ich seit zwanzig Jahren nicht mehr gesehen hatte. Wenn andere Spezialisten das RN erforschen wollen, ohne je zu seinen Veranstaltungen zu gehen, steht ihnen das frei. Für mich entspricht das nicht meinem Verständnis seriöser Forschung. Meine politische Haltung hat sich dadurch nicht verändert.

Sie bezeichnen sich als Sozialdemokraten.

Ja.

Sagt dieser Streit auch etwas über das akademische Klima in Frankreich aus? 

Wissen Sie, seit vierzig Jahren schreiben die Forscher und Journalisten, dass der Front national von einem ehemaligen Mitglied der Waffen-SS mitgegründet worden sei. Das stimmt auch. Ich war einer der Ersten, die das wissenschaftlich dokumentiert haben. Aber glauben Sie wirklich, dass Sie jemanden auf einem Markt in Belfort oder Strassburg davon abbringen, Le Pen zu wählen, indem Sie auf einen Mitgründer verweisen, der seit Jahrzehnten tot ist? Genauso wenig verändern politische Etiketten eine Wahlentscheidung. Den Wählern von Le Pen ist es egal, ob Sie die Partei als rechtsextrem bezeichnen. Wissenschaftlich lässt sich diese Einordnung durchaus vertreten. Politisch erklärt sie nichts.

Warum nicht?

Anfang der 1990er Jahre war die Wählerschaft des Front national noch auf wenige Regionen konzentriert. Heute ist das RN eine politische Kraft mit landesweiter Verankerung. Diese Entwicklung gilt es zu erklären. Viele Kollegen behandeln das RN gleichzeitig als eine Partei, die politisch geächtet bleiben müsse. Das ist ihr gutes Recht. Mein Ansatz ist: Ich versuche zunächst zu verstehen, bevor ich urteile.

Ihre Kritiker sagen, genau dieser Ansatz normalisiere das RN.

Nein. Das können Sie gerne drucken: Ich habe die Partei nie gewählt und werde sie auch nicht wählen. Aber die Millionen Franzosen, die das tun, sind meine Mitbürger. Sie haben dieselben politischen Rechte wie ich. Man muss ihre Motive verstehen und ihre Argumente ernst nehmen. Demokratie lebt von der sachlichen Auseinandersetzung – von Programm gegen Programm, nicht von moralischen Etiketten.

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