Historiker Timothy Snyder: "Putin führt den Krieg nur mehr wegen Trump"
Der US-Präsident habe den Kreml-Chef mit seinen Zugeständnissen paradoxerweise in Bedrängnis gebracht. Putins Obsession mit der Ukraine sei jedoch zu groß, als dass er den Krieg freiwillig beenden würde
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Russlands Angriffskrieg
Historiker Timothy Snyder: "Putin führt den Krieg nur mehr wegen Trump"
Der US-Präsident habe den Kreml-Chef mit seinen Zugeständnissen paradoxerweise in Bedrängnis gebracht. Putins Obsession mit der Ukraine sei jedoch zu groß, als dass er den Krieg freiwillig beenden würde
Interview
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Florian Niederndorfer
Optimismus im Hinblick auf Russlands Krieg gegen die Ukraine sucht man bei Timothy Snyder vergeblich. Der US-Historiker sieht Kreml-Chef Wladimir Putin in einer politischen und ideologischen Sackgasse: Seine Fixierung auf die Ukraine sei mittlerweile so groß, dass er den Krieg nicht aus eigenem Antrieb beenden könne.
Eine paradoxe Rolle schreibt Synder dabei US-Präsident Donald Trump zu. Einerseits sei dieser Putin weit entgegengekommen und habe damit russische Erwartungen erfüllt. Andererseits habe er den Kreml-Chef gerade dadurch unter Druck gesetzt, weil die in Moskau geweckten Hoffnungen unerfüllt geblieben seien.
Der Historiker sprach diese Woche am Wiener Institut für die Wissenschaften vom Menschen (IWM), dessen neuer Rektor der prominente Osteuropa-Historiker Michael David-Fox ist, mit dem STANDARD über Putins Herrschaftssystem, die Lage in Russland und die Perspektiven des Krieges.
STANDARD: Seit der Zeit Iwans des Schrecklichen gibt es in Russland den Spruch "Guter Zar, schlechte Bojaren", der andeutet, dass viele Menschen nicht der Führung die Schuld an Missständen geben, sondern deren Beratern und lokalen Statthaltern. Auch Söldnerführer Jewgeni Prigoschin wandte sich bei seinem Aufstand 2023 nicht gegen Putin selbst, sondern gegen die Armeeführung und das Verteidigungsministerium. Glauben Sie, dass der Spruch im heutigen Russland noch Gültigkeit hat?
Snyder: Es gibt sicherlich nach wie vor die Tendenz dazu. Man sieht das etwa, wenn Soldaten und andere Menschen Putin Videos schicken, weil sie glauben, das sei für ihn wichtig. Dieser Mechanismus bricht aber langsam zusammen. Jeder weiß, dass Putin selbst diesen Krieg gewollt hat und je länger er dauert, desto schwieriger wird es, jemand anderem die Schuld daran zu geben, dass Russland ihn nicht gewinnt.
STANDARD: Mitunter heißt es, Putin erhalte von seinen Generälen unzureichende Informationen über den Stand der Dinge im Krieg. Halten Sie das für denkbar?
Snyder: Es gibt dafür historisch sehr klare Tendenzen. Je tyrannischer ein System ist, desto schwieriger gelangt der Machthaber an akkurate Informationen. Niemand wagt es, ihm die Wahrheit zu sagen. Wir wissen über Putin, dass er sehr viel Zeit mit dem Konsum von Medien verbringt, deren Nachrichten er selbst bestimmt hat. Die Situation erinnert an ein Shakespeare-Drama oder eine griechische Tragödie. Putin ist ein alternder Tyrann, der eine Obsession für die Ukraine hat und deshalb weder auf die Interessen Russlands Rücksicht nimmt noch auf seine eigenen. Er wird erst sehr spät merken, dass der Krieg verloren ist.
STANDARD: Was bedeutet es in diesem Zusammenhang, dass Russland vor kurzem das Kyjiwer Höhlenkloster Lawra angegriffen hat, ein Unesco-Welterbe, das sowohl den Orthodoxen in der Ukraine als auch in Russland heilig ist?
Snyder: Putin versucht die Geschichte so darzustellen, als gäbe es ein spirituelles Kontinuum zwischen Russland und der Ukraine. Nichts, was seit der Gründung der Lawra (im 11. Jahrhundert, Anm.) passiert ist, ist für ihn von Belang. Putins Obsession dreht sich nicht um tatsächliche Geschichte oder um Religion, ihm geht es um die Idee, dass Russland und die Ukraine immer schon vereint gewesen seien. Strategisch betrachtet sind die vielen Raketen auf Kyjiw ein Zeichen der Verzweiflung. Russland will uns zeigen, wie böse es ist, damit wir ihm Zugeständnisse machen.
STANDARD: Der US-Analyst Michael Kofman rechnete zu Beginn des Jahres vor, dass jeder 25. russische Mann zwischen 18 und 49 im Krieg getötet oder verwundet wurde. Wie kann es sein, dass auf den Straßen Moskaus oder St. Petersburgs niemand dagegen protestiert?
Snyder: Unsere Möglichkeiten, die soziologischen und anthropologischen Realitäten Russlands zu analysieren, sind sehr limitiert. So gut wie niemand, der derzeit über Russland spricht, war in letzter Zeit dort. Darum kann ich nur zwei eher allgemeine Antworten geben. Einerseits haben viele derjenigen, die protestieren würden, Russland verlassen oder sind im Gefängnis. Andererseits dreht sich alles um Geld. Wenn ein Staat die Wirtschaft in so großem Maß kontrolliert, kann er auch entscheiden, dass es für Arme nur einen Weg gibt, zu Geld zu kommen. Wer in die Ukraine geht und dort stirbt, bekommt eine Menge Geld, das Russland zuvor verdient hat, indem es Gas und Öl nach Europa verkauft. Erst wenn dieser Mechanismus nicht mehr funktioniert, kommt der Krieg zu einem Ende.
STANDARD: In der Ukraine wurde im Machtkampf zwischen dem bisherigen Verteidigungsminister Mychajlo Fedorow und dem mit einigen Tagen Abstand ebenfalls entlassenen Armeechef Oleksandr Syrskyj ein Konflikt zwischen der postsowjetischen und der in der UdSSR sozialisierten Generation deutlich. Sehen Sie das auch so?
Snyder: Ich denke nicht, dass der Generationenwechsel eine so große Rolle spielt. Wer an Fortschritt glaubt, könnte geneigt sein zu denken, dass eine neue Generation vielleicht besser werden könnte. In Wahrheit gibt es aber keinen Grund dafür. Historisch herrscht in der Ukraine die Überzeugung vor, dass das Land keine Chancen bekäme, weil äußere Mächte sie verhinderten. In der Ukraine hat sich seit 1991 das Bewusstsein dafür, was alles möglich ist, aber viel stärker entwickelt als in Russland oder im übrigen Europa. Tatsächlich ist die Ukraine immer demokratischer geworden. Den Umstand, dass die junge Generation so viel mehr Chancen hat als die Generationen vor ihr, verbinden viele mit der Unabhängigkeit des Landes. Ein Teil der Tragödie des Krieges ist der Umstand, dass genau diese Generation nun kämpfen und sterben muss.
STANDARD: Wo verläuft diese Konfliktlinie im Gegensatz dazu in Russland?
Snyder: Dort unterscheidet sich die junge Generation zwar auch stark von der davor, anders als in der Ukraine hat sie aber nie eine Wahl erlebt, bei der es um etwas geht. Stattdessen dominiert der Putinismus das Leben der Menschen unter 40. Die junge Generation hat Zugang zu globalen Einflüssen und bis zu einem gewissen Grad auch zum Internet, sie hat aber nie Momente politischer Transformation erlebt wie die in der Ukraine.
STANDARD: Vor kurzem brach zwischen Warschau und Kyjiw ein alter Streit erneut aus, weil Präsident Wolodymyr Selenskyj eine Einheit seines Militärs nach der UPA-Miliz benannt hatte, die in den 1940er-Jahren viele Polen und Juden ermordete, bevor sie schließlich gegen die Sowjetarmee kämpfte. Warum war man da in Kyjiw so unsensibel?
Snyder: Ich halte das für einen Fehler Selenskyjs, aber für einen noch größeren Fehler Polens. Es ist moralisch fragwürdig, den Blick von einem Krieg, der gerade stattfindet, auf die Erinnerung an ein Verbrechen vor 80 Jahren zu verlagern, auch wenn einem das den komfortablen Effekt verschafft, sich selbst als Opfer zu sehen. Natürlich wäre es besser gewesen, die Ukraine hätte an Polen gedacht, bevor sie die Einheit umbenennt. Persönlich halte ich den Schritt aber vor allem mit Blick auf die Ukraine für falsch. Die UPA ist kein Modell für die Zukunft. Die heutige, demokratische Ukraine mit ihrem jüdischen Präsidenten und dem dezentralen System ist das Gegenteil dessen, was die UPA wollte.
STANDARD: Glauben Sie, dass die Märchen des Kreml über die Nazis in Kyjiw bei den Russinnen und Russen noch verfangen?
Snyder: Wir sind mittlerweile so weit weg von der sozialen Realität in Russland, dass das schwer zu sagen ist. Das Trauma des Zweiten Weltkriegs wurde aber von sowjetischen und russischen Führern so sehr missbraucht, dass es fast zu einer Denkgewohnheit geworden ist, jeden, der sich Russland widersetzt, als "Nazi" zu bezeichnen. Es ist eine Art postmoderne Ironie, dass heute gerade Russland ein Lehrbeispiel für ein faschistisches Regime ist. Trump bewundert Putin übrigens und sieht in Russland ein Vorbild für die USA. Dazu bräuchte es aber viel Geduld, und ich sehe nicht, dass Trump diese hat.
STANDARD: Ist Putin vom US-Präsidenten enttäuscht?
Snyder: Bei den beiden stoßen zwei Menschen aufeinander, die um sie herum immer alles schlimmer machen. Russland führt diesen Krieg nur mehr wegen Trump. Hätte Kamala Harris (demokratische Kandidatin 2024, Anm.) gewonnen, wäre der Krieg meiner Meinung nach schon vorbei. Dabei hat Trump all das getan, was sich die Russen von ihm erwartet hatten. Zugleich hat er ihnen aber falsche Hoffnungen gemacht. Russland sieht sich in der Ukraine eigentlich im Krieg gegen Amerika. Auch deshalb, um sagen zu können, man verliere nicht gegen die Ukraine alleine. Auf eine Art hat Trump Putin das Leben schwieriger gemacht, indem er die Ukraine nicht mehr unterstützt. (Florian Niederndorfer, 26.7.2026)
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