Heißluft war gestern: Dieser Dampf könnte 80 Prozent Energie sparen
StartseiteWirtschaftStand: 01.09.2026, 14:10 UhrKommentareUns auf Google folgenFraunhofer-Forscher wollen einen Energiefresser der Industrie zähmen – und die Trocknungsanlage nebenbei zum Wärmelieferanten mache...
- 3 min read
Stand: 01.09.2026, 14:10 Uhr
Kommentare
Fraunhofer-Forscher wollen einen Energiefresser der Industrie zähmen – und die Trocknungsanlage nebenbei zum Wärmelieferanten machen.
Bis zu 80 Prozent weniger Energie für industrielle Trocknungsprozesse: Forschende am Fraunhofer-Institut für Grenzflächen- und Bioverfahrenstechnik IGB entwickeln gemeinsam mit Evonik und der Pergande Group ein Verfahren, das die herkömmliche Heißlufttrocknung teilweise ersetzen könnte.
Content-Partnerschaft
Dieser Artikel entstand in Kooperation mit Markt und Mittelstand.de
Statt überwiegend mit Erdgas erhitzter Luft kommt überhitzter Wasserdampf in einem geschlossenen Kreislauf zum Einsatz. Kombiniert wird das Verfahren mit einer Wärmepumpe, erneuerbarem Strom und einer intelligenten Steuerung.

Allein der Einsatz von strombasiertem Heißdampf soll den Energiebedarf je nach Trocknungsart und Temperaturniveau um den Faktor zwei bis vier reduzieren. Das entspricht einer Einsparung von 50 bis 75 Prozent. Im Zusammenspiel mit Wärmerückgewinnung und flexibler Anlagensteuerung hält Fraunhofer sogar bis zu 80 Prozent für möglich.
Warum industrielle Trocknung so viel Energie verschlingt
Trocknungsprozesse gehören in vielen Branchen zum Produktionsalltag. Sie werden unter anderem in der Papier-, Zement-, Chemie- und Lebensmittelindustrie benötigt. Auch mineralische Rohstoffe, Baustoffe, Waschmittel, Futtermittel und organische Reststoffe müssen getrocknet werden, bevor sie weiterverarbeitet oder gelagert werden können.
Bislang wird dafür meistens Luft erhitzt – häufig durch die Verbrennung von Erdgas. Ein erheblicher Teil der eingesetzten Energie verschwindet anschließend mit der warmen Abluft in der Atmosphäre. Entsprechend groß sind Energieverbrauch und CO₂-Ausstoß.
Im Forschungsprojekt LowCarbDry ersetzen die Projektpartner die Heißluft deshalb durch überhitzten Wasserdampf bei Atmosphärendruck. Überhitzt bedeutet: Der Dampf liegt über seiner Sättigungstemperatur und enthält keine Flüssigkeitströpfchen mehr.
„Anstatt feuchte Produkte mit heißer Luft zu trocknen, nutzen wir überhitzten, trockenen Dampf in einem geschlossenen Kreislauf“, erklärt Antoine Dalibard vom Fraunhofer IGB. Weil das Prozessgas nicht ständig an die Umgebung abgegeben wird, lassen sich die Wärmeverluste deutlich verringern.
Die Wärmepumpe holt zurück, was sonst verloren geht
Eine Wärmepumpe soll die Effizienz weiter erhöhen. Sie hebt den im Trocknungsprozess entstehenden Niedertemperaturdampf auf ein höheres Temperaturniveau, sodass die darin enthaltene Energie erneut für die Trocknung verwendet werden kann.
Eine weitere Möglichkeit ist die sogenannte mechanische Brüdenverdichtung. Dabei verdichten Kompressoren den überschüssigen Dampf direkt. Ein zusätzlicher Kondensationsschritt ist nicht erforderlich. Dadurch geht weniger Energie verloren.
Mit einer modellprädiktiven Steuerung kann die Anlage zudem bevorzugt dann arbeiten, wenn viel erneuerbarer Strom verfügbar und der Strompreis entsprechend niedrig ist. Das senkt zwar nicht automatisch den technischen Energiebedarf, kann aber Betriebskosten und CO₂-Emissionen zusätzlich reduzieren.
Aus dem Energiefresser wird ein Wärmelieferant
Der eigentliche Clou beginnt nach dem Trocknen: Der aus dem Produkt freigesetzte Überschussdampf kann kondensiert werden. Dabei entsteht Wärme mit einer Temperatur von etwa 90 bis 100 Grad Celsius.
Diese Energie lässt sich in anderen industriellen Prozessen weiterverwenden oder in ein Nahwärmenetz einspeisen. Eine bislang besonders energiehungrige Anlage könnte damit künftig zusätzlich Produktionshallen, Büros oder benachbarte Gebäude beheizen.
Der Ratgeber für Entscheider
Der kostenlose Newsletter von Markt und Mittelstand liefert Ihnen zweimal pro Woche alles Wichtige für Sie als mittelständische Unternehmer, aktuelle Trends für Strategie und Finanzierung, nutzwertige Best-Practice-Beispiele aus dem Mittelstand sowie praxisrelevante Studien und aktuelle Forschungsergebnisse. Jetzt den "Markt und Mittelstand"-Newsletter kostenlos abonnieren
Kalk, Couscous, Insektenlarven: Was der Heißdampf alles trocknen kann
Die Heißdampftechnologie lässt sich nach Angaben des Fraunhofer IGB in verschiedenen Anlagen nutzen, darunter Band-, Trommel- und Sprühtrockner. Erprobt wurde sie bereits mit mineralischen Rohstoffen, Baumaterialien, organischen Reststoffen sowie Lebens- und Futtermitteln.
Zu den Testprodukten gehören beispielsweise Kalk, Stroh, Couscous und Insektenlarven. Pilotanlagen für die Heißdampfsprühtrocknung sind bei den beteiligten Industriepartnern bereits in Betrieb.
Ob sich das Verfahren im großen industriellen Maßstab durchsetzt, wird vor allem von den Investitionskosten, den jeweiligen Prozesstemperaturen und der Verfügbarkeit günstigen Stroms abhängen. Das Potenzial ist jedoch beträchtlich: Aus einem der klassischen Energieverbraucher der Industrie könnte ein weitgehend elektrifizierter Prozess werden, der Erdgas einspart, Abwärme nutzbar macht und seine Produktion an das Stromangebot anpasst. Quelle: Print-Ausgabe von Markt und MIttelstand