Helga Paris in der Moritzburg: Etwas lag unterm verschütteten Gesicht
Helga Paris in der Moritzburg: Etwas lag unterm verschütteten Gesicht Helga Paris’ berühmte Fotoserie über Halle war den DDR-Funktionären zu wirklichkeitsnah, um gezeigt zu werden. Nun widmet das Kunstmuseum ...
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Helga Paris in der Moritzburg: Etwas lag unterm verschütteten Gesicht
Helga Paris’ berühmte Fotoserie über Halle war den DDR-Funktionären zu wirklichkeitsnah, um gezeigt zu werden. Nun widmet das Kunstmuseum Moritzburg ihr eine Ausstellung.
Foto: Helga Paris, aus „Häuser und Gesichter. Halle 1983–85“, Kulturstiftung Sachsen-Anhalt, Kunstmuseum Moritzburg Halle
Eigentlich sollten im Sommer 1986 Fotografien von Helga Paris in der Galerie Marktschlösschen in Halle zu sehen sein. Der Katalog war gedruckt, die Bilder hingen – dann kam die Absage. Es ist ein ungewöhnliches 40. Jubiläum, das das Kunstmuseum Moritzburg zum Anlass genommen hat, um die Fotoserie „Häuser und Gesichter. Halle 1983–85“ auszustellen.
Alle 101 Fotografien der Serie hängen im Sonderausstellungskubus: Ansichten von ganzen Straßenzügen, Portraits von einzelnen Häusern, Portraits von Menschen, die Paris spontan auf der Straße angesprochen hat. Und Portraits von Bekannten aus der halleschen Kunstszene, darunter die Sprechwissenschaftlerin Alena Fürnberg oder die Bildhauerin Irmtraud Ohme.
1983 hatte der Fotograf Arno Fischer eine Gruppe Fotograf:innen zu sich eingeladen und vorgeschlagen, die DDR nach dem Vorbild der sozialdokumentarischen Fotografie in den USA zu erfassen. Helga Paris (1938–2024) übernahm die Stadt Halle, in die ihre Tochter gerade gezogen war, um eine Ausbildung zu machen.
Die Ausstellung
„Helga Paris. Häuser und Gesichter. Halle 1983–85“, Kunstmuseum Moritzburg Halle (Saale), bis 20. September 2026. Katalog (Mitteldeutscher Verlag), 58 Euro
Evelyn Richter, Sibylle Bergemann und Helga Paris
Paris ist eine der wichtigsten fotografischen Stimmen der DDR, steht in einer Reihe mit Evelyn Richter und Sibylle Bergemann. Schon vor Halle entstanden Serien wie „Müllfahrer“, „Berliner Eckkneipen“ und „Möbelträger“ – geprägt von ehrlichem Interesse am Gegenstand, ohne eigene Agenda.
Auch an der Saale begann sie den Alltag zu fotografieren, das Verhalten der Menschen auf der Straße. Doch nie zuvor sei ihr so viel offenes Misstrauen und Aggression begegnet: Die Leute hätten sie beschimpft, wollten ihr den Film aus der Kamera nehmen, riefen nach der Polizei. Scheinbar fühlten sie sich ertappt: „Dabei merkte ich immer mehr, dass das alles mein Ziel nicht war. Weder der pure Anblick auf der Straße noch der aggressive Ausdruck der Ertappten“, notierte sie später.
Foto: Nachlass/Estate Helga Paris
„Viel mehr interessierte mich ihr verschüttetes Gesicht, das, was darunterlag, was sie gerettet hatten vor der Zerstörung, die sie allgegenwärtig umzingelte.“ Sie begann, Gesichter der Straßen und Gesichter von Menschen separat zu fotografieren.
Paris machte über 1.000 Fotos von Halle
Zwei reproduzierte Kontaktbögen lassen in der Ausstellung erahnen, dass Paris wohl über 1.000 Fotos gemacht hat. Ihre Endauswahl folgt keiner chronologischen oder geografischen Logik, die Hängung in Halle trägt die Handschrift von Kuratorin Jule Schaffer – mal im Block, mal als Paar, mal als Einzelbild. Beim Rundgang hilft ein Stadtplan von Halle dabei, die Aufnahmen im Heute zu verorten.
Und den Soundtrack liefern ortskundige Besucher:innen: „Da hab ich mein erstes Moped gekauft, da gab es ein Wiener Café, da hat meine Mutter immer ein Stück Torte mit Sahne bestellt. Da ist heute eine Bratwurstbude, da waren die Grünen mal drin …“
Der Unterschied zu heute ist unverkennbar. Halle in den 80er-Jahren. Das waren prunkvolle Altbauten neben Baulücken mitten im Stadtzentrum, halb abgerissene Häuser neben neugebauten Platten. Die ganze Stadt lag unter einem Grauschleier – Halle war der größte Industriestandort der DDR. Hinter Paris’ Fotografie vom Händel-Denkmal auf dem Marktplatz verschwinden die Türme der Marktkirche halb im Dunst.
Poesie, keine versteckte Kritik
Viele Häuser waren dem Verfall preisgeben: „Ein Parteifunktionär hat die Fotografie eines Gebäudes gesehen, dessen marodes Dach abgedeckt war. Alles ist verschneit“, erinnert sich Paris. „Ich fand das Motiv sehr schön, geradezu poetisch. Der Funktionär vermutete, ich wolle damit eine versteckte Kritik an urbanen Situationen in der DDR offenlegen. Das war aber gar nicht meine Absicht.“
In der Ausstellung informiert ein dunkelblaues, mittig platziertes Display ausführlich über die Entstehungsumstände und die ersten Ausstellungsversuche: 1985 hatte der Grafiker Helmut Brade, selbst Mitglied im Verband Bildender Künstler der DDR, die Idee, die Bilder im Sommer 1986 in Halle zu zeigen. Zwei Wochen vor der Eröffnung war das Ausstellungsheft fertig. Erste Bedenken unter den Verbandsmitgliedern. Der Katalog wurde der SED-Bezirksleitung zur Freigabe vorgelegt.
Es gab Diskussionen, am Ende hieß es, der Katalog zeige zu viel Unfertiges und Zerfallendes und werde den Anstrengungen, Halle ein neues Gesicht zu geben, nicht gerecht. Statt Sanierung waren damals umstrittene großflächige Abrisse im historischen Stadtkern und dessen sozialistische Rekonstruktion geplant. Es ging jedoch nur schleppend voran. Paris’ Bilder dokumentierten unbeabsichtigt das Versagen der Politik. Ausstellung und Katalog wurden nicht genehmigt.
Zweiter Ausstellungsversuch scheitert 1987
Ende 1986 schlug man von offizieller Seite vor, den Katalog zu überarbeiten und die Bilder 1987 auszustellen. Brades neuer Katalogentwurf enthielt zusätzliche Bilder und wenige Textänderungen: Aus „Die Stadt ist grau, die Luft schwer, der Fluß dunkel“ wurde „Die Stadt ist zuweilen grau, die Luft manchmal schwer, der Fluß etwas dunkel“. Die Ausstellung war schon in Planung, doch der Katalog fiel final wieder durch: Die „Diskrepanz zwischen Wirklichkeit und Fotos“ sei noch da und die „Stadtväter“ seien gegen diese „einseitige Darstellung unserer Stadt“.
Helga Paris stimmte einer Ausstellung ohne Katalog sogar zu. Doch noch während des Aufbaus wurde diese schließlich untersagt – zu gefährlich schien den politisch Verantwortlichen die Darstellung der Wirklichkeit. Bis 1990 blieben die Halle-Bilder in Halle unsichtbar.
Bereits 1986 wurden einzelne Bilder der Serie in Paris’ Buch „Gesichter. Frauen in der DDR“ in West-Berlin veröffentlicht und waren danach in Ausstellungen in Rostock und Ost-Berlin zu sehen. Im Mai 1989 gelang dem Kunstmuseum Moritzburg Halle der Ankauf der gesamten Serie – mit staatlichen Geldern.
New York und Halle
Im selben Monat zeigte Paris ausgerechnet in Halle ihre Fotografien aus New York und schrieb: „Ich habe New York fotografiert wie eine fremde Stadt in einem fremden Land – Versuch, alles, was ich wissen und verstehen könnte zu vergessen. So, als hätte ich beispielsweise in Halle fotografiert.“
Am 16. Januar 1990 eröffnete die Ausstellung der Halle-Serie schließlich im dritten Anlauf – ein Zeichen für Veränderungen in der damals noch bestehenden DDR. 16.000 Menschen kamen innerhalb von sechs Wochen. In der Moritzburg zeugen Briefe, Einladungskarten und Zeitungsartikel von der Geschichte hinter den Bildern. Der umfassende Katalog enthält die gesamte Serie, dazu die historische Recherche, Archivmaterial, Interviews.
Trotz der erstmalig erfolgten akribischen Aufarbeitung der Absage-Geschichte schafft es die Ausstellung, den Fokus auf die künstlerische Leistung zu setzen. Gerade in Zeiten, in denen Kunst, die in der DDR entstanden ist, eine Renaissance der Aufmerksamkeit erlebt, scheinen sich kuratorisches Feingefühl, wissenschaftliche Recherche und die verständliche Vermittlung komplexer historischer Produktions- und Rezeptionsbedingungen nicht ausschließen zu müssen.
Parallel zeigt das Literaturhaus Halle Bilder von Konstanze Göbel. Der Rat des Bezirkes Halle hatte sie nach dem Verbot der Paris-Bilder beauftragt, nicht den Verfall, sondern den Stadtumbau und die neuen sozialistischen Gebäude positiv darzustellen. Auch ihre Serie „Halle im Umbruch. 1987–1989“ zeigt eine Stadt voller Widersprüche. Vom Rat des Bezirkes Halle, dem Auftraggeber, erschien bei der Eröffnung 1989 niemand. Göbel hatte in weiser Voraussicht keine Arbeitsproben zur Abnahme eingereicht.
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