Goldenes Zeitalter der Sprachen: Warum es früher Zehntausende Sprachen gab

Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat mit Modellrechnungen rekonstruiert, wie sich die Zahl der Sprachen in der Weltbevölkerung seit dem Ende der Eiszeit entwickelt hat. Mit dem Ergebnis: Die maximale Vielfalt lag überraschend spät, vor 1.000 bis 3.000 Jahren. Die heutigen Sprachen sind nur die Überlebenden eines gewaltigen historischen Engpasses.

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Goldenes Zeitalter der Sprachen: Warum es früher Zehntausende Sprachen gab
7. November 2022: Touristen in der Nähe des Artemis Tempels in der antiken römischen Stadt Gerasa, dem heutigen Jarash Jerash, Jordan

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Vor 2.000 Jahren: Das "goldene Zeitalter" der sprachlichen Vielfalt ist lange vorbei

Stand: 23.07.2026 20:00 Uhr

Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat mit Modellrechnungen rekonstruiert, wie sich die Zahl der Sprachen in der Weltbevölkerung seit dem Ende der Eiszeit entwickelt hat. Mit dem Ergebnis: Die maximale Vielfalt lag überraschend spät, vor 1.000 bis 3.000 Jahren. Die heutigen Sprachen sind nur die Überlebenden eines gewaltigen historischen Engpasses.

von MDR WISSEN/ IZ

Weltweit gibt es heute etwa 7.100 bis 7.200 gesprochene Muttersprachen. Die Zahl ist dynamisch, weil die Unterschiede zwischen einem Dialekt und einer eigenständigen Sprache variieren. Obwohl die sprachliche Diversität heute enorm erscheint, stellt sie lediglich einen Bruchteil der Sprachen dar, die einst auf der Erde gesprochen wurden. Ein internationales Forschungsteam unter Beteiligung des Max-Planck-Instituts für evolutionäre Anthropologie in Leipzig hat nun herausgefunden: Das "goldene Zeitalter" der sprachlichen Vielfalt liegt lange hinter uns. Vor 1.000 bis 3.000 Jahren erreichte die Zahl der Sprachen ihren Höhepunkt. Damals gab es zehntausende Sprachen.

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Landwirtschaft vergrößerte die Weltbevölkerung

Dass es damals so viele Sprachen gab, hat mehrere Ursachen: Zunächst lebte ein großer Teil der Weltbevölkerung damals in kleinen, recht isolierten Gruppen, wie Dörfern und Stammesgesellschaften. Weil die Gruppen relativ isoliert voneinander lebten, konnten sich eigene Sprachen und Dialekte relativ lange halten. Als dann Landwirtschaft und technologischer Fortschritt die Weltbevölkerung stark vergrößerten, entstand mehr Raum für neue Varianten der Sprachen. Das Konzept von Staaten und größeren Reichen war zu diesem Zeitpunkt bereits etabliert, allerdings hatten die "Großsprachen" damals die lokale Vielfalt noch nicht komplett verdrängt.

Es gab damals auch noch keine globale Infrastruktur wie Bildungswesen, Nationalstaaten oder Massenmedien. Der Druck, sich auf wenige, weit verbreitete Sprachen zu einigen, war dementsprechend gering.

Der Höhepunkt sprachlicher Vielfalt war später, als gedacht

Die Ergebnisse der aktuellen Studie sind überraschend, weil man bisher oft davon ausgegangen war, dass die sprachliche Vielfalt in der Steinzeit besonders hoch war und seitdem kontinuierlich zurückgegangen ist. Nun legen die Befunde der aktuellen Studie nahe, dass das Maximum sprachlicher Vielfalt deutlich später war und damit vergleichsweise nahe an unserer heutigen Welt. Die Sprachen, die wir heute sprechen, sind den Forschenden zufolge die Überlebenden der enormen Vielfalt vor mehreren tausend Jahren.

Eine Brotfrucht

"Eine der ersten Überraschungen war, dass die Welt unmittelbar vor der Landwirtschaft wahrscheinlich nicht außergewöhnlich reich an Sprachen war. Es gab höchstwahrscheinlich weniger Sprachen als heute. Die sprachliche Vielfalt wuchs dann über Tausende von Jahren parallel zur menschlichen Bevölkerung", sagt Russell Gray, Direktor der Abteilung für linguistische und kulturelle Evolution am Max-Planck-Institut für evolutionäre Anthropologie in Leipzig.

Aus kultureller Perspektive bedeuten die Ergebnisse der Studie aber auch, dass mit den verschwundenen Sprachen eine Vielzahl an Perspektiven und Geschichten verloren ging, denn jede Sprache trägt eigene Mythen, Begriffe, Wissenssysteme und Weltdeutungen.

Modellierungen geben Aufschluss über die Sprachdiversität der Vergangenheit

Ermittelt haben die Forschenden die ungefähre Zahl der Sprachen der Vergangenheit mit mathematischen Modellierungen. Ausgangspunkt der Studie sind Daten von 171 Jäger- und Fischergesellschaften, deren traditionelle Lebensweise noch nicht von Landwirtschaft und modernen Staaten verändert worden war. Aus diesen Gesellschaften leiteten sie ab, wie groß ethnische Gruppen mit derselben Sprache damals ungefähr waren. Das kombinierten die Forschenden mit historischen Daten zur Bevölkerungsentwicklung. Aus dem Wissen, wie viele Menschen damals ungefähr eine Sprache teilten und wie viele Menschen es insgesamt gab, ließ sich folgern, wie viele Sprachen es ungefähr gegeben haben muss.

"Die Sprachen, die wir heute sehen, sind Überlebende eines massiven und hochselektiven historischen Engpasshalses. Ein sprachliches Merkmal kann nicht deshalb häufig sein, weil es von Natur aus überlegen ist, sondern weil es zufällig von Populationen getragen wurde, die sich ausbreiteten", sagt Damian Blasi, Hauptautor der Studie und Forscher am Katalanischen Institut für Forschung und Fortgeschrittene Studien (ICREA) und der Harvard University. Das Aussterben der Sprachen in der Vergangenheit könnte die sprachliche Vielfalt viel tiefgreifender geprägt haben, als man bisher erkannt habe.

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