Hessens Chemieindustrie: Immer mehr Investitionen gehen ins Ausland
Hohe Kosten, wachsende Bürokratie und ausbleibende Reformen setzen Hessens chemisch-pharmazeutische Industrie unter Druck. Eine neue Umfrage zeigt: Investitionen fließen – aber immer öfter ins Ausland.
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Die Stimmung in der Chemie- und Pharmaindustrie ist schlecht. Das geht aus der aktuellen Mitgliederbefragung des Verbandes der Chemischen Industrie (VCI) hervor. Sie zeichnet ein alarmierendes Bild der Lage in Deutschland. Bürokratie, hohe Kosten und geopolitische Unsicherheiten setzen die Unternehmen auch in Hessen massiv unter Druck.
Bürokratie und Regulierung bleiben mit Abstand die stärksten Belastungsfaktoren: 85 Prozent der befragten hessischen Unternehmen stufen sie als schwere oder sehr schwere Last ein. Hinzu kommen hohe Energie- und Arbeitskosten sowie langwierige Genehmigungsverfahren. Der andauernde Konflikt im Nahen Osten hat die Lage zusätzlich verschärft: Rohstoffe und Vorprodukte haben sich verteuert, Lieferkettenprobleme nehmen zu, Handelskonflikte belasten 65 Prozent der befragten Unternehmen.
Dass die Risiken einer Deindustrialisierung von Bundesregierung und EU-Kommission nicht ernst genug genommen werden, meinen 92 Prozent der Befragten. Die Politik der EU-Kommission bewerten 81 Prozent gar mit „mangelhaft“ oder „ungenügend“.
Nur vier Prozent planen höhere Investitionen
Das hat Folgen für Investitionen und Innovation. Auch wenn viele Unternehmen für ihre internationalen Märkte noch Wachstumspotenziale sehen, bleibt der Ausblick für das Deutschlandgeschäft verhalten. Die Investitionsbereitschaft am Standort sinkt spürbar: Lediglich vier Prozent der hessischen Unternehmen planen, ihre Investitionen in Deutschland zu steigern. Mehr als ein Drittel rechnen mit Rückgängen.
Auch Forschung und Entwicklung werden zunehmend international ausgerichtet. Als Grund werden vor allem hohe Standortkosten, regulatorische Belastungen und mangelnde Planungssicherheit genannt. 36 Prozent der hessischen Unternehmen geben an, Forschung und Entwicklung schon ganz oder teilweise ins Ausland zu verlagern.
„Die Ergebnisse zeigen, dass die Zeit drängt“, sagt Joachim Kreysing, Vorstandsvorsitzender des VCI Hessen. „Die Unternehmen investieren weiterhin in Hessen und Deutschland, sie tun dies jedoch zunehmend unter Vorbehalt. Investitionen, Innovationen und Forschung folgen langfristig den besten Rahmenbedingungen.“ Ohne konsequente Fortschritte bei Energiepreisen, Regulierung und Steuerbelastung drohe die schrittweise Abwanderung von Wertschöpfung, Forschungskapazitäten und qualifizierten Industriearbeitsplätzen ins Ausland.
Für Hessen zeichnet die Umfrage dennoch ein differenzierteres Bild als für den Bundesschnitt. Die hessischen Unternehmen beurteilen ihre eigene Geschäftsentwicklung insgesamt etwas optimistischer: 54 Prozent erwarten für 2026 steigende Umsätze, nur 25 Prozent rechnen mit Rückgängen. Zugleich halten sich positive und negative Ertragserwartungen mit je 40 Prozent die Waage. Als besondere Stärke des Standorts Hessen erweist sich die nach wie vor hohe Innovationskraft: Mehr als 80 Prozent der befragten Unternehmen betreiben Forschung und Entwicklung im Land – ein Wert, der nach Angaben des Verbands die Bedeutung Hessens als Chemie-, Pharma- und Innovationsstandort unterstreicht.
Zuversichtlich stimmt den Verband, dass in Hessen gemeinsam mit der Landesregierung an konkreten Verbesserungen gearbeitet wird. Mit dem im Frühjahr beschlossenen Industriepaket Hessen sei ein wichtiger Prozess angestoßen worden, der die Wettbewerbsfähigkeit des Standorts stärken solle. Auch die Bemühungen um Bürokratieabbau und effizientere Genehmigungsverfahren gingen in die richtige Richtung. Doch die Branche mahnt: Es muss schneller gehen.