In Weßlings Badeanstalt herrschten einst strenge Sitten
StartseiteLokalesStarnbergWeßlingStand: 29.08.2026, 08:07 UhrKommentareUns auf Google folgenGut besuchte Badeanstalt: Die Postkarte „Wessling am See. Seebad“ stammt wohl aus der Zeit um 1930. Die Familie Dallme...
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Stand: 29.08.2026, 08:07 Uhr
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Da, wo heute am Weßlinger See der Kiosk steht, befand sich einst die Weßlinger Badeanstalt. Vor 100 Jahren wurde sie neu errichtet, vor 50 Jahren abgerissen. Und zwar so plötzlich, dass die Demonstranten zu spät kamen. Ein Blick in Weßlinger Geschichte.
Weßling – Es gab Sommertage, da drängten sich die Gäste in der hölzernen Badeanstalt am Weßlinger See so dicht, dass sich im besten Sinne des Wortes die Balken bogen. Vom Dreimeterbrett schraubten sich die Weßlinger ins Wasser, zerrten Schlauchboote aus den Kabinen oder brieten auf den beiden Sonnendächern. Drei runde Jahrestage erzählen die Geschichte der Badeanstalt: 1906 entstand die erste, 1926 wurde sie neu gebaut und vor 50 Jahren abgerissen. An ihrer Stelle steht heute der Kiosk. Nachzulesen ist über diesen Teil der Weßlinger Vergangenheit in den Memoiren von Altbürgermeister Martin Schneider und natürlich in Erich Rübas Ortschronik.
Ein Stück Kindheit für den Bürgermeister
Für Bürgermeister Michael Sturm war die Badeanstalt ein Stück Kindheit. Nach der Schule verbrachte er den Nachmittag dort mit Rutschen, Springen und Schwimmen. Im Winter zog es ihn wieder dorthin, dieses Mal mit Schlittschuhen an den Füßen. Und Altbürgermeister Schneider erinnerte sich in seinen Memoiren „Wenn die Schellkopf Anna gwusst hätt‘“: „Aus dem Freibad warf uns Herr Wohlmuth (…) um Punkt 14 Uhr hinaus. Der Nachmittag war den Erwachsenen vorbehalten.“
Überhaupt herrschten strenge Sitten, erzählt Erich Rüba in seiner Chronik. Streng getrennt nach Männlein und Weiblein – und die Schwimmkleidung sollte möglichst viel Haut bedecken. Wachtmeister Ludwig Wölkl nahm es dabei ganz genau. Wir schreiben das Jahr 1917. Tatort: Badeanstalt. Tatverdächtige: zwei Herren. Das Delikt: Ihre „mangelhaften Badehosen“ bedeckten den Geschlechtsteil nur zur Hälfte. So standen sie auch noch auf der Brücke, „wo sie vom öffentlichen Wege aus gesehen werden konnten“, meldete Wölkl dem Königlichen Bezirksamt. Schauplatz war der erste Holzbau der Badeanstalt, den Architekt Max Ostenrieder 1906 entworfen und Zimmermeister Georg Paul für Postwirt Georg Dallmeyr baute. 1926 ließ dessen Witwe Amalie das Bad abreißen und von Paul deutlich größer neu bauen. Die beiden Sonnendächer standen nicht im Plan – und prompt bekam sie Ärger mit dem Amt. Den nächsten Ärger brachte ein fast zwei Meter hoher Bretterzaun, der die Liegewiese vor neugierigen Blicken schützen sollte und dem die Baupolizei einen Riegel vorschob.
Die Badeanstalt öffnete trotzdem und am Kiosk gingen Steckerleis und Wurstsemmeln aus Kochsalami über die Theke. Die Familie Dallmeyr warb mit einer „modernen Badeanstalt mit 200 Kabinen“, die gegen Jahresgebühr in festen Händen waren. „Ein Stück Heimat“ war die Badeanstalt für Christina Mörtl-Diemer. Bis heute erinnert sie sich an diesen ganz eigenen Geruch, den knarzenden Holzboden und das alte Sofa an der Wand. Mit der strengen Trennung von Mann und Frau war es zu ihrer Zeit bereits vorbei: Schon 1927 beklagte Wachtmeister Wölkl, in der Badeanstalt sei nun „alles untereinander“ – dem Zeitgeist entsprechend ließen sich die alten Vorschriften nicht mehr durchsetzen. Doch der Zeitgeist schlug 1935 eine weitaus gefährlichere Richtung ein: Im Mai beschloss der Gemeinderat: „Bei dem Fremdenverkehr soll eine Vermietung an Juden nach Möglichkeit vermieden werden“, heißt es in Rübas Chronik.
Rüba selbst war ein treuer Besucher des Strandbades. „Eine Jahreskabine konnten wir uns nicht leisten“, sagte er dem Starnberger Merkur. Auch der Eintritt war ein Klimmzug, also enterte der Bub Erich das Badeparadies über den See. Wer mit dem Auto kam, rollte seit 1933 über die Untere Seefeldstraße – bis sie Ende Juni 1952 für den Durchgangsverkehr gesperrt wurde.
Nach Pächter Wohlmuth folgten Sepp Reich und Gustav Harbord. 1957 kaufte die Gemeinde die Badeanstalt von Amalie Dallmeyr, 1961 übernahmen Karl und Maria Fein, später noch einmal Harbord. 1968 kaufte die Gemeinde für 200.000 Mark den See von Hans Graf zu Toerring-Jettenbach, ein Jahr später übernahmen Victor und Erna Jandl die Badeanstalt als Pächter.
Am Holzbau nagt Zahn der Zeit
Aber am Holzbau nagte der Zahn der Zeit und irgendwann stand die Entscheidung an: renovieren, neu bauen oder abreißen? Bürgermeister Schneider hielt die Badeanstalt für nicht mehr sanierungsfähig. Auf sein Zeichen rollte im Januar 1976 der Bagger an, und wenige Stunden später lagen die Reste auf dem Laster. So schnell, dass die Bürgerinitiative „Rettet das Weßlinger Schwimmbad“ erst demonstrierte, als es nichts mehr zu retten gab. Heute steht dort der von Roland von Rebay entworfene Kiosk.

Für viele ist die Badeanstalt am Weßlinger See ein Sehnsuchtsort geblieben. Ein Ort, an dem sich in der Erinnerung noch immer die Balken biegen, die Badegäste auf den Sonnendächern braten und sich vom Dreimeterbrett ins Wasser schrauben.
Michèle Kirner