Heimspiel wird zum Märchen: Wattenscheider Sprinterin schlägt auch Lückenkemper
Für einen Moment schien im Lohrheidestadion die Zeit stillzustehen. Jolina Ernst blickte ungläubig auf die Anzeigetafel, konnte ihren Triumph kaum begreifen. Dass ausgerechnet Gina Lückenkemper, die große Favor...
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Für einen Moment schien im Lohrheidestadion die Zeit stillzustehen. Jolina Ernst blickte ungläubig auf die Anzeigetafel, konnte ihren Triumph kaum begreifen. Dass ausgerechnet Gina Lückenkemper, die große Favoritin auf Gold, zu den ersten Gratulantinnen gehörte, machte den Überraschungssieg der Wattenscheiderin perfekt. Vor heimischer Kulisse gewann die 22-Jährige den ersten deutschen Meistertitel ihrer Karriere.
Die Sprinterin des TV Wattenscheid 01 gewann am Samstag bei den Deutschen Leichtathletik-Meisterschaften im Lohrheidestadion das Finale über 100 Meter in 11,26 Sekunden – und feierte den Triumph ausgerechnet vor heimischer Kulisse. Vor den Augen ihrer Familie, ihrer Freunde und zahlreicher Vereinskollegen setzte sich die 22-Jährige knapp gegen Emma Goretzka (LAC Berlin) durch, die ebenfalls 11,26 Sekunden lief. Bronze ging an Topfavoritin Gina Lückenkemper (SCC Berlin) in 11,29 Sekunden.

Gina Lückenkemper (l.) musste sich Jolina Ernst geschlagen geben. © Sven Hoppe/dpa | Sven Hoppe

Feier mit den Fans: Jolina Ernst genoss den Sieg. © Sven Hoppe/dpa | Sven Hoppe
Titel überraschend in Wattenscheid geholt: Ernst blickt auf Heim-DM
Dass Ernst ausgerechnet in Wattenscheid den Titel holen würde, hatte sie selbst nicht erwartet. Noch vor zwei Wochen war sie bei den U23-Meisterschaften über 100 und 200 Meter jeweils zu Silber gelaufen. Vor allem der zweite Platz über die kürzere Sprintstrecke hatte sie damals geärgert.
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„Mittlerweile ist mein Anspruch so hoch, dass es dann doch das Ziel war, hier zu gewinnen“, hatte sie nach dem Rennen erklärt. Gleichzeitig richtete sie den Blick bereits auf die Heim-DM: „Ich freue mich schon auf die Deutschen Meisterschaften Ende Juli, wenn es hier richtig voll wird. Mein Ziel ist dann auf jeden Fall ein Platz weit vorn im Finale. Bei Deutschen Meisterschaften kann immer alles passieren.“
Ernst überrascht sich selbst mit sensationellem Erfolg
Genau das trat nun ein. Zwar hatte Ernst bei den U23-Titelkämpfen über 200 Meter mit 23,11 Sekunden eine persönliche Bestzeit aufgestellt und trotz körperlicher Probleme überzeugt. „Ich habe mich an diesem Wochenende, generell die ganze Woche, körperlich nicht so gut gefühlt. Deswegen bin ich super zufrieden und hätte auch nicht gerechnet, dass es so schnell wird am Ende“, hatte sie damals gesagt. Doch der ganz große Coup gelang ihr erst zwei Wochen später im Lohrheidestadion.
Entsprechend überwältigt zeigte sich die Wattenscheiderin nach dem Zieleinlauf. „Ich kann ehrlich gesagt noch gar nicht richtig beschreiben, wie es mir geht. Einfach unglaublich gut – und ich bin auch sehr überrascht, muss ich sagen“, sagte Ernst. „In den letzten Wochen hat leider nicht alles geklappt, wie ich mir das vorgestellt hatte. Deshalb habe ich heute überhaupt nicht mit diesem Ergebnis gerechnet. Es ist einfach mega.“
Familiengeschichte: Ernst folgt Mutter Paschke als Sprintmeisterin
Besonders emotional war für sie der Ort des Erfolgs. „Vor allem, dass ich den Sieg vor meinen ganzen Freunden und meiner Familie holen konnte, bedeutet mir unfassbar viel. Das macht diesen Erfolg einfach noch einmal ganz besonders.“

Melanie Paschke, die Mutter von Jolina Ernst, war auch eine sehr erfolgreiche Leichtathletin. Mehrmals wurde sie über die 100 Meter Deutsche Meisterin. © imago sportfotodienst | imago sportfotodienst
Mit ihrem Titel schreibt Ernst zugleich ein Stück Familiengeschichte fort. Die 22-Jährige ist die Tochter der früheren Weltklasse-Sprinterin Melanie Paschke. Ihre Mutter war zuletzt 2003 Deutsche Meisterin über die 100 Meter geworden. Mehr als zwei Jahrzehnte später bringt nun ihre Tochter den nationalen Sprinttitel zurück nach Wattenscheid.

Faire Verliererin: Gina Lückenkemper war eine der ersten Gratulantinnen nach dem Sieg von Jolina Ernst. © IMAGO/Anke Waelischmiller
Für Gina Lückenkemper blieb nach schwierigen Wochen nur Rang drei. Die Europameisterin berichtete nach dem Finale von den Folgen eines Zeckenbisses, der ihr Nervensystem beeinträchtigt habe und zu erheblichem Trainingsausfall führte. Umso größer war für Ernst die Chance – und sie nutzte sie eindrucksvoll. Aus der Ankündigung, bei der Heim-DM „weit vorn“ landen zu wollen, wurde der größte Erfolg ihrer Laufbahn: der deutsche Meistertitel auf der traditionsreichen Sprintbahn des Lohrheidestadions.
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